Ich spreche Deutsch:
Ist es Ihnen so recht, gnädige Frau?

Dieter Mengwasser - Dipl.-Dolmetscher und -Übersetzer

Stellen Sie sich vor, Sie sind bei einem Einkaufsbummel (Mann, begreife endlich, das heißt doch jetzt „Shopping“!) in der Stadt und werden angesprochen, ob Sie an einem Experiment teilnehmen möchten. In einem kleinen Saal werden Ihnen und anderen Mitstreitern Sätze vorgelesen, und Sie sollen diese Sätze, wie bei einem Diktat in der Schule, aufschreiben. Alle Sätze enthalten die Wörter ‚Recht‘ und ‚recht‘ in verschiedensten Varianten. Wenn Sie alles richtig geschrieben haben, erhalten Sie 100 Euro.

Es geht ganz einfach um Groß- oder Kleinschreibung von ‚Recht‘ und ‚recht‘. ‚recht‘, mit kleinem Anfangsbuchstaben geschrieben, bezieht sich auf etwas, das sich rechts, rechtsseitig von etwas anderem, befindet: der rechte Arm, das rechte Bein, das rechte Auge, die rechte Spur der Autobahn, wir wohnen auf der rechten Straßenseite. Sie können aber auch antreffen: ‚Ihm zur Rechten saß seine Frau.‘, eben in der Bedeutung ‚an seiner rechten Seite‘. Beim Boxkampf könnte ein Berichterstatter bemängeln, dass ‚der Kämpfer seine harte Rechte nicht genügend eingesetzt hat‘, also nicht ausreichend mit der rechten Faust geschlagen hat. Wir können uns merken, dass ‚recht‘ zur Angabe eines Ortes mit kleinem Anfangsbuchstaben geschrieben wird, wenn, wie bei einem Adjektiv, ein Substantiv folgt. Groß wird es geschrieben, wenn es selbst wie ein Substantiv verwendet wird.

Dasselbe trifft auch für die große Politik zu: ‚Die rechten Parteien haben bei den letzten Wahlen in Italien gesiegt.‘ ‚Die AfD hat in ihren Reihen viele Rechte.‘, d. h. Mitglieder mit einer Gesinnung, die landläufig als ‚rechts‘ bezeichnet wird. Die Bundeszentrale für politische Bildung erklärt die Einteilung in „rechte“ und „linke“ Parteien damit, dass im französischen Parlament 1814 die „linken“ Parteien, die Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse anstrebten, vom Präsidenten aus gesehen links saßen, rechts aber die konservativen, „rechten“ Kräfte. So sah es dann auch später im deutschen Reichstag aus, und auch heute wird im Bundestag ebenso mit der Sitzordnung der Abgeordneten verfahren.

Nun werfen Sie, liebe Leserinnen und Leser, nochmal einen Blick auf die Überschrift: „Ist es Ihnen so recht, gnädige Frau?“ Auch wenn wir die ‚gnädige Frau‘ weglassen, ist doch der Sinn der Frage, ob es so, wie ich es mache, wie ich etwas ordne, arrangiere, anordne, anfertige oder ähnliches, der Frau gefällt, ob sie damit zufrieden ist. ‚recht‘ hat hier die Bedeutung von ‚richtig‘. Weitere Beispiele: ‚Er ist noch im rechten Augenblick gekommen.‘, also rechtzeitig, im richtigen Augenblick. ‚Ihr Sohn könnte doch heiraten, er ist jetzt im rechten Alter dazu.‘ ‚In dieser Kfz-Werkstatt geht es nicht mit rechten Dingen zu.‘ – es könnte dort betrogen werden. ‚Für viele war 1933 Hitler leider der rechte Mann am rechten Platz.‘ ‚Zeitlebens war er mit dem Getue seiner Frau nicht recht zufrieden.‘ ‚Mir ist jetzt nicht so recht wohl bei dem Gedanken an einen Hauskauf.‘ ‚Meinem Vorgesetzen kann keiner was recht machen.‘ – der Chef hat also immer was zu meckern. ‚Ihr müsst mich recht verstehen, ich will doch nur euer Bestes!‘ ‚Du bist wohl nicht recht gescheit, du Blödmann!‘, ‚Jetzt gehe ich erst recht nicht hin!‘, Sprichwort: ‚Tue recht und scheue niemand!‘. Jetzt auch noch das: Wie Medien berichten, möchte Sarah Wagenknecht eine neue Partei mit dem Namen ‘Die rechte Linke‘ gründen. Diese rechte Linke ist dann also richtig links!

‚richtig‘, ‚zutreffend‘, ‚passend‘, das ist die Bedeutung dieser vorausgegangenen Beispielsätze. Aber auch hier kann es zur Substantivierung kommen, das heißt, ‚recht‘ wird zu einem Substantiv und damit mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben: ‚Aus dem kann doch nichts Rechtes werden.‘, das will sagen, dass einem jungen Mann kein guter Lebensweg vorausgesagt wird. ‚Schwiegersohn, du musst mal in unserem Haus nach dem Rechten sehen, der Keller ist so feucht.‘, die Aufforderung nachzusehen, was da nicht in Ordnung sein könnte.

