Das Fußballdebakel 2022 illustriert den deutschen Absturz

Prof. Reinhard Szibor

Das Jahr 2022 stand ganz im Zeichen des Fußballs. Viele meinen, dass diesem Sport eine viel zu große Bedeutung beigemessen wird. Ich stimme dem eigentlich zu, wobei ich einräume, dass es auch mir nicht egal ist, ob der FCM in der zweiten oder dritten Liga spielt. Eine siegreiche Fußballmannschaft trägt positiv zum Stadtimage bei und sie erreicht mit ihren Erfolgen auch, dass sich Menschen mit ihrer Stadt identifizieren. Ähnlich verhält es sich auch mit der Nationalmannschaft. Deutschland, die ehemals große Fußballnation, ist abgestürzt. Wären wir unter den vier besten Mannschaften, würden viele denken, mit unserem Land wäre alles in Ordnung. Aber davon kann nicht die Rede sein und es wird Zeit, dass sich die Deutschen nicht nur über die vertanen Chancen der Fußball-WM aufregen, sondern über vieles mehr.

Ist der Fußball eine Ausnahme?

 

Noch ehe unsere Nationalmannschaft den ersten Ballkontakt hatte, machte sie mit politischen Demonstrationen Schlagzeilen. Diejenigen Spieler und Sportfunktionäre, die die arabische Welt über Werte belehren wollten, haben sich durchgesetzt. Aber Verlierer überzeugen niemanden und ziehen nur Häme auf sich. Ähnlich ist es auf vielen Gebieten. Deutschland, ein Land mit einer ehemals sicheren und preiswerten Energieversorgung, wollte der Welt zeigen, dass man sich zugleich von der Atomkraft und auch von dem Verbrennen fossiler Energieträger verabschieden kann. Im Ergebnis haben wir eine dramatische Verknappung des Angebots und exorbitante Preise, die für viele Betriebe existenzbedrohend sind. Konzerne verlegen ihre Produktion und somit lukrative Arbeitsplätze ins Ausland. Und was den Ausstoß an CO2 betrifft, befindet sich das vermeintlich vorbildliche Deutschland mit an der Spitze der europäischen CO2-Emittenten. Die Emissionen werden jeden Tag neu berechnet und im Internet veröffentlicht. Am 26. November 2022 emittierten europäische Länder wie folgt (Angaben in Gramm CO2 pro eingespeiste KWh): Polen 1019; Deutschland 701, Tschechien 549, Italien 439, Niederlande 343, Ungarn 283, Spanien 198, Österreich 173, Frankreich 112, Schweiz 69. Von 12.000 km Stromleitungen, die gebraucht werden, um den Windstrom nach Süddeutschland zu leiten, sind gerade mal 2.000 gebaut. Auch der Zubau von Solaranlagen auf Dächern stockt, weil es an Handwerkern fehlt. Es wird noch Jahre dauern, bis die Ziele erreicht sind.

 

Unsere Spitzenreiterpositionen

 

Wenn man einmal die Anzahl der Parlamentarier sieht, die sich verschiedene Länder leisten, steht Deutschland ganz oben. China hat zwar mit der Zahl von 2.980 die meisten Abgeordneten, aber gemessen an der Zahl der Bürger kommt ein Abgeordneter auf 470.000 Chinesen. Deutschland hat 84 Millionen Staatsbürger und 736 Abgeordnete, also einen Parlamentarier auf 114.000 Bürger. US-Kongressabgeordnete repräsentieren im Schnitt 760.000 Bürger.
Wirft man an Sitzungstagen einen Blick in den Plenarsaal des Bundestages, sieht man oft gähnende Leere. Wahrscheinlich ist der Bundestag weltweit das Parlament, das während der Plenarsitzungen die meisten leeren Plätze aufweist. Viele der Abgeordneten, die physisch anwesend sind, beschäftigen sich während der Debatte mit ihrem Handy oder schwatzen mit dem Nachbarn. Da schwindet der Respekt vor der Legislative. Der Verwaltungsapparat wird immer mehr aufgebläht. Während die Bundesregierung verkündet, dass die Digitalisierung jetzt konsequent vorangetrieben wird, mit der Verwaltungsvorgänge vereinfacht und gestrafft werden können, lässt sie jetzt einen Erweiterungsbau für das Bundeskanzleramt errichten, der einer exorbitanten Zahl von Beamtensesseln Platz bieten und wohl zum Schluss eine Milliarde Euro kosten wird. Auch hier erreichen wir einen Spitzenwert in der Welt und es erinnert an das Regierungsgebäude des größenwahnsinnigen rumänischen Diktators Nicolae Ceaușescu in Bukarest.

