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Stadtraum wiedergewinnen

Eckhart W. Peters

Die Stadt Magdeburg will die Innenstadt entwickeln und freie Flächen wie beispielsweise den Prämonstratenserberg bebauen. Es existiert dazu bereits ein Grundsatzbeschluss vom Stadtrat, jedoch möchte eine Bürgerinitiative die Freifläche erhalten.

Die Darstellung zeigt den Entwurf von Duong & Schrader Architekten für den Prämonstratenserberg.

Betr.:  Änderung des Bebauungsplanes Nr. 237-2 „Zentraler Platz – Elbufer“
Liebe Frau Lehmann, haben Sie Dank für die Einladung des Stadtplanungsamtes zur Ideenwerkstadt. Leider ist es mir nicht möglich, an diesem Termin teilzunehmen, sodass ich mich nochmals schriftlich äußere und auf die über einhundert Veröffentlichungen des Stadtplanungsamtes, den Grabungsbericht – liegt mir bis heute nicht vor –, das Stadtarchiv sowie diverse Bücher (z. B. Magdeburg lebt auf – Visionen einer Stadt) und Zeitungsartikel verweise. Dazu gab es seit 2019 mit der „Arbeitsgruppe“ um Dr. W. Polte, W. Kaleschky, H.-J. Olbricht und mir diverse Fachgespräche mit den politischen Gremien sowie der Spitze der Stadtverwaltung unter Beteiligung des Stadtplanungsamtes, mit den Grundstückseigentümern sowie der WOBAU, der Architektenkammer, dem AIV und es gab eine öffentliche Diskussion und dazu eine Publikation der Magdeburgischen Gesellschaft. Weitere Veröffentlichungen zur Historie liegen von Sabine Ulrich und von mir in der Serie „Ein Gang entlang der Stadtmauer“ in der KOMPAKT ZEITUNG vor.

 

Gedanken zur heutigen Situation in Magdeburg

Viele deutsche Städte sind zerstört worden, bis am 8. Mai 1945 Deutschland durch die Alliierten von den Nationalsozialisten befreit wurde. Magdeburg war am 16. Januar 1945 in einer Nacht des Grauens zerstört worden Der Zweite Weltkrieg, das Tausendjährige Reich war beendet. Historiker schätzen heute die Bilanz des Grauens weltweit auf über 50 Millionen Tote. So begann 1945 die Suche nach den Vermissten, Toten und Verletzten, dann das Aufräumen, die Neuorganisation und die Diskussion über den Wiederaufbau der deutschen Städte. So auch in Magdeburg.


Magdeburgs Trümmerfrauen wurden zum Symbol der ersten Aufbauphase. In den fünfziger Jahren halfen alle – Kinder und Frauen, Jung und Alt, Werktätige und Rentner, Vertriebene und Heimkehrer – die Trümmer der Stadt zu beseitigen. Der Wiederaufbau begann und unzählige Zeugnisse belegen, was die Magdeburger Gesellschaft in dieser Zeit geleistet hat; einerseits die Verpflichtungen gegenüber der Sowjetunion und andererseits die Wiederbelebung des städtischen Organismus. Zur Aufbauarbeit waren alle Betriebe Magdeburgs für die Trümmergrundstücke unter Angabe der Kubikmeter zugeteilt worden. Fast 30 Feldbahnlokomotiven und über 600 Loren transportierten auf über 30 Kilometer Trümmerbahnen den Bauschutt. Ziel war es, diesen zentral zu lagern und möglichst viel Baumaterial zu gewinnen. Schon 1952 konnten die ersten Häuser am Breiten Weg und am Alten Markt bezogen werden – ganz im Sinne der „16 Grundsätze des Städtebaus“ von 1950. Zwei große Straßen vom Hauptbahnhof (Leiterstraße und heutige Ernst-Reuter-Allee) schufen die West-Ostdurchbrüche und verbanden Stadtfeld durch die Altstadt mit der Elbe. Der Standort für das neue Rathaus mit Turm wurde am Zentralen Platz Richtung Elbe ausgewiesen. Die Stadtmauer war in Teilbereichen noch erhalten, teilweise oberirdisch zerstört, teilweise verschüttet und oft durchbrochen.


Bei der historischen Abfolge der Bauetappen und dem typologischen Veränderungsprozess der Wohnformen lässt sich ein interessanter Kreislauf beobachten, der mit dem Blick auf ganz aktuelle Wachstums- und Erweiterungsprozesse der Stadt nach 1990 und 2020 einer Art Spirale gleichkommt. Als Architekt und Stadtplaner habe ich den sozialistischen Städtebau der Großsiedlungen in Dresden, Berlin, Warschau und Budapest schon in den 80er Jahren mit Kolleg*innen besucht und positiv gegenüber westlichen Beispielen beurteilt. Um die zahlreichen Vorurteile gegenüber dem sozialistischen Städtebau der DDR auszuräumen und die Fragen zu einer städtebaulichen Perspektive der Landeshauptstadt Magdeburg überaus folgenreichen Entwicklung zu beantworten, legte das Stadtplanungsamt 1998 eine Studie der Epoche des Städtebaus in der DDR vor. Hierfür wurden die im Amt und im Stadtarchiv verfügbaren Dokumente gesichtet, Zeitzeugen angesprochen und ausführliche Recherchen zu den im Zeitraum von 1945 bis 1990 angefertigten Plänen, Modellen, Ausstellungen, Bürgerversammlungen und realisierten Bauwerken durchgeführt.


