Scharfe Sprüche:
Neues Jahr, neue Würste?

Olaf vom Hassel

Jedem schmeckt das Leben anders. Mir schmeckt es immer gut. Vielleicht liegt das daran, dass ich mich für den Würstchenverkauf entschieden habe. Bekanntlich hat ja alles ein Ende, nur die Wurst hat keines. Und so kann ich mich fortlaufend am eigenen Humor erfreuen. Ich weiß auch gar nicht, was die Leute mit dem Ende eines Jahres alles hinter sich lassen wollen. Die eigene Existenz ist ein fortlaufendes Sein. Welchen Schwafelkäse will euch Olaf mit solchen Sätzen auftischen? Ganz einfach: Ein neues Jahr bringt nicht wirklich etwas Neues. Es ändert sich oft nur eine Zahl, ansonsten geschieht derselbe Wahnsinn, der schon im vergangenen Jahr kursiert ist.

 

Aber es gibt tatsächlich ein paar interessante neue Gedanken. So schlug gleich zum Auftakt des Jahres der neue Vorsitzende der Verbraucherministerkonferenz Peter Kauk aus Baden-Württemberg vor, das Mindesthaltbarkeitsdatum, auch MHD genannt, zu streichen. Seit vielen Jahren ist mir das MHD ein Dorn im Auge. Da regen wir uns über weggeschmissene Lebensmittelberge auf und angeekelte Mäkelzicken, die sich schon schütteln, wenn ein Lebensmittel auch nur einen Tag über dem angegebenen Datum ist. Aber so ist das mit den Grenzwerten. Ist erstmal einer eingeführt, glaubt eine Mehrheit, sie müsse bald ins Gras beißen, wenn da etwas knapp überschritten ist. Mensch Meyer, was ist bloß mit den Leuten los. So viele Hypochonder, Sensibelchen, Mimöschen und zartbesaitete Seelen wie heute gab es früher wirklich nicht. Keine Bange, ich fange hier keine Kritik an den woken Persönchen an.

Doch schaut bitte mal auf die vielen Leutchen, die heute schon das 9. Lebensjahrzehnt erreicht haben. Die hatten weder Mindesthaltbarkeitsaltare noch Hygienewahnsinn und Berührungskomplexe mit anderen. Im Gegenteil, diese Menschen haben harte Zeiten durchlebt, mit Hunger und Entbehrung. Ich glaube, die Vermeidungstendenzen aus Angst, dass daraus schreckliche Konsequenzen drohen könnten, bewirken diese hypercholerischen Reaktionen gegen Verunreinigungen.

Ich stehe auch gern fürs Tierwohl ein und koste deshalb trotzdem ab und an vom Cholesterin und von der Butter. Also: Da ändert sich gar nichts. Und wenn die Schreiber-Kollegen hier über den Heimatgeschmack schwadronieren, bin ich einer, der den hochhält. Die Currysoßen werden bei mir noch handgerührt und jedes Mal auf ihren Geschmack hin geprüft. Nichts, aber auch gar nichts verlässt meinen Imbiss, für das ich nicht die Hand in die Fritten legen würde. Und ich kenne eine ganze Menge Koch-Kollegen, die mit eigenem Herzblut und Leidenschaft auftafeln, was vor der Magdeburger Haustüre wächst und gedeiht. Während sich die Würste, die in den Regierungen sitzen, ab und an erneuern, geht es beim Essen und beim Geschmack um Kontinuität. Und deshalb schmeckt’s bei mir 2023 genauso gut wie 2022. Macht mal einen Heimat-Geschmacksbesuch bei mir!

 

Bis gleich, Euer Olaf vom Hassel.

Seite 32, Kompakt Zeitung Nr. 224