 

Welche Regierungsarbeit?

 

Wahrscheinlich ist der desolate Zustand der Bundeswehr nicht das, was die Bürger am meisten bedrückt, denn sie merken in ihrem täglichen Leben davon wenig. Aber sie machen sich ihre Gedanken darüber, wofür ihre Steuern verpulvert werden. Wie kann es sein, dass trotz Milliardenkosten die eingekauften Gewehre nicht zielgenau schießen, dass die meisten Hubschrauber nicht einsatzbereit sind und dass in einer Übung mit 18 Puma-Panzern nicht ein Einziger funktionsfähig war? Ist die deutsche Ingenieurskunst am Ende? Plausibel klingt die Erklärung des früheren Wehrbeauftragten Hans-Peter Bartels (SPD). Danach hätte die Politik die Anforderungen so hochgeschraubt, dass nicht nur die Kosten von den geplanten 3 Milliarden auf fast 6 Milliarden Euro hochgeschnellt sind, sondern das Gerät enorm störanfällig geworden ist. Eine Forderung der Politik war, dass der Panzer auch als Arbeitsplatz für Schwangere geeignet sein muss. Der Feinstaubgehalt und die Schussgasbelastung im Panzer mussten schwangerengerecht gesenkt werden. Kommt von den hunderten Beamten im Verteidigungsministerium niemand auf die Idee, dass Panzer gar nicht mit Schwangeren besetzt werden müssen? In der Wirtschaft und in der Medizin ist es üblich, wenn nötig, Schwangere auf Schonplätze zu versetzen. Aber, wie schon erwähnt, außer dass der Normalbürger seine Steuergelder nicht für Nonsensvorhaben verpulvert sehen möchte, interessiert ihn die Bundeswehr kaum. Viel größere Sorgen bereitet, dass die Infrastruktur des Landes marode ist. Das betrifft die Stromnetze, die Kanalisation, Brücken, Straßen, das Schienennetz, Flughäfen etc. Bundesweit sind 4.000 Brücken in einem kritischen Zustand. Jeder 2. Zug der Bundesbahn hat Verspätung. Das System eines Verkehrsnetzes, in dem Züge und Anschlussverbindungen aufeinander abgestimmt sind, funktioniert kaum noch und ländliche Gebiete werden verkehrstechnisch immer mehr abgehängt.

 

Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker

 

Mancher hat noch ein paar Medikamente liegen, die er nicht mehr benötigt. Andere sind erkrankt und brauchen Medizin, die nicht lieferbar ist. Da könnte doch ein Flohmarkt helfen. Tausche Ibuprofen gegen Penicillin! Diese Idee kam nicht von irgendeinem Hilfsarbeiter aus einer medizinfernen Branche, sondern vom Präsidenten der Bundesärztekammer. Fast alle Fachleute sehen allerdings gute Gründe dafür, dass die Arzneimittelversorgung über Apotheken sicher zu stellen sei, und warnen vor Aufweichen der Regeln. Hintergrund des Versorgungsengpasses ist, dass die Politik die Pharmabranche mit marktfeindlichen Regelungen kaputt gespielt hat. Deutschland hatte früher den Ruf, die Apotheke der Welt zu sein. Aber jetzt beziehen wir die meisten Medikamente aus dem Ausland, aber eben nicht bedarfsgerecht. Egal ob Hustensaft für Kinder, Antibiotika oder Zytostatika, alles ist knapp. Während es bei den schon erwähnten Panzern oder beim Bau von Regierungsgebäuden gar nicht genug kosten kann, hat man für das Gesundheitswesen das Sparen ausgerufen. Die heutigen Kinder werden einmal die überbordenden Staatsschulden bezahlen müssen, aber an ihnen wird gespart. Kinderkrankenhäuser werden auf ein nicht ausreichendes Maß reduziert und mit dem Bildungsangebot sieht es ebenfalls schlecht aus. Noch nie fielen wegen Lehrermangels so viele Unterrichtsstunden aus wie heute. Der Bericht „Bildung in Deutschland 2022“ offenbart, dass der Trend bei den Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern bergab geht. Gemessen an den Mindeststandards, die die Kultusministerkonferenz für das Ende der vierten Klasse eingeführt hat, scheitern immer mehr Kinder. Im Lesen und Zuhören schaffen gut 18 Prozent der Viertklässler die geforderte Leistung nicht, in der Rechtschreibung versagen 30 Prozent und beim Rechnen 22 Prozent.

