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Au, verdammt!

Von Prof. Dr. Gerald Wolf

Ein kleiner Exkurs durch schmerzvolle Begleiterscheinungen des Lebens.

Schmerzen, wer kennt sie nicht, diese Piesacker! Kürzlich, der Bequemlichkeit halber lief ich ohne Hausschuhe in der Wohnung herum und rammte dann mit dem kleinen Zeh ein Stuhlbein − verdammt, verdammt, verdammt! Ein schwerer Stuhl, noch nicht einmal andeutungshalber rührte der sich vom Fleck. Kurze Schreckstarre, und dann beguckte ich mir mit schmerzverzerrtem Gesicht den Schaden: Der Zehnagel ragte schräg nach oben, ein winziges Tröpfchen Blut sickerte darunter hervor. Ein Schrei, Wimmern dann, Fluchen und ein paar Meter probehumpeln. Niemand war da, um mich zu bedauern oder, weit schlimmer, sich über mein Ungemach halb schief zu lachen.

Zahnschmerz


Das Zahnweh, subjektiv genommen,
ist ohne Zweifel unwillkommen;
doch hat’s die gute Eigenschaft,
daß sich dabei die Lebenskraft,
die man nach außen oft verschwendet,
auf einen Punkt nach innen wendet
und hier energisch konzentriert.
Kaum wird der erste Stich verspürt,
kaum fühlt man das bekannte Bohren,
das Zucken, Rucken und Rumoren,
und aus ist’s mit der Weltgeschichte,
vergessen sind die Kursberichte,
die Steuern und das Einmaleins,
kurz, jede Form gewohnten Seins,
die sonst real erscheint und wichtig,
wird plötzlich wesenlos und nichtig.
Ja, selbst die alte Liebe rostet,
man weiß nicht, was die Butter kostet,
denn einzig in der engen Höhle
des Backenzahnes weilt die Seele,
und unter Toben und Gesaus
reift der Entschluß: Er muß heraus!


Wilhelm Busch

Schmerz gehört zu den Grunderfahrungen unseres Lebens, zu den höchst unangenehmen. Schmerz hat aber auch etwas Positives − er erzieht. Denn seine Botschaft lautet: Pass das nächste Mal besser auf! Was aber, wenn aus heiterem Himmel heraus das Knie schmerzt, der Magen oder der Kopf? „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, so heißt es in Karl Mays „Schatz im Silbersee“. In meiner Kinderseele waren die Indianer Helden. Dennoch kennen auch diese Leute das Schmerzgefühl. Nur eben kannte Karl May die Indianer nicht, nie war er auch nur einem von ihnen begegnet. Was in meiner Vorstellung dennoch für längere Zeit geblieben war, habe ein „echter Indianer“ zumindest gelernt, bei Schmerz keine Miene zu verziehen. Mag schon sein. Die Frage aber: Kann man sich das Schmerzgefühl, wie mitunter behauptet, abdressieren? Tatsächlich? Und sollte man das überhaupt?

 

Ein einziges Gen

Wirklich gibt es Menschen, die total oder nahezu schmerzunempfindlich sind. Von Geburt an. Zu einer regelrechten Berühmtheit brachte es in Italien die Familie Marsili, deren Mitglieder keinen Schmerz empfinden. Sie spüren nichts, wenn sie ihre Hand auf eine heiße Herdplatte legen, superscharfe Chilischoten machen ihnen nichts aus. Auch keine Träne, als sich einer von ihnen einen Arm gebrochen hatte. Die Marsilis kennen einfach keinen Schmerz. Ursache ist ein Defekt in einem Gen, SCN9A genannt, und dieser führt angeborenermaßen zu einer auffällig geringen Schmerzempfindlichkeit, Hypanalgesie genannt. Dieser Defekt verhindert in den Zellmembranen die Bildung eines speziellen Typs von Natrium-Ionen-Kanälen (NaV1.7-Kanäle), deren Aufgabe es ist, Schmerzsignale in den Nerven an das Gehirn weiterzuleiten.

Mittlerweile wurde ein solcher Gendefekt auch bei anderen Menschen gefunden. Allesamt sind sie so gut wie schmerzunempfindlich. Auch Mäuse, denen dieses Gen experimentell zerstört wurde. Pfiffig, wie nun mal echte Forscher sind, wird nun an Möglichkeiten für eine Gentherapie gedacht. Durch gezielte Veränderungen im Bereich des SCN9A-Gens soll Patienten geholfen werden, die unter chronischen und ansonsten nur schwer behandelbaren Schmerzen leiden.

