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Stadtmensch:
Ländliche Träume

Lars Johansen

Die Verwunderung ist groß, wenn eine Partei, über die alle reden, und die ohne eigenes Zutun, also quasi nur durch ihre reine Existenz Zuspruch bekommt, Wahlen gewinnt. Und sie gewinnt diese in Orten, die außer den dort Wohnenden eigentlich kaum jemand kennt oder kennen will. Selbst Heinz-Rudolf Kunze nannte in einem Interview kürzlich Sonneberg einfach mal Sonneborn, weil es so ähnlich klang und er es vermutlich mit dem ehemaligen Chefredakteur eines Satiremagazins verwechselte, der mittlerweile im Europaparlament sitzt. Von den befragenden Journalisten wollte auch niemand den Fehler korrigieren, weil sie sich womöglich nicht sicher waren, wovon die Rede war. Dabei hatte es dort vor der Wende die größte Spielzeugmanufaktur der DDR gegeben. Das Kombinat „Vereinigte Spielwarenbetriebe Sonneberg – sonni“ beschäftigte immerhin 8.000 Sonneberger und täglich entstanden bis zu 6.000 Plüschtiere und 10.000 Puppen, darunter Pittiplatsch, der Liebe. Damit war nach der Wende Schluss, die Treuhand übernahm und damit sollte das Todesurteil gesprochen sein. Die „Spielzeugstadt“ Sonneberg, die vor dem ersten Weltkrieg 20 Prozent der auf dem Weltmarkt gehandelten Spielwaren produzierte, wie Wikipedia weiß, war nun endgültig Geschichte. Schon 1929 hatte es hier mit 50 Prozent die höchste Arbeitslosenquote Thüringens gegeben und die Nationalsozialisten holten sich nach roten Zeiten zu Beginn der Weimarer Republik regelmäßig absolute Mehrheiten ab.

 

Die Einheitsgemeinde Raguhn-Jeßnitz entstand 2010 im Landkreis Anhalt-Bitterfeld durch den Zusammenschluss von acht Gemeinden und hat 15 Stadtteile, in denen zusammen knapp 8.900 Menschen leben. Hier ist es kein Landrat wie in Sonneberg, sondern ein hauptamtlicher Bürgermeister, der in der Stichwahl gewählt wurde. Und nun schaut ganz Deutschland auf diese Orte und wundert sich. Oder wundert sich nicht, sondern reagiert mit Arroganz und Herablassung auf die Situation. Schnell werden Schuldige gesucht und gefunden, denn der Blick bleibt lieber oberflächlich, weil er sonst Dinge sehen würde, die niemand sehen mag. Es sind diese vergessenen Landstriche, die gerne als „Ländliche Räume“ bezeichnet und damit abgestempelt werden. Denn sie haben keine wirkliche Zukunft. Hier wohnt niemand mehr, den man verwerten kann bzw. zu wenig Menschen, um die komplette Infrastruktur aufrecht zu erhalten. Das beginnt mit den Einkaufsmöglichkeiten und geht über Strukturwandel bei Krankenhäusern und Behörden bis zur Kultur, die es schlicht nicht mehr gibt. Abends einmal wegzugehen fällt mangels Möglichkeiten einfach flach. Cafés und Kneipen sind hier, wo Fremdenverkehr kaum stattfindet, Mangelware, Clubs und Bars nur Träume von Jugendlichen, deren Perspektive nur Weggehen bedeuten kann. Hier kommt man nicht an, hier strebt man fort oder resigniert.

 

Und gibt es doch einmal Angebote für Orte der Kommunikation, dann sind diese immer öfter ideologisch fragwürdig. Gehen wir einmal in einen anderen ländlichen Raum, nach Blankenburg im Harz, genauer gesagt nach Wienrode, einen Ortsteil. Dort gibt es nur noch ein einziges Café und das wird von der Gruppierung „Weda Elysia“ betrieben. Deren Mitglieder kann man als „völkische Siedler“ bezeichnen. Von denen gibt es seit einigen Jahren immer mehr in Deutschland. Inspiriert sind viele von der „Anastasia“-Bewegung. Diese kommt ursprünglich aus Russland und wurde durch eine Reihe von Büchern eines russischen Unternehmers inspiriert. Die Heldin dieser, besagte Anastasia, ist eine junge blonde wunderschöne Frau, welche Religionen, Demokratie, moderne Medien und von der heteronormativen Lebensweise abweichende Entwürfe für dekadent hält. Jeder Mensch sollte ein Stückchen Land besitzen, welches er selber bewirtschaftet und so als Selbstversorger leben. Schulen sind überflüssig, die Kinder unterrichten sich gegenseitig und dadurch bedingt wird jede Form von Wissenschaft natürlich ebenfalls abgelehnt. Antisemitismus gehört genauso dazu wie ein Glaube an die spirituelle Kraft der Natur und Elemente der Anthroposophie. Vieles aus der esoterischen Szene findet hier seinen Niederschlag, zusammengehalten von einer Überforderung durch die gegenwärtigen Probleme einer postindustriellen Gesellschaft auf der Suche nach einem wie auch immer gearteten Sinn. Hier gibt es Angebote für die sich zurückgewiesen Fühlenden, für die Abgehängten und Verunsicherten. Wo es an staatlichen oder halbstaatlichen Strukturen mangelt, führt es zu einem ungezügelten Strukturwandel, der sich rasch als reaktionärer Backlash entpuppt. Aber niemand oder nur wenige mögen dagegen etwas unternehmen, denn wer mag schon dort hingehen und beispielsweise kulturelle Strukturen neu errichten? Es mangelt auch da an Fachkräften, die sich lieber in den urbanen Ballungszentren zusammenfinden. Und wer mag ihnen das verübeln? Aber dadurch geben wir die anderen Räume preis und lassen die dort lebenden Menschen alleine.

 

Der arrogante Blick von oben herab wird daran nichts ändern. Alleine durch eine gewaltige finanzielle und logistische Anstrengung, und damit ein radikales Umdenken in der Politik, vermögen wir gegenzusteuern. Doch das müssen wir wollen. Und wenn ich ehrlich bin, dann sehe ich diesen Willen nicht. Zu viele haben die Menschen und die Regionen am Rand der Mehrheitsgesellschaft längst aufgegeben, weil ihnen für diese die Anstrengungen nicht wirklich wert sind. Da verlaufen die Risse in der Gesellschaft, die schon länger zu Abgründen herangewachsen sind. Wir haben uns dafür entschieden, nicht hinzuschauen. Aber dann dürfen wir uns auch nicht darüber wundern, dass die Unsichtbaren alles dafür tun, um für uns sichtbar zu werden. Und wenn uns ihre radikalen Strategien zur Sichtbarmachung nicht gefallen, dann wissen wir eigentlich, was zu tun ist. Wir müssen endlich hinsehen und handeln. Auf Augenhöhe.

Seite 7, Kompakt Zeitung Nr. 236

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