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Präsident mit Hakenkreuzen im sozialistischen Taschenkalender von 1953

Dr. Paul Franke

Taschenkalender der Volkssolidarität von 1953. Auf die Krawatte des damaligen Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck wurden Runen und Hakenkreuze gedruckt

Am 17. Juni jährt sich der Volksaufstand in der DDR gegen die stalinistischen Pläne der SED-Führung zum 70. Mal. Auf der II. Parteikonferenz der SED vom 9. bis zum 12. Juli 1952 verkündete der Generalsekretär Walter Ulbricht in seinem Abschlussreferat den planmäßigen Aufbau des Sozialismus. Er kündigte an, dass entsprechend dem sowjetischen Vorbild die Schwerindustrie besonders gefördert werden solle. Die hektisch ins Werk gesetzten Änderungen in der Wirtschaft führten zu Schwierigkeiten in der Versorgung mit Konsumgütern, deren Produktion gegenüber einem forcierten Ausbau der Schwerindustrie vernachlässigt wurde.


Außerdem wollte Ulbricht den sozialistischen Wettbewerb entfalten und die Kollektivierung der Landwirtschaft fördern. Das Ziel der Kollektivierung war die Auflösung des selbstständigen Bauernstandes. Die Abgabenerhöhungen für Bauern sorgten für weiteren Unmut. Außerdem wurden im Herbst 1952 auch noch unterdurchschnittliche Ernten eingefahren. Mangel an Lebensmitteln war die Folge. Die Stimmung in der Bevölkerung war schon lange vor dem 17. Juni 1953 schlecht. Viele verließen die DDR in Richtung Westen. Ein Dokument für diese untergründige Stimmung ist auch das „Taschenjahrbuch 1953“, das von der Volkssolidarität herausgegeben wurde.
Mein Vater schenkte es mir Ende des Jahres 1952. Sein Betrieb hatte mehrere davon bekommen, da dieser wie viele andere kleinere und größere Betriebe durch Annoncen in diesem Jahrbuch zu dessen Finanzierung beigetragen hatte. Gedruckt wurde es im VEB Messedruck, Leipzig, unter der Lizenznummer 308, anscheinend in 500.000 Exemplaren.


Doch nach kurzer Zeit wurden diese Jahrbücher alle wieder eingezogen und durch einen Neudruck ersetzt. Jedenfalls fast alle. Mein Vater forderte ihn von mir nicht zurück – und so blieb er in meinem Besitz. Aber was war der Grund für diese Zurücknahme? Mit einer Lupe findet sich die Erklärung dafür: Die ersten 20 Seiten des rund 250 Seiten umfassenden Jahrbuches enthalten politische Sprüche und Zitate und die Fotos von Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht und Otto Grotewohl sowie einiger leitender Funktionäre der Volkssolidarität. Der erste und einzige Präsident der DDR Wilhelm Pieck trägt auf dem Porträt eine dunkle, hell gepunktete Krawatte. Wenn man ganz genau die verschieden geformten weißen Punkte der Krawatte anschaut, am besten mit einer Lupe, so entdeckt man, dass diese Punkte verschiedene Runen und auch ein Hakenkreuz (vom Betrachter aus gesehen an der linken Seite) darstellen! Deshalb also erfolgte der Einzug dieses Jahrbuches.


Welche Folgen mag es für die Mitarbeiter der Druckerei und die grafischen Gestalter des Jahrbuches wohl gehabt haben? Sind sie zu harten Strafen verurteilt worden oder vielleicht kurz nach dem Druck in den Westen geflohen? Darüber weiß ich nichts. Aber vielleicht hat ein Leser dieses Berichtes ein paar Informationen dazu?

Seite 14, Kompakt Zeitung Nr. 234

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