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Ich spreche Deutsch: Sinn und Zweck der Kolumne

Dieter Mengwasser, Dipl.-Dolmetscher und -Übersetzer

Aktuelle Meldung: „Lisa von der letzten Generation hat sich auf der Fahrbahn angeklebt.“ Dürfen wir das so schreiben? Nein! Wir müssen schreiben: „Lisa von der Letzten Generation hat sich auf der Fahrbahn angeklebt.“ Oder, noch besser: „Lisa von der Gruppe Letzte Generation hat sich auf der Fahrbahn angeklebt.“ Sie verstehen, liebe Leserinnen und Leser, es geht hier um die Groß- und Kleinschreibung, eines der großen Probleme in der deutschen Rechtschreibung. Aus dem ersten Satz, mit ‚letzte Generation‘ kleingeschrieben, könnte man schlussfolgern, dass die meist jungen Leute, die solche Aktionen ausführen, wirklich die letzte Generation vor dem Aus der Menschheit auf unserem Planeten Erde darstellen. Natürlich wollen die Protestierenden Aufmerksamkeit erregen, und deshalb haben sie sich den Namen ‚Letzte Generation‘ zugelegt. Dies ist ein Eigenname, und gemäß den Regeln des Duden sind Eigennamen mit großem Anfangsbuchstaben zu schreiben. Wir alle wollen natürlich, dass die Menschen, die sich als Letzte Generation zusammengeschlossen haben, tatsächlich nicht die letzte Generation sind!


Wie oben schon gesagt, ist die Groß- und Kleinschreibung ein schwieriges Thema in unserer Rechtschreibung. In unseren Beiträgen unter der Kolumne „Ich spreche Deutsch“ versuchen wir, schwierige Fälle, Zweifelsfälle, zu behandeln, und die treten nicht nur in der Groß- und Kleinschreibung, sondern auch anderswo auf: Getrennt- und Zusammenschreibung von Wörtern, Kommasetzung, die Schreibung bestimmter Laute bzw. Lautverbindungen in deutschen und in Fremdwörtern. Anhaltspunkte für Lösungen dazu gibt es in Grammatik-Lehrbüchern und natürlich im Duden. Aber auch da ist nicht alles eindeutig, es bleiben mitunter Zweifel, und es kann geschehen, dass man zum Schluss doch ratlos zurückbleibt. Vieles, was mit der Rechtschreibung verbunden ist, fassen wir mit dem Oberbegriff Grammatik zusammen.


Was, Grammatik? Bloß nicht! Grammatik scheint das Unbeliebteste in der deutschen Sprache zu sein; keiner will davon etwas hören. Ja, irgendwann, so vielleicht in der 3. Klasse der Grundschule, da hatten wir da mal was darüber. Alles schon vergessen, war ja wohl auch nicht so wichtig. Wer aber ganz ehrlich ist, wird zugeben, dass der gesamte Deutschunterricht gerade in der Grundschule darauf ausgelegt war und ist, grammatische Kenntnisse und damit notwendige Fähigkeiten für die Rechtschreibung zu vermitteln, und dies, auch wenn die entsprechenden Stunden des Deutschunterrichts nicht unbedingt mit dem Wort ‚Grammatik‘ geschmückt waren. Regeln über Einzahl und Mehrzahl von Substantiven, Konjugation von Verben, Bildung der Vergangenheit und vieles andere werden gelehrt. Den Schülerinnen und Schülern wird damit ein Grundgerüst für die Beherrschung der deutschen Sprache an die Hand gegeben. In unserer Kolumne versuchen wir, an diese Kenntnisse und Fähigkeiten anzuknüpfen. Der Schreiber der Kolumne ist der Meinung, dass die bisherig formulierten Regeln, die sich im Duden und in einschlägigen Grammatik-Lehrbüchern zur deutschen Sprache finden lassen, trotz der etwas weiter oben geäußerten Bedenken eigentlich ausreichend waren, um sich verständlich auszudrücken zu können. Unter der Voraussetzung, dass sich jedermann daran hält! Man hat jedoch mehr und mehr den Eindruck, dass die Kluft zwischen früher formulierten Regeln zur Sprache und der Wirklichkeit, der Nutzung solcher Regeln im realen Leben, immer größer wird. Natürlich ist die Sprache als gesellschaftliche Erscheinung immer mit dem Leben verbunden und damit auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie ist nicht in ein Korsett eingezwungen, und das bedeutet immer wieder Neues und auch Abweichung von Bisherigem.


Eine Aufgabe sehen wir darin, Abweichungen von solchen Regeln, die auch als „Norm“ bezeichnet werden, aufzudecken und zu beschreiben. Und dabei auch zu versuchen, mögliche Ursachen festzustellen. Unsere Leserinnen und Leser bitten wir um die Nachsicht, dass wir dazu keine sprachwissenschaftlich fundierten Leistungen vollbringen können; um so etwas zu bewerkstelligen, müsste eine ganze Mannschaft, hervorragend mit moderner Computertechnik ausgestattet, im Einsatz sein. Wir begnügen uns, uns auffällig erscheinende Einzelerscheinungen, also Abweichungen oder vermeintliche Abweichungen, aufzugreifen und im Vergleich zu bisherigen Regeln zu kommentieren.