 

Realitätsverlust und fehlende Empathie mit den Schwächsten

 

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn Bundestagsabgeordnete über fehlende Fachkräfte klagen. Fachkräftemangel ist nirgendwo so hoch wie im Bundestag und auf den Ministersesseln. In manchen Parteien scheint es eine Präferenz zu geben, Menschen ohne Berufsabschluss auf Spitzenpositionen zu berufen. Und selbst dann, wenn eine Ministerin oder ein Minister einen Hochschulabschluss hat, betrifft dieser oft ein Fachgebiet, mit dem sie keinen Beitrag zur Fachkompetenz leisten, die das betreffende Ressort benötigt. Dieses Dilemma betrifft allerdings nicht nur die Ampelkoalition, sondern das war auch schon in den Regierungen unter Gerhard Schröder und Angela Merkel zu beobachten. Aber in der Ampel hat es sich verschärft.
Ob in den Schulen, in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, bei den Verkehrsbetrieben, in der Gastronomie, bei den Handwerkern, in den Fabriken und in den Verwaltungen, überall fehlt es an Arbeitskräften. Die vielbeschworene Energiewende kommt nicht voran, weil es an qualifizierten Mitarbeitern fehlt, die Solaranlagen oder Wärmepumpen installieren könnten. Und auch die Planungsverfahren und Verwaltungsakte dauern viel zu lange. Man sollte denken, dass man die Probleme etwas entschärfen könnte, wenn alle bereit wären, etwas mehr zu arbeiten. Das beträfe sowohl die Wochenstunden als auch die Lebensarbeitszeit. Aber während Deutschland mitten in einer Krise steckt, entschließt sich die SPD auf Druck der Jusos künftig für eine 25-Stunden-Woche zu kämpfen bei vollem Lohnausgleich! Wie soll das gehen?! Sollen die Bürger ewig auf den Klempner oder den Elektriker warten, wenn etwas kaputt ist? Auf einen Vorstellungstermin beim Facharzt wartet man inzwischen normalerweise länger als ein halbes Jahr, es sei denn, man wird von vornherein abgewiesen. Sollen Verwaltungsvorgänge und Genehmigungsverfahren noch länger dauern als ohnehin schon? Sollen die Züge noch unpünktlicher werden und der Umbau der Energieversorgung noch länger dauern? Wenn der woken Jugend die Energiewende zu langsam geht, reicht es da aus, sich auf der Straße festzukleben, aber Lösungswege durch mehr Arbeit zu blockieren? Sollen die Krankenschwestern und Pfleger schon nach einem 5-Stunden-Arbeitstag nach Hause gehen, obwohl noch nicht alle Patienten versorgt sind? Sollen die Pflegedienste nicht mehr alle Bedürftigen besuchen können und sollen noch mehr Unterrichtsstunden ausfallen? Es zeigt sich, dass es den Jusos und allen, die mit ihnen sympathisieren, an Empathie für die Schwächsten unserer Gesellschaft fehlt. Was die Lebensqualität der Arbeitenden angeht, für die die Jusos angeblich kämpfen, hatten die Menschen in der Geschichte noch nie so viel Freizeit wie heute. Viele Arbeiten, auch im Haushalt, werden maschinell erledigt. Unsere Ernährung realisieren wir zum großen Teil mit arbeitszeitsparenden Fertig- und Halbfertigprodukten. Waren werden ins Haus gebracht und wir können viele Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Keine Mutter muss noch, wie in den Generationen vor den heutigen Jusos, für ihre Kinder Strümpfe stopfen, Windeln waschen usw. Vielleicht ist die Erklärung dafür, wieso Menschen zu solch schwachsinnigen Entscheidungen kommen, dass die meisten von denen noch nie wirklich gearbeitet haben. Dann hätten sie nämlich die Erfahrung sammeln können, dass erfolgreiche Arbeit Zeit braucht und dass solcherlei Arbeit mehr Befriedigung schafft als irgendwelche Freizeitbeschäftigungen, die oft sogar von fragwürdigem Wert sind. Die 40-Stunden-Woche ist eine sinnvolle Institution, die den Bedürfnissen aller Menschen, die etwas leisten wollen, am besten entspricht!