 

Schmerz und Schmerz müssen nicht derselbe sein

Zum einen sind da die körperlichen Schmerzen. Ausgelöst werden sie auf vielfältigste Weise − mechanisch oder durch Hitze oder Kälte, durch ätzende Chemikalien, bei einer Entzündung oder durch einen Tumor. Wo auch immer im Körper, spezielle Strukturen sorgen dafür, dass Schmerz entsteht, Schmerzrezeptoren genannt. 

Und dort, wo es dann weh tut, dort sitzt er auch, der Schmerz? Zum Beispiel, wie eingangs geschildert, in der kleinen Zehe? Falsch, das Schmerzgefühl wird im Gehirn erzeugt, an der schmerzenden Stelle wird es nur ausgelöst. Zum Beispiel auch dort, wo im Herzen ein Infarkt droht, wo der Wadenmuskel oder das Geschwür im Magen schmerzt. Wird die Weiterleitung des in der Körperperipherie entstehenden Schmerzsignals hin zum Gehirn unterbrochen, bleiben wir schmerzfrei. Umgekehrt der Phantomschmerz. Ein Arm ging verloren, ein Bein, durch einen Unfall etwa oder eine notwendig gewordene Operation, und die Patienten empfinden in dem Körperteil Schmerzen, der gar nicht mehr vorhanden ist. Für die Entstehung des Schmerzgefühls ist allein die dafür zuständige Hirnregion verantwortlich

Patienten, die unter Schmerzen leiden, ist es egal, wo der Schmerz „sitzt“, sie möchten schnell und so wirksam wie möglich davon befreit werden. Bei Zahnschmerzen hilft die berühmt/berüchtigte Spritze. Noch bevor der Bohrer sein sirrendes Lied anstimmt. Der übrige Körper aber hat währenddessen seine Schmerzempfindlichkeit voll bewahrt, denn die Schmerzspritze wirkt nur lokal. Mit anderen Worten: Nur die Schmerzrezeptoren der jeweiligen Region sind betäubt. Das ergibt sich auch dann, wenn das Zahnmark, die Pulpa, und mit ihr die darin enthaltenen Nervenfasern bereits abgestorben sind. Denn auf sie, die Nervenfasern, kommt es bei der Schmerzentstehung an.

Bei Schmerzen gleich welcher Art lieber Schmerzmittel nehmen? Immerhin besteht die Gefahr, dass länger anhaltende Schmerzen chronisch werden und auch dann noch fortbestehen, wenn die Schmerzursache längst überwunden ist. Der Schmerz wird gleichsam „gelernt“. Andererseits können Schmerzmittel schaden, je nach Art des Medikamentes der Leber, der Magen- und Darmschleimhaut, den Nieren. Bei Kopfschmerz lauert eine zusätzliche Pillenfalle: Kopfschmerz durch Langzeiteinnahme von Mitteln gegen Kopfschmerz! Der Mechanismus, über den die Schmerzmittel wirken, ist je nach Substanzgruppe sehr unterschiedlich. Die Schmerzmittel können an der Stelle ansetzen, von der die Schmerzen ausgehen, oder an den Leitungsbahnen hoch zum Gehirn oder am Ort der Schmerzempfindung im Gehirn. Dasselbe gilt auch für nichtmedikamentöse Formen der Schmerzbehandlung. Sie reichen von der Akupunktur und Akupressur über Kälte- und Wärmeanwendung, von Osteopathie, Elektrotherapie und Massage bis hin zu Chiropraktiken und chirurgischen Eingriffen. Nicht zu vergessen die Psychotherapie.

 