Auf die häufig gestellte Frage „Ist das so richtig, oder ist das so falsch?“ lässt sich nicht immer eine eindeutige Antwort geben. Und der Schreiber dieser Kolumne muss zugeben, dass die grammatische Analyse von Sätzen, also die Zerlegung geschriebener Sätze oder Texte mit Bestimmung der Satzglieder und Wortarten, nicht mehr immer möglich ist und auch nicht unbedingt zu klaren Ergebnissen führt. Bei einem Satz wie ‚Die Kinder versammeln sich zum Weihnachtsbaum schmü-cken‘ versagen die bisherigen grammatischen Regeln, nämlich um die Satzglieder für ‚zum Weihnachtsbaum schmücken‘ zu bestimmen. Auf der anderen Seite muss auch ganz ehrlich gefragt werden, ob es wirklich notwendig ist, zu wissen, was Subjekt, Prädikat, Objekt usw. in einem Satz ist. Und die Kenntnis, dass ‚am 30. Januar‘ in einem Satz eine temporale adverbiale Bestimmung ist, bringt nicht unbedingt einen praktischen Nutzen. Aber es steht immer die Frage: Soll man nun vollständig auf jegliche Vermittlung von Grammatik und in unserer Kolumne auf jeglichen Rückbezug darauf verzichten? Verbunden damit ist auch immer das Problem, wie weit soll der Schreiber in seinen Erklärungen und Erläuterungen gehen. Sind sie nicht manchmal zu ausführlich, zu umständlich, zu langatmig? Aber unsere Leserschaft ist sicherlich vielfältig, von der Ausbildung her, vom Alter her. Unter Ihnen wird es auch manche geben, deren Schulzeit viele Jahre zurückliegt und bei denen die theoretischen Kenntnisse über Sprache vergessen sind. Oder im Schulunterricht wurde ein Thema nicht oder kaum behandelt. Andererseits, und das ist auch unser Wunsch, sollen unsere Leserinnen und Leser angeregt werden, sich ab und zu Gedanken über unsere schöne deutsche Sprache zu machen.


Ob Goethe Fremdsprachen kannte, wissen wir nicht. Aber von ihm stammt der Ausspruch: „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.“ Der Schreiber der Kolumne will nicht verhehlen, dass er sich bei seiner Argumentation zugunsten der Kenntnis grammatischer Regeln auch von der Überlegung leiten lässt, wie etwas aus dem Deutschen in eine Fremdsprache übertragen werden kann. Wenn Sie den Satz ‚Der Barleber See ist natürlich künstlich.‘ ins Englische übersetzen sollen, ist es natürlich von Nutzen, wenn Sie wissen, dass ’natürlich‘ ein sogenanntes Adverb, auf Deutsch Umstandswort, ist und Sie dann nicht einfach das an erster Stelle im Wörterbuch genannte englische Wort nehmen können.


Die Lexik, also der Wortschatz, ist am meisten Veränderungen unterworfen, und jede und jeder von uns spürt solche Veränderungen, spätestens dann, wenn man etwas nicht oder noch nicht versteht. Denken wir nur an die Corona-Pandemie mit Lockdown, Inzidenzen, Boostern und so weiter. In unserer Kolumne versuchen wir, neue allgemein genutzte Wörter oder häufig benutzte Wendungen aufzugreifen. Ausgangsmaterial zur Suche von Texten dafür sind Zeitungsbeiträge, Nachrichtensendungen des Hör- und Fernsehfunks, Magazine, Broschüren und Prospekte, aber auch auf Straßen und in Geschäften aufgehängte Schilder und Plakate. Und dies sind auch unsere Quellen von Einzelwörtern oder ganzen Sätzen, die wir dann als Beispiele in unserer Kolumne für zu behandelnde Themen zu nutzen versuchen. Dabei ist es meist nicht möglich, Sätze in ihrer originalen Gänze wiederzugeben, es würde den Umfang des von der Redaktion der Zeitschrift zur Verfügung gestellten Raums sprengen. Schöngeistige Literatur wird selten oder gar nicht herangezogen, sie spiegelt nicht den aktuellen Stand wider. Was von uns als interessant angesehen wird, wird mit Einträgen in Nachschlagewerken, wie Duden und Wörterbüchern, verglichen.


Ein weiteres Feld, auf dem wir uns zu betätigen versuchen, ist das Verhältnis von Lauten zu Buchstaben unseres Alphabets. Zuerst, zu Urzeiten, haben sich die Menschen nur mündlich verständlich machen können. Später dann kam die Schrift. In Deutschland werden lateinische Schriftzeichen verwendet, und die vermögen es nicht, die Vielzahl der in unserer deutschen Sprache existierenden Laute darzustellen. „Wir schreiben, wie wir sprechen.“, das ist ein Trugschluss. Insbesondere Kinder haben daher Mühe, die richtige Schreibweise so mancher Wörter zu beherrschen. Bei den älteren Menschen hat sich das Schriftbild vieler Wörter im Laufe der Jahre verfestigt und dient der Wiedererkennung der Wörter. Ein Grund auch, vielleicht sogar der wesentlichste, dass keine tiefgreifende Reform der Rechtschreibung vorgenommen werden kann. Schon das jetzt propagierte Gendern mit Hilfsmittelchen wie Sternchen, Strichen, Apostrophen oder ähnlichem trifft auf Widerstand.


Nicht zu vergessen ist die Kommasetzung. Ein wirklich weites Feld! Kaum zu beherrschen, weil die Verfasser von Texten nicht immer den Überblick über die von ihnen selbst formulierten Sätze haben. Aber zum Glück haben wir es mit lebenserfahrenen und vernunftbegabten Leserinnen und Lesern zu tun, die bei fast allen sprachlichen Äußerungen erkennen, was gemeint ist. Und dies sollte eigentlich auch das alles entscheidende Kriterium sein: Ja, wir haben verstanden, was gemeint ist.

Seite 34, Kompakt Zeitung Nr. 225

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