Gerade in den stark zerstörten Städten, die durch den Wiederaufbau ein völlig neues Gesicht erhalten haben, existiert eine Sehnsucht nach den alten Stadtbildern. Für den Bereich der Regierungsstraße ist es gelungen, mit Hilfe der Fotos, dem Häuserbuch, den historischen Plänen und den Bauakten aus dem Stadtarchiv, die kleinteiligen und abwechslungsreichen Straßenansichten der Vorkriegszeit fast vollständig darzustellen – aber Ziel ist es, die Bebauung im Bereich am Prämonstratenserberg städtebaulich neu zu ordnen – auch mit moderner Architektur – und den Hauch der geschichtlichen Bedeutung mit historischen Zitaten wieder zu verspüren. Die Untersuchungen beziehen sich zum einen auf den Stadtraum und den Stadtgrundriss, zum anderen auf die konkreten Gebäude, die im Bereich zwischen dem Kloster Unser Lieben Frauen, der Berliner Straße und Am alten Brücktor gestanden haben, auch unter dem Aspekt des Ergänzens der Denkmalbereiche im archäologischen Flächendenkmal der Altstadt:

  • Hervorheben des ehemaligen Stadtgrundrisses durch Neufassung der historischen Straßenräume,
  • Akzeptanz und Integration der vorhandenen Bebauung (z. B. Kloster Unser Lieben Frauen, Demenz-Zentrum, Fürstenwall, Stadtmauer) unter Würdigung des Denkmalwertes
  • Schaffen von Flächen für den ruhenden Verkehr (auch unterirdisch)
  • Herstellen eines differenzierten Netzes von Wegen, Straßen, Plätzen und Freiflächen unter Würdigung der Höhenversprünge von bis zu acht Metern

 

Unter dem Eindruck der großflächigen, modernen Bebauung in der Innenstadt in direkter Nachbarschaft ist es ausdrücklicher Wunsch der Politiker, im Jahre 2021 im Geltungsbereich des Bebauungsplans (B. Plan Nr. 237-2 ZENTRALER PLATZ / ELBUFER) eine kleinteilige, individuelle Bebauung zu ermöglichen. Durch die Nachverdichtung soll die Chance genutzt werden, den Bereich an der alten Stadtmauer zu einer Bummelmeile mit urbanem Flair zu entwickeln. Entsprechend werden folgende stadtgestalterische Ziele vorgegeben:

  • Bebauen mit Strukturen, die sich zum öffentlichen Straßenraum durch Kleinteiligkeit auszeichnen (Orientierung an der ehemaligen Parzellenstruktur)
  • differenzierte Geschossigkeit
  • Gestalten differenzierter öffentlicher Freiflächen mit Aufenthaltsqualität

 

Die ersten Ideen zur Zukunft der Innenstadt Magdeburgs hat das Stadtplanungsamt 2020 in einer Bürgerbeteiligung – online – öffentlich mit folgenden Themen zur Diskussion gestellt: Mehr Innenstadt – Starkes Raumgerüst – Neue Aufenthaltsqualität – Netz der kurzen Wege – Nachhaltig mobil – Erreichbar von überall – Starke Quartiere. Diese Vorgaben, die Wiedergewinnung des Stadtraumes und die Schaffung von kleinteiliger Bebauung, orientieren sich an der Idee der traditionellen europäischen Stadt. Wenigstens in diesem Teilbereich der Innenstadt soll den kommerziell geprägten, großflächigen Stadtstrukturen eine andere städtebauliche Idee entgegengesetzt werden. In vielen Bereichen Magdeburgs sind trotz anderer oberflächiger Nutzung die Keller der Vorkriegsbebauung im Untergrund noch erhalten (z. B. Magdeburg Buttergasse, Remtergang, Bastion Cleve, St. Sebastian, Zentraler Platz, Nord-LB, Breiter Weg, Governementsberg, etc.). Solche Keller sind steinerne Zeugen der Stadtgeschichte, sie sind aber auch als städtebauliches Potenzial zu begreifen, da sie Anknüpfungspunkte für eine neue Bebauung darstellen können. Wieviel von den Kellern im Klosterquartier an der Stadtmauer noch vorhanden ist, und ob die Keller erhaltenswert sind, kann letztendlich aber nur durch Suchgrabungen festgestellt werden.


Bei dem Wunsch nach einer kleinteiligen Bebauung an der Stadtmauer schwingt immer die Vorstellung vom historischen Magdeburg mit, die Sehnsucht nach dem verlorenen Stadtbild. Die Enge und Kleinteiligkeit der Vorkriegsbebauung wird heute eher mit Lebendigkeit und Urbanität in Verbindung gebracht als mit ungesunden Wohnverhältnissen. Die Idee, die historischen Straßenfluchten wieder aufzugreifen, lässt sich nur in Teilbereichen verwirklichen, da der Gebäudebestand, die vorhandenen Leitungen (Infrastruktur) sowie die modernen Anforderungen an die Verkehrsinfrastruktur ein solches Vorgehen erschweren. Zusammenfassend werden die Erkenntnisse für die Zukunft der Innenstadt Magdeburgs in fünf städtebaulichen Vertiefungsbereichen benannt: Magdeburg Mitte, Viertel Jakobstraße, Parkplatz Karstadt, Stadteingang Elbpromenade, Stadteingang Bahnhofsvorplatz.


Gerade die mit der alten Stadtmauer verbundenen Bereiche werden als Ergänzung der Kirchen als Edelsteine der historischen Stadtkrone Magdeburgs wirken.

Seite 7, Kompakt Zeitung Nr. 241

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