1990: Ostmark Adé – die harte Währung ist da

Spannungsvoll und widersprüchlich war die Zeit nach der friedlichen Revolution. Wie sollte es weitergehen? Kaum waren die Transparente der Revolution eingerollt, skandierten die Rufer neue Slogans. Zunehmend ungeduldiger hallte es durch die Magdeburger Straßen: „Kommt die DM nicht nach hier, kommen wir zu ihr“. Nachdem Bundeskanzler Helmut Kohl Februar 1990 die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion der beiden deutschen Staaten verkündete, stand am 1. Juli der größte Einschnitt für die fast Ex-DDR-Staatsbürger an – sie hielten von nun an die D-Mark in ihren Händen. Für sie, wie auch im Ausland, das Symbol für das Wirtschaftswunder und den bundesdeutschen Wohlstand.

Die Herausforderungen der D-Mark und der Marktwirtschaft waren zu diesem Zeitpunkt kaum jemandem bewusst. Der Niedergang der ostdeutschen Währung hatte sich allerdings schon Jahre vorher abgezeichnet. Die Mark hatte die DDR in den Jahren ihrer Existenz geprägt. Als Binnenwährung war sie nicht konvertierbar, Einfuhr und Ausfuhr waren unter Strafe verboten. Trotzdem fanden pfiffige Magdeburger einen Schlupfweg, um ihre Ostmark in harte Westmark „umzurubeln“. Der Kurs von 1:10 (sogar auch noch höher) ermöglichte es, begehrte Westartikel aus den Intershops zu kaufen. Längst vergessen ist der Umstand, dass die Preise für Grundbedürfnisse (Grundnahrungsmittel, Mieten, Energie, Fahrkarten, Zeitungen) auf Vorkriegsniveau eingefroren waren. Bis 1989 bewegten sich die Nettolöhne bei einem Mittelwert von 800 DDR-Mark, Rentner mussten mit 300 bis 500 Mark auskommen. Nicht weiter verwunderlich, kostete doch ein kleines Brötchen in der Kaufhalle fünf Pfennige, ein Glas Bier in der Lieblingskneipe 42, eine Kilowattstunde Strom nur acht Pfennige. Die Miete für eine „Zweieinhalb-Zimmerwohnung“ in der Reformer „Platte“ lag zwischen 50 und 80 Mark – und das warm. Im Gegenzug kosteten die Dinge des „Nichtalltags“ horrende Summen – ein Farbfernseher im Centrum-Warenhaus plünderte mit 4.100 Mark bis zu 6.900 Mark das Sparbuch. Und das Auto im IFA-Auslieferungslager (mit mehr als zehn bis zwölf Jahren Wartezeit) kostete schon mal beim realen Einkauf 23.000 Mark (Wartburg) oder sogar 45.000 Mark (Volvo).

Am ersten Tag der Währungsumstellung zahlten die Banken in der DDR mehr als 3,4 Milliarden D-Mark aus. 1990 versorgte die Bundesbank die Banken in Ostdeutschland mit 460 Tonnen Geldscheinen im Wert von 27,5 Milliarden D-Mark. Löhne, Gehälter, Stipendien, Mieten, Pachten, Renten und andere wiederkehrende Versorgungsleistungen wurden 1:1 getauscht. Bei Bankguthaben galt dieser Kurs nur für bestimmte Freibeträge: Bis zu 2.000 DDR-Mark für Kinder unter 14 Jahren, bis zu 4.000 DDR-Mark für 15- bis 59-Jährige und bis zu 6.000 DDR-Mark für über 60-Jährige. Für Guthaben über diesen Freigrenzen galt der Kurs 2:1. Guthaben von Personen und Firmen, die ihren Sitz nicht in der DDR hatten, wurden zum Kurs von 3:1 getauscht. Der Umtausch von Bargeld und Bankguthaben erfolgte nur über Konten. Wer noch keins hatte, musste bis zum 30. Juni ein Konto eröffnen. An diesem Tag erfolgte auch die Schlussbilanz in DDR-Mark. Tags darauf erfolgte die Eröffnungsbilanz in D-Mark. Zum Stichtag 1. Juli durfte jede Person nur 100 D-Mark abheben. Und selbst dieser kleine Betrag erforderte logistische Kunststücke. Viele Banken mussten sich erst einen Tresor beschaffen, von Geldautomaten und Kontoauszugsdruckern ganz zu schweigen. Die offiziellen Lieferungen der Banknoten von der Bundesbank in Frankfurt am Main in die ostdeutschen Bundesbankfilialen wurden schwer bewacht. Doch auf den letzten Kilometern zu den Ortsbanken half manchmal nur Mut. Weit vor Morgengrauen des 1. Juli 1990 bildeten sich lange Schlangen vor jeder Bankfiliale. Bis zum Abend hielt jeder Kunde die versprochenen 100 D-Mark in Händen. (rf)

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