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Gedanken- & Spaziergänge im Park:
Skandale! Wirkliche Skandale!

Von Paul F. Gaudi

In den letzten Wochen jagte eine mediale Empörung die nächste. Skandale über Skandale! Das betraf bayerische Politiker, die Musikszene, den spanischen Fußball und sogar unseren Landtag. Die größte Nummer war der Fall Aiwanger, der als Chef der Freien Wähler Bayerns auch Wirtschaftsminister in der bayerischen Landesregierung ist. Die Süddeutsche Zeitung enthüllte, dass Aiwanger als 16-Jähriger in seiner Schulzeit vermutlich ein antisemitisches Flugblatt verfasst, vervielfältigt und verteilt hätte. Jedenfalls wurde es damals 1987 in seiner Schultasche gefunden. Der Informant war wohl ein ehemaliger Lehrer Aiwangers, der der SPD angehört und dem anscheinend sein damaliger Schüler, der inzwischen ein erfolgreicher konservativer Politiker geworden ist, ein Stachel im Fleische ist. Gäbe es da einen besseren Zeitpunkt als zwei Monate vor der Landtagswahl, um diesem erfolgreichen Schüler ein Bein zu stellen? Das Flugblatt, das bei dem heute 52-jährigen vor rund 36 (!) Jahren gefunden wurde, wurde auf der Titelseite abgedruckt. Und sofort begann ein mediales Scherbengericht, an dem sich auch hochrangige Politiker mit Wonne beteiligten. Bald nach der Veröffentlichung gestand der ein Jahr ältere Bruder Aiwangers, dass er der Verfasser des Flugblattes gewesen sei. Das wird zwar von einigen angezweifelt, aber einen Gegenbeweis hat bisher niemand erbracht. Dieses Flugblatt war offenbar ironisch gemeint, ist aber höchst primitiv und respektlos, so wie Spätpubertäre manchmal auftreten. Man kann auch sagen, dass es die Opfer des Nationalsozialismus verhöhnt. Einige Kritiker behaupten auch, dass es antisemitisch und judenfeindlich sei. Wenn man es liest, kann man das eigentlich nicht nachvollziehen. Auch der namhafte jüdische Historiker Michael Wolffsohn nimmt Aiwanger gegen diesen Vorwurf in Schutz. Er schrieb in einer bekannten Zeitung, dass der Inhalt des Flugblattes zwar menschenverachtend, aber nicht judenfeindlich sei. Und er schreibt weiter, dass die Leute, die Aiwanger jetzt angreifen „uns Juden für ihre tagespolitischen Zwecke missbrauchen“. Weiter bemerkt er, dass Aiwanger sich während seiner ganzen Laufbahn nie antisemitisch oder judenfeindlich geäußert hätte.

Rückgrat oder nicht?

Vor allem aber machte sich der Verfasser des Flugblattes über die sogenannte Erinnerungskultur lustig, wenn auch auf eine höchst misslungene und widerliche Art und Weise. Könnte es sein, dass er sich damals vor allem damit über Lehrer lustig machen wollte? Kennen wir das nicht auch noch aus früheren DDR-Zeiten? Wenn die Lehrer der Gegenwartskunde – und andere – immer und immer wieder von der „unverbrüchlichen Liebe zur Sowjetunion“ redeten? Da gab es in unserer Jugendzeit einen Witz mit der Frage nach den drei größten sexuellen Perversionen, wo dann bei der Antwort als der Superlativ „die Liebe zur Sowjetunion“ an der Spitze stand. Im Nachgang zu der ersten Mitteilung in der Süddeutschen fand sich dann auch noch irgendein Mitschüler, der glaubte sich erinnern zu können, dass Aiwanger auch Judenwitze erzählt habe. „Das glaube ich schon eher“, warf Gerd ein, „aber dabei handelt es sich vermutlich um die jüdischen Witze, die sehr geistvoll sind und auch die Juden selbst auf die Schippe nehmen. In den siebziger, achtziger Jahren haben wir uns die auch oft erzählt. Im Norddeutschen Rundfunk gab es damals eine tolle halbstündige Sendung, in der der österreichische Schauspieler Fritz Muliar jiddische Witze erzählte, die immer mit dem Satz anfingen: Damit ich Ihnen nicht vergess‘ zu erzählen. Kann man heute noch im Internet sehen.“ „Stimmt“, erwiderte ich, „und ich habe mir damals auch aus dem Westen das Buch von Salcia Landmann „Jüdische Witze“ schicken lassen. Das hat mit Antisemitismus überhaupt nichts zu tun, im Gegenteil!“

Nun, wie dem auch sei, Söder hat, nachdem er über längere Zeit seinen Koalitionspartner zappeln ließ, am Ende dann doch entschieden, dass Aiwanger auf seinem Posten bleiben könne und die Koalition mit den Freien Wählern aufrechterhalten würde. Eine staatsmännisch kluge Entscheidung. Sogar Herr Merz gratulierte Söder dazu, was Gerd zu der skeptischen Bemerkung veranlasste, dass Merz in einem ähnlichen Fall das Rückgrat wohl nicht gehabt hätte, bei diesem Gegenwind zu seinem Koalitionspartner zu halten. Erwartungsgemäß kamen jetzt von den Bundespolitikern der Grünen und der SPD empörte Äußerungen, dass Söder damit dem Ruf Bayerns, ja sogar dem Ruf Deutschlands geschadet habe. Das ist verständlich, denn bei einem Scheitern der jetzigen bayrischen Koalition sah sich manche Oppositionspartei schon als neue Braut statt der Freien Wähler in das CSU-Regierungsbett steigen. Nun sind die Verschmähten sauer. Den Nutzen kurz vor der Landtagswahl haben die Freien Wähler, denen bei Umfragen jetzt gut 4 Prozent mehr ihre Stimme geben würden. Der Denunziant aus dem früheren Lehrerkollegium könnte sich mit den Worten des Mephistopheles aus Faust trösten, dass er vielleicht „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ gewesen sei.

