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Wir waren auch mal gut

Rudi Bartlitz

Ein paar schwummrige Gedanken zur Zukunft des deutschen Sports.

Im deutschen Spitzensport springen sie derzeit im Quadrat. Ein Misserfolg jagt den anderen. Die Fußballer (und Innen!) bewegen sich in erfolgloser Dauerschleife, sieht man einmal von Vize-EM-Titel der Frauen 2022 ab. Die Schwimmer (zumindest die im Becken) folgten bei der jüngsten WM mit der Minimalbilanz von einmal Bronze, und zuletzt setzten die Leichtathleten mit einem Salto Nullo beim Weltchampionat in Budapest dem Ganzen die Krone auf. Es war das schlechteste Abschneiden seit 40 Jahren. Ein absolutes Tief.


Bleiben wir kurz bei der Leichtathletik, immerhin die Nummer eins unter den olympischen Sportarten. In den Wochen nach Budapest überboten sich Verantwortliche ebenso wie Fachleute anderer Couleur, Athleten und Ex-Sportler in Analyseversuchen. Da kam viel Wahres zusammen. Fast schon zu viel. Bemerkenswert die Parallelen, die zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland gezogen werden. „Ich glaube“, sagt die ehemalige Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius, „dass sich unsere Gesellschaft gewandelt hat. Wir schaffen Bundesjugendspiele ab, erste, zweite, dritte Plätze werden abgeschafft, es soll keinen Schnellsten und keinen Langsamsten geben.“ Auch im Fußball, das hat Nerius nicht gesagt, wollen sie bei den Jüngsten Ergebnisse und Tabellen liquidieren – wo soll da der Leistungsgedanke später herkommen? Auch die Elterngeneration habe sich geändert. Das sagt wiederum Nerius. Ergebnis: Die Kinder müssten sich nichts mehr erkämpfen, wollten gar nicht mehr besser werden, so die heutige.


Es geht weiter. Die nächste und übernächste Generation mache ihm Angst, erklärte der Olympiazweite von 1996 im Zehnkampf und ARD-Experte, Frank Busemann. Mit dem „laschen Umgang“ in Deutschland schaffe man „keine Siegertypen“. In dieselbe Kerbe schlägt Diskus-Legende Robert Harting. „Es krankt überall“, konstatiert er. „Deutschland ist eigentlich fett, unkreativ und alt.“ Einer, der die gesamte Entwicklung in der Leichtathletik mit einigem Bedenken sieht, ist Paul Hünecke. „Uns fehlt ganz klar die Strategie“, analysiert der Leichtathletik-Chef des SC Magdeburg. Bereits 2019 bei der WM in Doha habe die Ampel „auf Gelb gestanden, jetzt zeigt sie klar auf Rot,“ sagte er im MDR. Es reiche nicht, „klein-klein an den Stellschrauben zu drehen, wir müssen das große Ganze neu machen.“ Es gelte sich dabei auf lange Zeitspannen einzustellen. Er nennt das Jahr 2032. 


Leicht vorwurfsvoll hält Olympiasiegerin Heike Drechsler dagegen, die Deutschen wollten eben immer nur Medaillen. Die Gegenfrage kann ihr nicht erspart bleiben: Wofür ist sie denn einst selbst (übrigens sehr erfolgreich) im blauen Trikot in die Gruben dieser Welt gesprungen? Für Reiseandenken? Fürs persönliche Amüsement des knallharten DDR-Sportchefs Manfred Ewald (Lieblingslied der alte Petry-Gassenhauer: „Bronze, Silber und Gold hab` ich nie gewollt“)? Also Vorschlag zur Güte: Wie wäre es denn mit einem flammenden Appell an IOC und Weltfachverbände, doch bitte, bitte endlich diese blöden Medaillen abzuschaffen. Eine Urkunde für jeden, das wäre viel gerechter. Und lebensbejahender. Keiner müsste mehr Tränen vergießen. Und keiner würde mehr mit dem Finger auf die Nationenwertung zeigen; die manche Zeitungen hierzulande ohnehin bereits abgeschafft haben. Ob nun in weiser Voraussicht oder ob Feigheit und Schönmalerei die Gedanken leiten, sei einmal dahingestellt. Keine Plaketten, es würde der Work-Life-Balance sehr dienen, niemand müsste sich mehr schinden – und alle wären zufrieden. Oder doch nicht?