Eine weitere Bedeutung hat ‚recht‘ in solchen Kontexten wie ‚Du hast dir rechte Mühe gegeben, aber das Ergebnis ist trotzdem null.‘, ‚Der Junge erzielte in der Schule nur recht mäßige Noten im Fach Mathematik.‘, ‚Geben Sie mir bitte recht viel Gemüse auf den Teller‘, sagte ein Student in der Mensa bei der Essenausgabe. ‚Ich bitte recht sehr um Verzeihung‘, sagte der höfliche junge Mann zu seiner Tanzpartnerin, nachdem er ihr versehentlich auf den Fuß getreten hatte. ‚Der Professor war recht zufrieden mit den Analyseergebnissen.‘ ‚Das war ja eine recht nette Einlage von Ihnen bei unserer Party.‘ ‚Wir haben es recht bedauert, dass unser Klassenlehrer nicht anwesend sein konnte.‘ ‚Als Musikant musste er sich früher recht und schlecht durchs Leben schlagen.‘ Die Grundbedeutung von ‚recht’ können wir in den genannten Beispielsätzen ungefähr mit solchen Synonymen wie ‚ziemlich‘, ‚sehr‘, ‚anständig‘, ‚ausreichend’ oder ‚wirklich‘ wiedergeben. Dabei müssen wir zugeben, dass es sehr schwierig ist, die Nuancen in der Bedeutung zu erkennen und selbst auch die Verwendung von ‚recht‘ zu beschreiben. Auf jeden Fall wird dieses Wort mit kleinem Anfangsbuchstaben geschrieben, denn es handelt es sich grammatisch gesehen um ein Adverb.

Nicht vergessen dürfen wir ‚rechts‘: ‚Der Fahrgast sitzt rechts vorn.‘, ‚Das MDR-Funkhaus in Magdeburg liegt rechts von der Elbe.‘, ‚Sie finden das Gasthaus rechts des Waldweges.‘ (‚rechts‘ mit Genitiv; synonym ‚rechts vom Waldweg‘), ‚Die Araber schreiben von rechts nach links.‘, ‚Unsere Schüler lernen, mit rechts zu schreiben.‘ (mit der rechten Hand), ‚Kommt der Protest gegen hohe Energiepreise nur von rechts?‘ (politisch gesehen), ‚Gemäß StVO gilt an Kreuzungen mit gleichberechtigten Straßen rechts vor links‘. In all diesen Fällen wird ‚rechts‘ mit kleinem Anfangsbuchstaben geschrieben. Bei mit ‚rechts‘ gebildeten zusammengeschriebenen Substantiven aber groß: ‚Wer spielt denn heute beim FCM den Rechtsaußen?‘, ‚Die Rechtsabbieger müssen den Geradeausverkehr von Radfahrern beachten.‘

Noch gar nicht angesehen haben wir uns das Fachgebiet, bei dem es um Recht und Ordnung geht, nämlich die Juristerei. Da gibt es das römische Recht, das bürgerliche Recht, zu DDR-Zeiten wurde auch vom sozialistischen Recht gesprochen, die Gerichte sprechen Recht, das Recht muss unparteiisch gehandhabt werden, der Rechtsanwalt soll vor dem Strafgericht die Rechte des Angeklagten vertreten, usw. usf. ‚Recht‘ also mit großem Anfangsbuchstaben: ‚Ich bin im Recht, wenn ich wegen der Beschuldigung einer Geschwindigkeitsüberschreitung einen Beweis fordere.‘, ‚Von Rechts wegen muss die Stadt eine Entschädigung für die Enteignung des Grundstücks zahlen.‘, ‚Das Oberste Gericht hat für Recht erkannt, dass die sogenannte Gasumlage rechtens (Achtung: rechtens, mit kleinem Anfangsbuchstaben!) ist.‘, ‚Du traust dich einfach nicht, gegenüber deinem Arbeitgeber auf dein Recht zu pochen.‘, ‚Die arme Frau überlegt nun, wie sie ohne große Anwaltskosten zu ihrem Recht kommen kann.‘, ‚Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat letztlich wenig geleistet, daher wäre es zu Recht, wenn sie in Katar keinen vorderen Platz erreicht.‘ Aber: ‚Wir kommen auch ohne dich gut zurecht.‘ (‚zurechtkommen‘ wird zusammengeschrieben), ‚Mit Hilfe deines Handys kannst du dich fast in jeder Stadt gut zurechtfinden.‘

Viele Fügungen gibt es mit ‚Recht‘: ‚zwischen Recht und Unrecht unterscheiden‘, ‚das Recht des Älteren‘, ‚elterliche Rechte‘, ‚sein Recht erkämpfen oder erzwingen‘, ‚seine Rechte wahren‘, ‚auf seinem Recht bestehen‘, Gnade für Recht ergehen lassen‘, was bedeutet, dass auf eine berechtigte Bestrafung verzichtet wird, ‚das Recht verdrehen, missachten, mit Füßen treten, verdrehen‘, ‚etwas mit Fug und Recht tun‘, usw. Aber auch au ßerhalb des Rechtswesens kann von ‚Recht‘ gesprochen werden: ‚Nach unserer heutigen anstrengenden Wanderung verlangt der Körper sein Recht‘, das heißt ordentlich essen und dann ins Bett, denn ‚auch die Erholung muss zu ihrem Recht kommen‘. Hätten Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, zu Recht die oben genannten 100 Euro verdient? Groß- oder Kleinschreibung, das war die Frage. Vielleicht doch etwas zu theoretisch? Sehen wir uns an, was der Duden sagt: ‚Du hast recht‘, ‚Du hast Recht‘ – beides ist möglich! Aber mit dieser Einschränkung: Nur so ist es richtig: ‚Du hast ja so recht!‘, ‚Damit hat er völlig recht.‘. 

Oder sind Sie nun verwirrt, liebe Leserin, lieber Leser? Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.

Seite 10-11, Kompakt Zeitung Nr. 222