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Stadtmensch:
Behördenärger

Lars Johansen

Die Neue Neustadt gilt als der Magdeburger Stadtteil, welcher gerne als „Problemkiez“ wahrgenommen wird. Die Tageszeitung versucht immer wieder zu beweisen, dass es so ist und die Außendarstellung könnte besser sein. Wenn man sich dort aber einmal ernsthaft umtut, dann wird man rasch bemerken, dass dieses Vorurteil nur ein solches ist. Natürlich gibt es dort auch Probleme, das will ich gar nicht leugnen, aber sie sind weniger groß, als man vermuten mag, wenn man die ständigen Horrormeldungen von dort liest. Sogar RTL 2 hatte dort eine scheindokumentarische Serie über prekäre Existenzen angesiedelt, welche, wie überraschend, die Menschen dort vorführte und herabsetzend porträtierte. Dabei ist gerade der Moritzplatz einer der kulturvollsten Orte der Stadt. Durch Kulturprojekte wie das bundesweit wahrgenommene „Utopolis“ wurde in den vergangenen Jahren einiges angestoßen. Mit Moritzhof und Studiokino gibt es die einzigen Programmkinos der gesamten Stadt nur dort. Dazu kommt die Villa Wertvoll, die sich, nicht unweit davon, den Bedürfnissen von vor allem Kindern widmet.


Und auf der anderen Seite hat der große Anteil migrantischer Bewohner auch positive Auswirkungen auf das Leben. Das beginnt mit den kleinen, inhabergeführten Geschäften, die von immer mehr Menschen gerne angenommen werden. Denn dort ist das Personal höflich und zuvorkommend, es nimmt den Kunden noch ernst und sieht ihn nicht als Durchlaufposten, wie es meistens bei den großen Ladenketten der Fall ist. Diese individuelle Behandlung führt zu positiven Begegnungen zwischen Deutschen und Migranten. Die Bereicherung für den Stadtteil ist daran zu erkennen, dass der Ladenleerstand immer mehr abnimmt. Es gibt Menschen, die mir sagen, dass sie nur in der Neuen Neustadt das Gefühl haben, in einer modernen, zeitgemäßen, multiethnischen Großstadt zu leben. Das fällt aber auf der anderen Seite einigen Menschen wiederum durchaus schwer. Denn natürlich führen verschiedene Nationalitäten auch immer wieder zu Reibungspunkten. Der Ausländeranteil an der Grundschule im Umfassungsweg ist der höchste in Sachsen-Anhalt und einer der höchsten sogar deutschlandweit. Und bei aller bereichernden Internationalität muss immer wieder neu ausgehandelt werden, wie man miteinander umgeht. Da treffen unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinander, unterschiedliche Auffassungen von der Nutzung öffentlicher Räume und auch sprachliche und mentalitätsbedingte Unterschiede treten deutlich zutage. Hier ist es auch Aufgabe der Stadt, bei der Aushandlung helfend einzugreifen.


Und genau da haben wir das größte Problem. Die Stadt entzieht sich ihrer Aufgabe sehr gerne, weil es an den finanziellen Möglichkeiten fehlt. Die Bewohner fühlen sich alleine gelassen. Ihr subjektives Empfinden mangelnder Sicherheit wird nicht ernst genommen. Wenn das aber endlich geschehen würde, dann ließe es sich relativ leicht verändern. Die Beleuchtungssituation ist gerade in den Seitenstraßen untragbar, die Dunkelheit erschwert nächtliche Durchquerungen erheblich. Das gilt auch für die Sauberkeit, die nicht immer zur Zufriedenheit aller ausfällt. Die Verkehrssituation stellt ein seit Jahren ungelöstes Problem dar, dem sich aller vollmundigen Versprechen zum Trotz niemand so recht annehmen mag. In der Haldensleber Straße könnte die städtische WOBAU die vor Jahren verkauften Blöcke zurückerwerben und dann grundsanieren. Die Stadt ist in der Pflicht, hier Entwicklungskonzepte anzubieten. Dazu kämen Streetworker und Schulsozialarbeiter in größerer Zahl als bisher. Das alles sind Vorschläge vom Bürgerverein Neue Neustadt, die auf dem Tisch liegen.


Warum ich das alles aufzähle? Weil es vor kurzer Zeit eine von der Stadt initiierte Bürgerversammlung gab, in der die Pläne für die neue Ausländerbehörde vorgestellt wurden, welche in der Neuen Neustadt angesiedelt werden soll. Diese stießen bei nicht wenigen Bürgern auf Widerstand, den sie vor Ort auch äußerten. Nun gibt es tatsächlich keine baulichen Alternativen in anderen Vierteln der Stadt und wenn man sich den Widerspruch einmal genau anhört, dann sind es neben ein paar Ressentiments, die von populistischen Politikern, schließlich gibt es im nächsten Jahr eine Kommunalwahl, auch noch geschürt wurden, vor allem das ausformulierte Gefühl, von der Stadtverwaltung nicht wahrgenommen zu werden. Eigentlich spricht nichts gegen die Behörde, auch wenn sie zu Unrecht kein gutes Image genießt. Aber das Gefühl, überfahren zu werden, welches sich bei vielen Menschen dort eingestellt hatte, ist nicht wegzuleugnen. Wenn sich auch der Ordnungsbeigeordnete redliche Mühe gab, die Zweifel zu zerstreuen, und vor allem endlich mal ein paar Gesprächsangebote machte, so blieben viele Menschen unbefriedigt zurück. Das ist ganz gewiss nicht seine Schuld, sondern die seiner Vorgänger, welche die Probleme einfach nur aussaßen. Aber ein wenig Verantwortung ist hier durchaus auch der Oberbürgermeisterin anzulasten, die, fahrig und relativ schlecht vorbereitet, nicht auf Augenhöhe mit den Betroffenen verhandeln mochte, sondern von oben nach unten blickte. Diese schwierige Perspektive machte es den Anwohnern nicht leicht, die von ihr leider nur mit Phrasen abgespeist wurden. So wichtig der Bau der Behörde ist und so sicher diese den Stadtteil aufwertet, so funktioniert die Werbung für den Standort nur mit einer anderen Kommunikation. Der Beigeordnete hat das verstanden und es ist zu hoffen, dass sein Einsatz dafür reicht, nicht nur die Neustädter, sondern auch die Mehrheit des Stadtrates von seinem guten Konzept zu überzeugen. Und, ohne jetzt allzu anmaßend erscheinen zu wollen, die OB hat da noch Nachholbedarf. Die Zeiten der Monarchie sind nun mal vorbei.

Seite 7, Kompakt Zeitung Nr. 234

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