Nun begab es sich zu jener Zeit, würde es vielleicht in einem beliebten Hausmärchen heißen, dass sich der deutsche Sport ohnehin gerade auf der Suche nach einem Erfolgsrezept für die Zukunft gemacht hat. Irgendwie muss es einigen schon vor der jüngsten Negativserie gedämmert haben: So kann es nicht weitergehen. Wir waren doch auch mal gut. Es bestehe „Reformbedarf“, wird das heute verbrämt genannt. Ein „Strukturwandel“ müsse her, wurde gefordert. 2016 war das. Ende 2022, also geraume sechs Jahre später, muss man konstatieren, dass alle Suche nicht dazu geführt hat, dass der „Abwärtstrend bei der deutschen Medaillenbilanz gestoppt werden konnte oder sich Rahmenbedingungen für Athletinnen und Athleten ausreichend verbessert haben“. Endlich mal deutliche Worte. Oder nur ein Versehen? Also setzten der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und das Innenministerium, wie das hierzulande so üblich ist, erneut Kommissionen ein, um zu beratschlagen, was zu tun sei.   


Bevor das angegangen wird, scheint es angeraten, erst einmal eine grundsätzliche Diskussion zu führen zum Thema: Was will der deutsche Leistungssport überhaupt? Runtergebrochen auf die simple Frage: Will er oben mitspielen, oder will er – vielleicht im falsch verstandenen alten olympischen Geist – einfach weiter nur dabei sein. Aus der Beantwortung dieser Frage – die hierzulande seit fast einem Jahrzehnt vor sich hergeschoben wird – würde sich jedoch alles andere ableiten. Sollte es wirklich nur ums Mitmachen gehen, könnte der Artikel an dieser Stelle kurz und schmerzlos enden. Aber das wird keiner öffentlich einräumen. Es steht daher also zu befürchten, es wird ein prinzipielles „sowohl als auch“ oder ein unmissverständliches „jein“ geben. Und dann sind da noch jene, die fordern, dem deutschen Sport doch „realistische Ziele“ zu setzen. So wie es mancher (aus Überzeugung die einen, aus purer Verzweiflung die anderen) in den Nach-Budapester-Tagen schon getan hat. Sport-ethisch formulierte Ziele, in denen das Wort Medaillen am besten gar nicht mehr vorkommt.


„Wir sind uns im Sport und mit der Politik einig, dass der deutsche Leistungssport neue, innovative Impulse braucht“, sagt DOSB-Präsident Thomas Weikert: „Wir wollen eine Trendwende bei den internationalen Erfolgen unserer Athletinnen und Athleten schaffen.“ Dazu soll nun eine neue Sportagentur geschaffen werden. Damit sollen Kräfte gebündelt werden, so Weikert, „indem wir Steuerung und Förderung erstmals aus einer Hand ermöglichen. Das Sportfördergesetz schafft dafür die notwendige Planungssicherheit und Kontinuität für die Sportverbände. Damit erreichen wir mehr Flexibilität im System, Bürokratie wird abgebaut und unsere Verbände können sich wieder auf das konzentrieren, was im internationalen Wettbewerb wichtig ist: die langfristige Entwicklung von Spitzenleistungen“. Wie dazu die angedachte Reduzierung der finanziellen Bundesmittel im neuen Haushalt (von rund 300 Millionen Euro auf 273 Millionen) passen soll, bleibt schleierhaft. 


Jene Auguren, die die Talfahrt des deutschen Spitzensports längst noch nicht erreicht sehen und den Tiefpunkt ausgerechnet im nächsten Jahr erwarten, dem Jahr der Olympischen Spiele von Paris, könnten also recht behalten.

Seite 36, Kompakt Zeitung Nr. 240

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