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Ich spreche Deutsch: Wehr, Schleuse und Fischpass

Dieter Mengwasser

Von den Bergen rauscht ein Wasser,
Ja, ja, ja, rauscht als wär es kühler Wein.
Kühler Wein, der soll es sein,
Schatz, ach Schatz, ach könnt ich bei Dir sein.

 

Vielleicht kennen Sie, liebe Leserinnen und Leser, dieses Volkslied noch? Eventuell haben Sie es selbst schon gesungen. Dies ist nur die erste Strophe. Und noch haben wir Wasser aus den Bergen, aber wie wird es bei diesem Klima weitergehen?

 

Unsere Vorfahren wussten schon, wie wichtig das Wasser ist. Es rauscht von den Bergen und speist Bäche und Flüsse. Zu Urzeiten sicherlich ungebremst, bis dann findige Anwohner auf den Gedanken kamen, es mit künstlichen Hindernissen zu stauen, denn das ermöglichte, durch einen relativ konstanten Wasserstand Trinkwasser zu haben, mit Booten auf dem Wasser zu fahren, Mühlen zu betreiben und auch Dürrezeiten oder Überschwemmungen einigermaßen in den Griff zu bekommen. Diese künstlichen Hindernisse nennen wir Wehre. Sie brachten also Vorteile, aber sie waren für den Boots- und Schiffsverkehr eine nahezu unüberwindbare Sperre. Abhilfe schaffen hier sogenannte Schleusen.


In unserer Kolumne „Deutsch“ wollen wir uns natürlich mehr mit den sprachlichen Aspekten beschäftigen, aber die sind naturgemäß mit technischen Dingen verbunden, in unserem Falle hier mit der Bedienung von Schleusen. Das Wasser kommt, wie schon eingangs gesagt, von den Bergen. Bewegen wir uns mit einem Boot oder einem Schiff auf einem Fluss, geben wir die Richtung an: ‚bergwärts‘ heißt es, wenn wir hin zum Berg, also hin zur Quelle, in der Regel auch gegen die Strömung, fahren. Synonyme sind ‚flussauf‘, ‚flussaufwärts‘. Auf der Elbe wäre dies von Magdeburg aus in Richtung Schönebeck, Torgau, Riesa, Dresden usw.  ‚talwärts‘, ‚flussab‘, ‚flussabwärts‘ geht es in der Richtung nach Hamburg. Die Silbe ‚-wärts‘ zeigt immer eine Richtung an, sie kann aber nicht als alleinstehendes Wort, sondern immer nur in Zusammensetzungen stehen: ‚vorwärts‘ – in der Richtung nach vorn, ‚rückwärts‘ – nach hinten, ‚aufwärts‘ – nach oben, ‚abwärts‘ – nach unten, ‚seitwärts‘ – zur Seite hin.


Sehen wir uns nun eine Schleuse an. Kernstück ist die Schleusenkammer, eine Art riesige Wanne, die an den beiden Stirnseiten von Toren eingeschlossen wird. Das sogenannte Obertor befindet sich auf der Bergseite, das Untertor zeigt in Richtung Tal. Wenn Sie sich zum Beispiel im Spreewald mit Ihrem eigenen oder einem ausgeliehenen Boot bewegen, dann werden Sie natürlich nicht so einfach feststellen können, wo bergwärts oder talwärts ist, dazu sind bei den rund 250 Wehren und 75 Schleusen – alle sind Selbstbedienungsschleusen – die Strömungsverhältnisse des Wassers in den Fließen nicht überschaubar. Eigentlich ist es unwichtig für den Paddler, diese Verhältnisse zu kennen, es sei denn, Sie studieren vor Ort die auf Schildern angegebenen Anleitungen für die Schleusungsoperation. Einfacher ist es, sich am Wasserstand im Schleusenbereich zu orientieren: Dort, wo der Wasserspiegel höher ist, befindet sich das Obertor, also die Richtung bergwärts; in der Richtung talwärts ist der Wasserspiegel niedriger. Bei der Annäherung an einen Schleusenbereich sehen Sie immer, dass eines der beiden Tore geöffnet ist, offengelassen von den Booten, die die Schleuse vor Ihnen durchquert haben. Nach dem Einfahren in die Schleusenkammer sind beide Tore zu verschließen und der Gleichstand des Wasserspiegels ist mit dem Wasserstand auf der Seite herzustellen, in deren Richtung ich mein Boot bewegen möchte. Also: Fahre ich bergwärts, muss ich den Wasserstand in der Kammer so weit erhöhen, dass er dem Wasserspiegel entspricht, wie er bergwärts, vor dem Obertor, herrscht. Um dies zu erreichen, muss das Untertor vollständig geschlossen sein, auch die darin vorhandenen nicht sichtbaren Klappen für die Wasserbewegung müssen durch die entsprechenden Hebel geschlossen sein (‚zu‘). Währenddessen strömt durch die geöffneten Klappen des Obertors (‚auf‘) das Wasser in die Kammer. Sobald der gleiche Wasserstand sich eingestellt hat (der Schmutz an den Wänden der Schleusenkammer ist vollständig vom Wasser überdeckt), kann das Obertor mit mäßigem Kraftaufwand geöffnet werden, und der Weg zur Ausfahrt ist frei. Auch für die Fahrt talwärts ist ebenfalls die gleiche Höhe des Wasserstandes zwischen der Schleusenkammer und dem folgenden Gewässer herzustellen.