 

Deutschland hat fertig

 

„Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich darauf”. Diese Prophezeiung, die Katrin Göring-Eckardt in Hinblick auf die Immigration abgegeben hat, wurde wahr, nur dass die Schar derjenigen, die sich mit ihr freuen, wohl eher klein ist. Deutschland hat zu Recht eine im Grundgesetz verbriefte Verpflichtung, Menschen, die wegen ihrer politischen oder religiösen Überzeugung oder ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden und solchen, die vor Kriegen flüchten, Asyl zu gewähren. Das ist unbedingt einzuhalten und gegen alle populistische Polemik zu verteidigen. Aber wir müssen nicht all diejenigen aufnehmen, die das Asylrecht missbrauchen und nur deshalb zu uns kommen, weil sie in der Lage sind, viele Tausend Euro oder Dollar an Schlepperbanden zu zahlen. Die Annahme, dass von den tausenden Immigranten, die zum großen Teil illegal einreisen, eine Entspannung auf dem Arbeitsmarkt ausgehen könnte, hat sich nicht erfüllt. Es sind gerade mal 35 % der meist jungen kräftigen Männer, die einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachgehen. Die meisten bleiben bei Hartz-4 hängen, das ab jetzt Bürgergeld genannt wird. Dafür hören und lesen wir zunehmend von Verbrechensformen, die zuvor in Deutschland nicht oder kaum vorkamen. Die Gefahren kommen von nicht integrierbaren Personen, die ihre vermeintlichen Werte aus mittelalterlichen Gesellschaftssystemen mitbringen. Damit kommt es eben zu Messerattacken und „Ehrenmorden“ an Frauen, Genitalverstümmelungen bei Mädchen und zu Zwangsehen.
Ebenso wie Göring-Eckardt mit ihrem Blick in die Zukunft Recht behalten hat, ist auch Thilo Sarrazins Prognose weitestgehend eingetroffen. Die lautete „Deutschland schafft sich ab“. Wir standen 2010 vor dem Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter. Man kann getrost formulieren „Deutschland hat fertig“. Die unfreiwillig komische Ausdrucksweise des Fußballtrainers Giovanni Trapattoni, der ja kein deutscher Muttersprachler ist, übernehme ich gerne. Sie wurde mittlerweile in den deutschen Sprachgebrauch aufgenommen. Wäre die deutsche Nationalmannschaft in Katar Weltmeister geworden, hätte sie vielleicht vom Absturz unseres Landes abgelenkt und alle hätten sich in den Armen gelegen. So aber wird vielleicht selbst den Deutschen, die sich nicht so intensiv mit allen Aspekten der Politik beschäftigen, klar, dass wir keinesfalls Spitzenreiter sind, sondern Verlierer und dass sich in unserem Land vieles ändern muss. Danke lieber Hansi Flick, danke liebe Nationalmannschaft, dass ihr so früh rausgeflogen seid und ihr unsere Nation vielleicht doch noch zum Nachdenken bringt!

Seite 14-15, Kompakt Zeitung Nr. 224