Makel in der Biografie?

Eigentümlich aber ist, dass der mediale Wirbel um frühere Vergehen bei konservativen Politikern meist größer ist als bei ihren linken oder grünen Konkurrenten. Dass unser früherer und erfolgreicher Außenminister Fischer als junger Erwachsener zu den führenden Köpfen der „Frankfurter Putztruppe“ gehörte, die in den siebziger Jahren Polizisten mit Steinen und Molotowcocktails bewarf und auch verprügelte, hat seiner späteren steilen Karriere nicht geschadet. Harmloser, aber auch menschenverachtend ist der Text „Advent, Advent, ein Bulle brennt …“ der Zwickauer Punkband Harlekins von 1997, in der ein Teenager namens Katja Meier Bass spielte. Heute ist die grüne Politikerin Justizministerin der Sächsischen Staatsregierung. Sie war damals übrigens ebenso alt wie Aiwanger zur Zeit des Flugblattes. Und wir haben eine Bundestagsvizepräsidentin, die nach der Schule 1979 ein Fachschulstudium am Zentralinstitut der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ absolvierte, Pionierleiterin war, in die SED eintrat und von 1985 bis 1988 an der Parteihochschule Karl Marx studierte. Danach war sie bis 1990 Mitarbeiterin beim Zentralrat der FDJ. Also immer im Einsatz, um Kinder und Jugendliche in der DDR zu einem klaren Klassenstandpunkt und gegen den Kapitalismus zu erziehen. AfD-Politikern dagegen wurde eine Vizepräsidentschaft bislang stets verweigert, auch wenn sich kein Makel in ihrer Biografie fand.Die mediale Empörung um Till Lindemann und die Band Rammstein scheint allmählich abzuebben. Auch hier war schwer auszumachen, wie groß die Empörung der Bevölkerung um angebliche Vergehen Lindemanns wirklich war oder inwieweit diese hochgehenden Wellen von den Medien immer wieder angepeitscht wurden. Jeder, der die Behauptungen der angeblichen Opfer auch nur ein wenig in Zweifel zog und nach Beweisen fragte, wurde medial oder in Leserbriefen angegriffen. Die Berliner Staatsanwaltschaft hatte von Amts wegen eine Anklage erhoben, die jetzt mangels Beweisen wieder eingestellt wurde. Eine Anklage von angeblich Betroffenen gab es nie. Keine zeigte Till Lindemann bei einem Gericht an. Das linke Petitionsportal Campact versuchte zwar die Berliner Konzerte der Band zu verhindern, hatte aber keinerlei Erfolg damit. Die Konzerte in Berlin und anderswo waren total ausverkauft und im In- und Ausland feiert Rammstein weiter große Erfolge.

Das Balkonskandälchen

Auch Sachsen-Anhalt hatte sein „Skandälchen“, das aber nun wirklich eher einer Provinzposse gleicht. Da hat doch der Landtagspräsident vom Balkon seines Dienstzimmers aus mit ein paar Gästen und Gästinnen dem Konzert von Roland Kaiser auf dem Domplatz zugehört. Es ist nicht zu fassen, so was auch! Die Politiker der Linken und der Grünen schrien gleich nach dem Rücktritt von Schellenberger und wollten seine Abwahl durchsetzen. Man fragt sich, welche alten Rechnungen da beglichen werden sollen. Ein toller Platz für das Konzert war es jedenfalls nicht, Immerhin fast 120 m von der Bühne entfernt, viel weiter entfernt als die schlechtesten Plätze. Da hatte mancher Zaungast, der am Rand der Absperrung stand, deutlich mehr von dem Konzert gehabt. Es könnte auch möglich sein, dass in dem großen blauen Gebäude am Domplatz noch mehr Fenster offen waren, um von dem Konzert zu naschen. Das eigentliche Drama war eigentlich der Eiertanz Schellenbergers nach den Protesten. Da hat er irgendetwas von einer abgesagten Sitzung erzählt und nun wurde es erst wirklich schlimm. Es hätte doch gereicht, wenn er gesagt hätte: „Es tut mir leid, wenn es jemanden gestört hat, dass ich von meinem Büro aus das Konzert gesehen habe und mir dazu noch ein paar Bekannte eingeladen habe.“ Gerd meinte abschließend: „Ich bin heilfroh, dass wir nicht mehr im Mittelalter leben. Wie viele würden dann wohl bei dieser ständigen medialen Aufheizung auf dem Scheiterhaufen enden oder öffentlich gesteinigt werden!“ Wer wird das nächste Opfer? Wozu brauchen manche Menschen diese Aufreger? Ist ihr eigenes Leben so langweilig? Oder wird es ihnen von den Medien zwangsweise aufgedrängt?

Buch-Tipp:

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ (Teil I mit Nr. 1 bis 54) und „Neues vom Spaziergänger“ (Teil II mit Nr. 55 bis 100) erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder in unserem Onlineshop bestellt werden.

Seite 8, Kompakt Zeitung Nr. 240

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