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Soziale Rolle und Identität

George Herbert Meads Theorie der Rollenübernahme

Der US-amerikanische Soziologe George Herbert Mead glaubt, dass sich das Ich eines Individuums aus der Fähigkeit entwickelt, die Einstellungen und Haltungen einer Gemeinschaft (generalisierter Anderer) in seine eigenen Selbstbilder einzubinden.

Der hier veröffentlichte Text ist ein Auszug aus den Konzepten von Frau Prof. Dr. Renate Girmes und ihrem Team von „Omnimundi“. Es geht darum, sich Aufgaben zu stellen – egal, ob persönliche oder berufliche – und diese zu bearbeiten. Allen auf der Welt stellen sich grundlegend 9 Aufgaben. Unter der Internetadresse omnimundi.de findet man weitere Inhalte zum Verständnis über nachhaltige Bildung.

Rollen werden uns nicht durch äußeren Zwang antrainiert, meint der Soziologe George Herbert Mead. Rollen und Rollenverhalten umgeben und prägen uns vielmehr vom Anfang des Lebens bis zu seinem Ende. Dabei beginnt das sinnverstehende Übernehmen von Rollen schon in der Kindheit, in der wir beim Spielen lernen, uns als Akteur:innen auch aus der Sicht der anderen zu betrachten und zu reflektieren. Wir fragen uns dann, welche Reaktion unser Verhalten in unserem Gegenüber auslösen wird und welche ‚Normalerwartungen‘ es von den anderen an unser Verhalten gibt. Die Fähigkeit zur vielfältigen Rollenübernahme ist die Grundlage dafür, dass wir eine eigene Identität ausbilden können. George Herbert Mead beschreibt das so:
„In einem Wettspiel mit mehreren Personen (…) muß das Kind, das eine Rolle übernimmt, die Rolle aller anderen Kinder übernehmen können. Macht es beim Baseball einen bestimmten Wurf, muß es die Reaktionen jeder betroffenen Position in seiner eigenen Position angelegt haben. Es muß wissen, was alle anderen tun werden, um sein eigenes Spiel erfolgreich spielen zu können. Es muß alle diese Rollen einnehmen. Sie müssen zwar nicht alle gleichzeitig im Bewußtsein präsent sein, doch muß es zu gewissen Zeitpunkten drei oder vier verschiedene Spieler in der eigenen Haltung präsent haben (…)“ (Mead 1975, S. 193)

„Gerade die Universalität und das unpersönliche Wesen des Denkens und der Vernunft ist (…) das Ergebnis der Tatsache, daß das jeweilige Individuum die Haltung anderer sich selbst gegenüber übernimmt und daß es schließlich alle diese Haltungen zu einer einzigen Haltung oder einer einzigen Position kristallisiert, die als die des ,verallgemeinerten Anderenʻ bezeichnet werden kann.“ (Mead 1975, S. 130)

Weil wir soziale Wesen sind, übernehmen wir Rollen

Jeder und jede – sei es in der Familie, in einer Fußballmannschaft oder in einer Organisation – trägt immer schon eine verallgemeinerte Vorstellung von dem ‚durchschnittlichen‘, ‚normalen‘ Verhalten in sich, das die Akteur:innen in einer Gemeinschaft oder Institution, also auch man selbst, in einer Situation zeigen sollten. Wir fühlen und wissen, was von uns erwartet wird und was nicht. Genau dies sind die Rollenerwartungen. Diese verallgemeinerten Vorstellungen bestimmen in starkem Maß unser Verhalten. Im Sport ist das klar: Wer zu einer Fußballmannschaft gehört, muss nicht nur die formalen Regeln des Spiels einhalten, sondern auch die erwartbaren Reaktionen, Laufwege und Verhaltensweisen seiner Mitspieler in den Rollen als Stürmer, Torwart oder Verteidigerin kennen und diese abrufbar präsent haben. Weil das so ist, wird man sich als Teammitglied seiner Rolle in der Mannschaft entsprechend verhalten.

„Kinder rotten sich zusammen, um ,Indianerʻ zu spielen. Das bedeutet, daß das Kind eine ganze Gruppe von Reizen in sich hat, die in ihm selbst die gleichen Reaktionen wie in anderen auslösen und die einem Indianer entsprechen. Während der Spielperiode nützt das Kind seine eigenen Reaktionen auf diese Reize, um eine Identität zu entwickeln. Die Reaktion, zu der es neigt, organisiert diese Reize, auf die es reagiert. Es spielt zum Beispiel, daß es sich etwas anbietet und kauft es; es gibt sich selbst einen Brief und trägt ihn fort; – es spricht sich selbst an – als Elternteil, als Lehrer; es verhaftet sich selbst – als Polizist. Es hat in sich Reize, die in ihm selbst die gleiche Reaktion auslösen wie in anderen. Es nimmt diese Reaktionen und organisiert sie zu einem Ganzen. Das ist die einfachste Art und Weise, wie man sich selbst gegenüber ein anderer sein kann. Sie impliziert eine zeitliche Situation. Das Kind sagt etwas in einer Eigenschaft und reagiert in einer anderen, worauf dann seine Reaktion in der zweiten Eigenschaft ein Reiz für es selbst in der ersteren Rolle ist, und so geht der Austausch weiter. So entwickelt sich in ihm und in seiner anderen, antwortenden Identität eine organisierte Struktur. Beide Identitäten pflegen einen Dialog mit Hilfe von Gesten.“ (Mead 1975, S. 192 f.)