Die schmerzende Seele

Eingedenk der Tatsache, dass die Schmerzempfindung Hirnsache ist und sämtliche psychischen Qualitäten ebenfalls vom Gehirn erzeugt werden, liegt die psychotherapeutische Schmerzbehandlung auf der Hand. Die Wirksamkeit ist tausendfältig belegt, auch wenn sie nicht garantiert werden kann. Andere Formen der Schmerztherapie können das oft ebenfalls nicht. Der Weg, über den der psychotherapeutische Effekt erzielt wird, ist mit lauter Rätseln gespickt. Die Produktion körpereigener Schmerzmittel aber dürfte durchaus eine größere Rolle spielen. Endorphine sind das, Substanzen, die an denselben Orten im Nervensystem wirken wie das Morphin, der Inhaltsstoff des Mohnsaftes (Opium). Morphin (früher „Morphium“) ist eines der am stärksten wirkenden Schmerzmittel überhaupt. Chemisch sind die körpereigenen Endorphine zwar ganz anders strukturiert als das Morphin, in der äußeren Molekülform aber stimmen sie überein. Daher auch fügen sie sich unterschiedslos in die molekularen Empfänger (Rezeptoren) auf der Oberfläche von Nervenzellen ein, die für die Schmerzentstehung oder -weiterleitung zuständig sind. Die Endorphine (ein Kunstwort, abgeleitet aus endogenes Morphin) werden vom Nervensystem als Gegenspieler eingesetzt, damit der Schmerz nicht allmächtig wird. Im Kampf oder beim Reißaus darf einen der Schmerz nun mal nicht übermannen. Wenn der Psychotherapeut mit seinen Methoden an unsere Psyche appelliert, dann wird das indirekt zum Appell an unsere körpereigenen Endorphin-Mechanismen. Ihr Erfolg ist sein Erfolg. Dasselbe gilt bald mehr, bald weniger auch für andere Formen der Schmerztherapie. Ebenso für eine Placebo-Behandlung. Wie sonst sollte zu erklären sein, dass ein Homöopathikum einen schmerzdämpfenden Effekt ausübt, auch wenn es keinerlei pharmakologisch wirkende Substanzen, Analgetika, enthält? Das gilt gleichermaßen für Handauflegen und das Schmerzwegpusten. Selbst die Wirkung von Analgetika wie auch die Schmerzchirurgie werden zu erheblichen Teilen durch einen Placebo-Effekt ergänzt. Es ist der Glaube an die Wirksamkeit, der in uns Endorphine freisetzt. So die Vermutung. Unterstützt wird sie durch wissenschaftliche Untersuchungen, bei denen unter entsprechenden Testbedingungen die Endorphin-Beladung von Hirnregionen gemessen wurde. Sie war dort höher, wo das Schmerzerlebnis entsteht. Ähnliches gilt womöglich, wenn uns der Liebesschmerz quält oder der Tod eines nahen Angehörigen. Wehe, wenn die Schmerzdämpfungs-Mechanismen nicht zureichen! Auch und gerade in solchen Fällen muss der Psychotherapeut ran.

Umgekehrt gibt es Menschen, die Schmerz mögen. An Masochisten und ihre Schmerzlust ist zu denken, aber auch an jene, die sich auf der Suche nach Kick freiwillig in Situationen begeben, die mit körperlichen Schmerzen einhergehen, ja angstbesetzt an Selbstvernichtung grenzen. Extremsportler zum Beispiel. Und warum, fragt man sich, gibt es so viele Menschen, die Tragödien mögen? Zwar nicht im eigenen Leben, aber in Büchern, im Film oder im Fernsehen. Das Schicksal der Protagonisten schmerzt sie zutiefst, sie weinen um sie. Doch je schmerzlicher die Handlung, umso „schöner“ ist sie. Als Erklärung bietet sich an, dass die Hirnregionen, in denen der seelische Schmerz entsteht, eng benachbart mit denen für das Glücksempfinden sind. Hier können Verbindungsfasern nachgewiesen werden. Nur wenige, aber immerhin. Das mag zu emotionalen Konfusionen führen, die ihren eigenen Reiz haben. Am schönsten, wenn im Zustand größten Glücks die Tränen fließen.

 

Schmerz der uneigenen Art

Durchaus nicht immer geht es bei Schmerzen um einen selbst. Zum Beispiel, wenn ein Familienmitglied leidet − an einer todbringenden Krankheit oder an einer schweren seelischen Störung. Dann leidet man mit. Desgleichen mit dem Sohn, wenn er in einem Krieg gezwungen wird, an der Front zu kämpfen. Oder wenn die Tochter, der Sohn, ein Enkel auf Abwegen sind, die erfahrungsgemäß früher oder später in die Katastrophe führen. Vielleicht ist sie schon eingetreten, und sie büßen eine Gefängnisstrafe ab? Von der denkbar edelsten Art mag der Schmerz sein, wenn man für sein Volk leidet. Weil es von unfähigen, von verantwortungslosen, von korrupten Politikern ins Verderben gelenkt wird. Auch wenn die Betreffenden unter den Folgen der Unbill selbst gar nicht oder kaum zu leiden haben, nehmen so manche Menschen große Risiken auf sich, einfach um abzuhelfen. Jobverlust drohen ihnen, Ächtung, Gefängnisstrafen oder der Galgen gar. Bei weitem nicht alle Menschen sind bereit, für ihre Mitmenschen Schmerz zu ertragen. Immer nur sind es die edelsten – jedenfalls möchten das manche gern so sehen.

Seite 34/35, Kompakt Zeitung Nr. 238

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