Mittwoch, September 28, 2022
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1.FCM: Schach dem Aufstieg

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Mit einem gehörigen Vorsprung von acht Punkten auf den Tabellenzweiten geht der 1. FC Magdeburg in die am Wochenende beginnende Rückrunde der dritten Fußball-Liga. Doch vom Sprung nach oben mag man bei den Blau-Weißen nicht gern reden. | Von Rudi Bartlitz

Schach­welt­meis­ter Magnus Carl­sen ließ jüngst mit einer Aussage aufhor­chen. Die eigene Über­legenheit lang­weile ihn so sehr, dass der Norweger seinen WM-Titel mög­licherweise nicht mehr vertei­di­gen möchte und erwägt, ihn frei­wil­lig abzu­ge­ben. Ähnliche Töne vom 1. FC Magdeburg werden nicht zu hören sein. Um nicht missverstanden zu werden: Niemand hat die Absicht, dem FCM nahezulegen, auf den Aufstieg zu verzichten. Zumal er noch nicht einmal völlig in trockenen Tüchern ist. Aber ein klitzekleines Bekenntnis zu dem hehren Ziel würde der eine oder andere in diesen Tagen schon gern hören. Oder sollte man etwa sagen: sich wünschen?
Doch, so steht zu vermuten, je öfter danach gefragt wird, umso eher wird wohl das Gegenteil eintreten: noch mehr Understatement. Obwohl Parallelen zum königlichen Spiel – trotz völlig diametraler Ausgangslagen – in diesem konkreten Fall auf den ersten Blick recht verlockend erscheinen. Denn die Überlegenheit der Blau-Weißen hat in der dritten Liga nach der ersten Halbserie fast schon Carlsensche Dimensionen angenommen.

Zu einem Aufstiegsbekenntnis wird die Chefs am Krügel-Platz, und in deren Schlepptau die Spieler, wohl in den nächsten Wochen kaum jemand animieren können. Selbst ein wenig provokant gemeinte Reporter-Fragen, ob denn inzwischen zumindest genügend Punkte für den Klassenerhalt eingesammelt seien, stoßen ins Leere. Cheftrainer Christian Titz lächelt sie freundlich weg: „Ich weiß schon, worauf sie hinauswollen …“ Das ist alles, was er sich entlocken lässt. Die große Fan-Schar deutschlandweit ist da offener und freier in ihren Gedanken: Neun von zehn Befragten (91 Prozent) waren sich jüngst sicher und legten sich fest: Der FCM steigt auf. Dahinter folgen in den Prognosen Braunschweig (70 Prozent), Kaiserslautern (40) und Mannheim (35).

Und da Journalisten nirgendwo (nicht einmal in den Vereinsstatuten) ausdrücklich angehalten sind, sich den Kodex des FCM zu eigen zu machen, schon gar nicht in pikanten Aufstiegsfragen, halten wir an dieser Stelle einmal ganz emotionslos ein paar Fakten fest:


• Sage und schreibe acht Punkte beträgt derzeit der Vorsprung des Clubs auf einen Nichtaufstiegsplatz. Sogar zehn sind es auf vierten Rang, der den FCM am Ende tatsächlich leer ausgehen lassen würde. Das sind, mit Verlaub, fast schon Verhältnisse wie beim FC Bayern. „Hier riecht es nach Zweitliga-Luft“, merkt der Branchendienst „3. Liga online“ an. „Die können den Aufstieg nur noch selbst vermasseln“, ist sich MDR-Experte Lutz Lindemann sicher.
• Von den Teams der augenblicklichen Top Ten der Liga empfängt der FCM in der am 15. Januar beginnenden zweiten Saisonhälfte immerhin fünf daheim (Meppen, Saarbücken, Wiesbaden, 1860 München. Die ebenfalls schon zur Rückrunde zählende Partie gegen Mannheim wurde bereits mit 3:0 gewonnen). Nur drei Mal müssen die Titz-Schützlinge auswärts ran (Braunschweig, Kaiserslautern, Osnabrück). Dortmund II ist nicht aufstiegsberechtigt. Noch ist offen, wie lange die Begegnungen angesichts der Pandemie ohne Publikum ausgetragen werden müssen; dies könnte den Magdeburgern angesichts ihres fantastischen Anhangs möglicherweise zu einem kleinen Nachteil gereichen.
• Der FCM gilt in dieser Saison nach Meinung der überwiegenden Mehrheit der Experten als die spielerische mit Abstand beste Vertretung der Liga. Ihre offensive Wucht und ihre Brillanz im Kombinationsspiel erreicht kein anderer. Vorbei die Zeiten, als die Fehlerquote zuweilen hoch genug war, um ganze Seiten von Lehrbüchern zu füllen.
• 41 Tore bedeuten den besten Angriff, mit 18 Gegentreffern stellt der Club hinter Kaiserslautern (13) zudem die zweitstärkste Defensive. 25 Punkte daheim sind ebenfalls ein Spitzenwert. Es war ein überragendes Halbjahr, und ein überragendes 2021 obendrein. Denn in einer saisonübergreifenden Tabelle des Kalenderjahres 21 holte der FCM 81 Zähler, die meisten aller 27 Teams, die in den zurückliegenden Saisons in dieser Klasse mitmachten. Aufgeschlüsselt nach Punkten pro Spiel steht zwar Hansa Rostock vorn. Die Kogge kommt auf 2,14 Zähler im Schnitt. Es folgen Ingolstadt (1,95) und Dresden (1,9). Indes, alle drei Mannschaften sind inzwischen in die 2. Liga entfleucht. Dann folgt schon Magdeburg mit einem Quotienten von 1,88.
Also, alles in allem, es spricht vieles für den FCM. Schauen wir, um die formulierten Thesen zu untermauern, einige Punkte etwas genauer an.

