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Wie buddeln im Sand

Rudi Bartlitz

Kicken tief unten im Müllbunker – das gibt es sonst nirgends auf der Welt. Das MHKW Magdeburg-Rothensee als Austragungsort eines ungewöhnlichen Fußballturniers.

Als die Akteure das Feld betreten, fressen sich schräg hinter ihnen Metallsägen kreischend in den Beton. Die Frühschicht ist noch am Werk. Funken sprühen derart durch die Luft, dass Pyromanen ihre wahre Freude hätten. Es ist an diesem Tag wohl einer der ungewöhnlichsten Orte für Fußball, den man sich überhaupt vorstellen kann. Aber tatsächlich: Tief drunten im neuen Bunker drei veranstaltet das Magdeburger Müllheizkraftwerk (MHKW) sein traditionelles Kicker-Turnier. 300 Tonnen Sand sind aufgeschüttet. Vier Tore, zwei Spielflächen. Beach-Fußball quasi weit unterhalb der Grasnarbe. Die Wände des noch leeren Müllbunkers, in dem sich das alles abspielt, ragen gut 35 Meter steil nach oben. Für die Beteiligten ein gigantischer Anblick. Es hallt wie in einer Kathedrale. „Wir haben uns bei unseren Geschäftspartnern, die an vielen Baustellen der Welt zuwerke sind, erkundigt: Das gibt es sonst nirgends“, berichtet Geschäftsführer Rolf Oesterhoff stolz. Ein Blättern in einschlägigen, von sogenannten „Groundhoppern“ (Fußballfans, die möglichst viele Spielorte der Welt besucht haben, d. Red.) erstellten Übersichten und in diversen Fachmagazinen bestätigt das.


Dabei existieren rund um den Erdball eine Reihe ebenso kurioser wie ungewöhnlicher Flecken, auf denen kräftig gegen das Leder getreten wird. Sei es im hohen Norden auf der norwegischen Inselgruppe der Lofoten, wo im Fischerdorf Henningsvær die Spieler ob der schmalen Insel aufpassen müssen, den Ball nicht versehentlich ins Wasser zu schießen. Sei es beim Schweizer Klub FC Gspon, der auf 2.000 Metern Europas höchstgelegenen Fußballplatz sein Eigen nennt. Erreichen lässt er sich nur per Skilift. Sei es die schwimmende Arena im Marina Bay in Singapur oder die inmitten eines riesigen Autobahnkreises im chinesischen Shenyang. Ebenfalls nicht ohne – das Stadion im russischen Krasnoje, wo alles aus Stroh ist: Platz, Kabinen, Tribünen, einfach alles. Nur eben über einen Müllbunker-Fußballplatz, über den verfügt kein anderer.


Wie es überhaupt zu der ausgefallenen Idee kam, erzählt Oesterhoff so: „Als wir 2003 mit dem Bau des ersten Blocks beschäftigt waren, meinten die beteiligten Firmen, man könne doch, da so viel Sand vorhanden sei, zur Einweihung ein Beach-Volleyballturnier austragen.“ Oesterhoff wusste etwas Besseres. „Lasst uns doch einmal versuchen, da unten Fußball zu spielen“, schlug er vor. Erst einmal ungläubige Blicke – geht nicht! „Es geht alles.“ Der Geschäftsführer blieb hart. Also los. Tonnenweise wurde Sand in die Tiefe geschüttet und eine wacklige, steile Treppenkonstruktion errichtet, auf der die Spieler später nach unten balancierten. Ein wenig erinnerte es an die Reling der Titanic. In acht Metern Tiefe, umgeben von Mauern aus kaltem, unbehauenem Stein, war ein fast meterhoher Sandteppich aufgeschüttet. Es wurde eine Riesengaudi. Nur eines hatte man in der Euphorie nicht bedacht: Wie bekommen wir den Sand wieder aus dem tiefen Loch heraus …


Trotzdem, alle schwärmten vom Turnier. Des großen Erfolges wegen wurde es 2005 gleich noch einmal wiederholt. Da aber nach des lieben Fußballs Willens nicht jedes Jahr ein neuer Bunker (nebst dazugehörigem Turbinenblock und allem anderen Drumherum) errichtet werden konnte, ging es fortan draußen weiter, in enger Nachbarschaft der Blöcke 1 und 2. Natürlich weiter im tiefen Sand. Bis eben 2023, zur inzwischen 18. Auflage. Der im Bau befindliche Block 3 war so weit gediehen, eine Neuauflage im tiefen Bunker zu erlauben. „Der Andrang war riesengroß“, so Oesterhoff, „wir hätten weit mehr als zwölf Teams einladen können.“ Einiges war im Vergleich zu 2004 natürlich anders. Statt eines Sandplatzes diesmal gleich zwei nebeneinander, keine wacklige Reling mehr, sondern eine stabile breite Treppe, auslegt mit roten Läufern; wie bei den Filmfestspielen in Cannes.

 
Absolut nichts geändert hatte sich allerdings an den Tücken des Fußballs auf tiefem, wackligem Sand (es fehlten nur die Förmchen). Der Ball ist zehn Minuten ununterbrochen im Spiel, ein Aus existiert nicht, das Spielgerät schnellt wie ein Flummi von den haushohen Wänden jederzeit sofort zurück. Gediegenes Passspiel? Vergiss es! Pep Guardiola wäre verzweifelt, Christian Titz wohl auch. Dribblings oder gar Übersteiger? Hah, versuch´s doch! Als vielversprechendste Taktik sollte sich im vierstündigen Turnierverlauf diese einfache Methode erweisen: Der Keeper wirft den Ball fast übers ganze (Klein)Feld nach vorn, und einer der Angreifer versucht, möglichst direkt zu verwandeln. Am besten gelang dies einer Formation des späteren Gewinners 1. FC Magdeburg, in der die beiden Ex-Profis Christian Beck und Christopher Handke ein regelrechtes Feuerwerk an Fallrückziehern und Seitfallziehern abbrannten.


So sehr sich das MHKW um das Turnier, zu dem vorwiegend Mannschaften von Wirtschaftspartnern eingeladen werden, verdient gemacht hat, eines wurmt den Geschäftsführer (Ex-Handballer und passionierter Radrennfahrer), der sich im eigenen Team weiterhin mutig in die Bälle wirft, dann doch: „Noch nie haben wir gewinnen können. Dafür versuchen wir aber, ein hervorragender Gastgeber zu sein.“ Was viele Prominente, die entweder selbst mitspielten oder zuschauten, wie FCM-Legende Wolfgang Seguin oder diesmal Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel, gern bestätigen.


Sportliche Gaudi ist das eine, der Charity-Gedanke, unter dem das Turnier (Motto: „Kicken für einen guten Zweck“) alljährlich steht, das andere. „Die Antrittsgelder der Teams, die vom MHKW aufgestockt werden, gehen an das Hospiz im Luisenhaus der Pfeifferschen Stiftungen“, sagt Oesterhoff. 2.000 Euro waren es diesmal, insgesamt kommt im Laufe der Jahre eine Summe im mittleren fünfstelligen Bereich zusammen. Kleiner Wermutstropfen am Rande: Wie es aussieht, wird aufgrund technischer Gegebenheiten eine Neuauflage der Veranstaltung „unter der Erde“ künftig kaum möglich sein. Dafür lautet die frohe Botschaft des Unternehmens: Das Turnier geht weiter, auf jeden Fall!

Seite 31, Kompakt Zeitung Nr. 237

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