Die eigene Identität entsteht erst durch die Übernahme von Rollen

Das, was wir unsere Identität als Person nennen, entsteht durch das Übernehmen vieler verschiedener gesellschaftlich vorgeprägter Rollen und durch unsere Auseinandersetzung mit diesen. Für Mead ist unser „Ich“ und unsere Identität nicht etwas, das zuerst existiert und dann in Beziehung zu anderen bzw. zur Gesellschaft tritt. Es ist vielmehr umgekehrt: Unser „Ich“ entsteht erst und immer wieder neu durch die anderen, also durch unser permanentes Verwoben-Sein mit dem gesellschaftlichen Leben:
„Ich verwies bereits darauf, daß es bei der vollständigen Entwicklung der Identität zwei allgemeine Stadien gibt. Im ersten bildet sich die Identität des Einzelnen einfach durch eine Organisation der besonderen Haltungen der anderen ihm selbst gegenüber und zueinander in den spezifischen gesellschaftlichen Handlungen, an denen er mit diesen teilhat. Im zweiten Stadium dagegen wird die Identität des Einzelnen nicht nur durch eine Organisation dieser besonderen individuellen Haltungen gebildet, sondern auch durch eine Organisation der gesellschaftlichen Haltungen des verallgemeinerten Anderen oder der gesellschaftlichen Gruppe als Ganzer. Diese gesellschaftlichen oder Gruppenhaltungen werden in den direkten Erfahrungsbereich des Einzelnen gebracht und als Elemente in die Struktur der eigenen Identität ebenso eingefügt wie die Haltungen der anderen. Der Einzelne erarbeitet sie sich, indem er die Haltungen bestimmter anderer Individuen im Hinblick auf ihre organisierten gesellschaftlichen Auswirkungen und Implikationen weiter organisiert und dann verallgemeinert. So entwickelt sich die Identität, indem sie diese individuellen Haltungen anderer in die organisierte gesellschaftliche oder Gruppenhaltung hereinbringt und damit zu einer individuellen Spiegelung der allgemeinen, systematischen Muster des gesellschaftlichen oder Gruppenverhaltens wird, in die sie und die anderen Identitäten eingeschlossen sind – ein Muster, das als Ganzes in die Erfahrung des Einzelnen eintritt nach Maßgabe dieser organisierten Gruppenhaltungen, die er, durch den Mechanismus seines Zentralnervensystems, genauso gegenüber sich selbst einnimmt, wie er die individuellen Haltungen anderer einnimmt.“ (Mead 1975, S. 200 f.)

Mead erläutert, wie sich im Wechselspiel von „Ich“ (engl.: „I“) und „ICH“ (engl.: „me“) unsere jeweilige Persönlichkeit bildet:
Das „ICH“ (engl.: „me“) meint bei Mead die Rollenerwartungen, die die Gesellschaft uns für die verschiedenen Handlungs- und Lebenssituationen vorgibt und die wir internalisiert haben. Das „Ich“ (engl.: „I“) wiederum ist unser situatives Umgehen mit diesen Erwartungen, die spezifische Art und Weise, wie wir diese Rollen ausfüllen und uns in ihnen verhalten:
„Unser Denken ist eine ständige Veränderung einer Situation dank unserer Fähigkeit, sie in unsere eigenen Handlungen hereinzunehmen; sie so zu ändern, daß sie in uns selbst eine andere Haltung auslöst, und sie bis zu dem Punkt fortzuführen, an dem die gesellschaftliche Handlung vollendet werden kann. Das ,ICHʻ und das ,Ichʻ liegen innerhalb dieses Denkprozesses und verweisen auf das Geben und Nehmen, das für diesen charakteristisch ist. Es würde kein ,Ichʻ in dem von uns gemeinten Sinn geben, gäbe es kein ,ICHʻ; und es gäbe kein ,ICHʻ ohne Reaktion in der Form des ,ichʻ. Diese beiden, so wie sie in unserer Erfahrung auftreten, bilden die Persönlichkeit. Wir sind Wesen, die in eine bestimmte Nation hineingeboren werden, an einem bestimmten Ort zu Hause sind, mit diesen oder jenen Familienverhältnissen und diesen oder jenen politischen Verhältnissen. All das repräsentiert eine bestimmte Situation, die das ,ICHʻ ausmacht. Doch impliziert dies notwendigerweise eine ständige Aktion des Organismus im Hinblick auf das ,ICHʻ innerhalb des Prozesses, in den dieses eingebettet ist. Die Identität ist nicht etwas, das zuerst existiert und dann in Beziehung zu anderen tritt. Sie ist sozusagen ein Wirbel in der gesellschaftlichen Strömung und somit immer noch Teil dieser Strömung. Das ist ein Prozeß, in dem sich der Einzelne ständig im vorhinein auf die für ihn relevanten Situationen einstellt und auf diese einwirkt. Somit wird das ,Ichʻ und das ,ICHʻ dieser Denkprozeß, diese bewußte Anpassung, zu einem Teil des ganzen gesellschaftlichen Prozesses und ermöglicht eine viel höher organisierte Gesellschaft.“ (Mead 1975, S. 225)

Mehr Infos aus dem Buch „Geist, Identität und Gesellschaft“ von Mead, in denen man die Kernideen seiner Rollen- und Identitätstheorie erläutert findet, sind auf der Internetseite https://omnimundi.de/ hinterlegt. Einen guten erläuternden Einstieg in die Grundideen von George Herbert Mead bietet auch ein entsprechender Online-Beitrag auf der Bundeszentrale für politische Bildung.

Seite 30-31, Kompakt Zeitung Nr. 239

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