Spielstärke
Nicht in jedem, aber in den allermeisten Begegnungen – wie zuletzt beim 3:0 über Mannheim – war dieser Mannschaft um ihren „Spiritus rector“ Baris Atik anzumerken, welche Spielfreude sie ausstrahlt, welche Qualität am Ball dahintersteckt. So kommt es auch nicht von ungefähr, dass in einer „Elf der Hinrunde“, die von den Lesern von „3. Liga online“ jetzt ermittelt wurde, von den zwölf vergebenen Positionen (elf Spieler, ein Trainer) allein die Hälfte (!) von Magdeburgern eingenommen wird. Es sind im einzelnen Alexander Bittroff (Abwehr), Andres Müller (defensives Mittelfeld), Jason Ceka (offensives Mittelfeld), Baris Atik und Luca Schuler (Angriff). Hinzu kommt Christian Titz als bester Trainer der Hinrunde. Bei den Torhütern scheiterte Dominik Reimann nur knapp an FCK-Keeper Matheo Raab, der in 18 Spielen nur 13 Gegentore kassierte und neunmal die Null hielt.
Marktwert

Diese obigen Resultate sind umso erstaunlicher, als der FCM bei den reinen Marktwerten der Drittligisten, eingeschlossen die beiden zweiten Vertretungen der Bundesligisten Borussia Dortmund und SC Freiburg, nur Rang sechs einnimmt. Allein der Wert des BVB-Nachwuchsteams liegt nach der zum Jahreswechsel vorgenommenen jüngsten Berechnung des Branchendienstes transfermarkt.de mit 13,2 Millionen Euro mehr als doppelt so hoch wie die der Magdeburger (6,43 Millionen). Hinter den Schwarz-Gelben rangieren Freiburg II (8,50 Millionen), Kaiserslautern (7,03), Wiesbaden (6,90) und Braunschweig (6,59).
Nahezu allen FCM-Akteuren gelang es, in den zurückliegenden Monaten ihren Marktwert zu steigern oder zumindest zu halten. Den größten Sprung machte dabei Stürmer Luca Schuler, der sich von 125.000 auf 450.000 Euro verbesserte. „Wertvollster“ Spieler bei den Blau-Weißen ist weiterhin Baris Atik, dessen persönliche Kennziffer nunmehr 550.000 Euro ausweist. Damit nimmt er hinter dem Lauterer Jean Zimmer (650.000) den zweiten Rang aller Drittliga-Spieler ein – ausgenommen natürlich jene von den Bundesliga-Zweitvertretungen, deren Top-Leute heute schon im siebenstelligen Euro-Bereich angesiedelt sind.

Finanzen
Geld schießt keine Tore, sagen die einen und pochen auf eine vermeintliche alte Fußballweisheit. Doch, das tut es wohl, behaupten andere. Darum mache, fügen sie hinzu, selbst die dritte Liga keinen Bogen. Wenn dem so sein sollte, hätte der Magdeburger Klub auch auf diesem Feld nicht die schlechtesten Karten – immer im Umfeld seiner Spielklasse gesehen, versteht sich. Wie schon im Spätherbst auf der Mitgliederversammlung bekannt wurde, verfügte der Stammverein über ein Eigenkapital von 4,2 Millionen Euro (die letzten Zahlen liegen für die Saison 2019/20 vor). Noch etwas besser steht die ausgegliederte Profi-Abteilung da: Bei einem Umsatz von 12,1 Millionen Euro liegt das Eigenkapital bei 6,6 Millionen Euro. Und gerade das Eigenkapital ist bei der Mehrheit der Drittligisten so etwas wie die finanzielle Achillesferse, macht sie schnell, wie es im Pandemie-Deutsch neuerdings heißt, vulnerabel. Gerade in schwierigen Zeiten wie den jetzigen.
Denn Gevatter Corona hat inzwischen kräftig die Sense geschwungen, herb zugeschlagen. Davon bleibt man auch am Krügel-Platz nicht verschont. Dennoch: Trotz eines Minus von 88.000 Euro in der Serie 20/21 wurde nicht auf die Bremse getreten, sondern der Etat für die Mannschaft im zurückliegenden Sommer von 4,5 Millionen auf 5,2 Millionen Euro angehoben, wurde in den sportlichen Bereich investiert. Eine ebenso mutige wie richtige Entscheidung, wie sich im Nachhinein zeigt. Der Verein habe in den vergangenen Jahren, so Geschäftsführer Mario Kallnik in der „Volksstimme“, „wirtschaftlich vernünftig gearbeitet“ und sei deshalb „aktuell nicht in Not geraten“. Die Corona-Krise, versichert er, werde trotz aller Schwierigkeiten überstanden. Für das sportliche Ziel, wie unscharf auch immer es derzeit noch formuliert sein mag, gewiss nicht die schlechtesten Aussichten.
Zumal das Team die Saison nicht routiniert herunterspult. Das kann jeder sehen. Siege auf dem Feld werden durchaus nicht nur mit beein­dru­cken­der Beiläu­fig­keit zur Kennt­nis genommen. Nein, Torer­fol­ge (und somit Punkte) feierte man weiter mit Inbrunst. Nicht nur in dieser Hinsicht unterscheiden sich die FCM-Jungs schon sehr von einem gelang­weil­ten Schach­welt­meis­ter.

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