Alle Schleusen tragen eine amtliche Nummer des Landes Brandenburg, dazu noch Bezeichnungen, die häufig von den jeweiligen Flurstücken herrühren. In Burg (Spreewald) gibt es zum Beispiel die Krabat-Schleuse, die Pfitzner-Schleuse, die Scheidungsschleuse u. a. Von Interesse ist in sprachlicher Hinsicht die Jedro-Schleuse. ‚jedro‘ ist ein slawisches Wort der ansässigen Sorben und hat die Bedeutung ‚Nusskern‘. Im Russischen ist ‚ядро‘ der ‚Kern‘, ‚ядерное оружие‘ bedeutet ‚Kernwaffen‘, ‚ядерная физика‘ ist die ‚Kernphysik‘.


Was ist nun der Unterschied zwischen einem Paddelboot, einem Kajak und einem Kanu? Paddelboot ist eigentlich der Oberbegriff, denn Kajak und Kanu werden mit Paddeln vorwärtsgetrieben. Das Kanu ist ein offenes Boot, ohne Bedeckung, in der Regel etwas größer und breiter als Kajaks, und kann von mehreren Personen und mit größerer Zuladung besetzt werden. Die Fortbewegung geschieht durch ein Stechpaddel, das nur ein Blatt (Schaufel) aufweist und in das Wasser eingetaucht (‚eingestochen‘) wird und nach hinten gedrückt wird. Ein Kajak ist ein ein- oder zweisitziges Paddelboot mit Verdeck und wird durch die sitzende Besatzung mit Doppelpaddel angetrieben. Mit einer solchen Definition könnte auch das heute noch begehrte Faltboot RZ 85 (Reisezweier, 85 cm breit) aus DDR-Zeiten als Kajak gelten.


Nun zum Fischpass. Dies ist eine am Wehr oder an der Schleuse angeordnete schmale Rinne mit Stufen, ähnlich einer kleinen Treppe, um den Fischen die Umgehung des Wehrs tal- und bergwärts zu ermöglichen. Die Bedeutung ist uns klar, aber woher stammt die Bezeichnung? Zum Vergleich: Ein Gebirgspass ist die Stelle, an der zwischen benachbarten Tälern, die durch einen Bergkamm getrennt sind, der Übergang möglich ist. „Die Hose passt wie angegossen.“, „Es würde uns gut passen, wenn ihr uns am Sonntag besuchen kommt.“ Gibt es hier mit diesem deutschen Verb ‚passen‘ eine Verbindung zu ‚Gebirgspass‘ oder ‚Fischpass‘? Nein. Aber zu ‚passieren‘, das die Mehrzahl von uns immer noch wegen ‚-ieren‘ als Fremdwort empfindet. „Was ist passiert?“, „Ein Verkehrsunfall ist passiert.“ ‚passieren‘ ist offensichtlich entstanden aus dem Verb ‚passer‘, einem Universalwort der französischen Sprache. Die Vielfalt der Bedeutungen dieses Wortes ist auch zu uns ins Deutsche übergegangen. ‚Straßenpassanten‘, ‚ein Pass im Fußballspiel‘, ‚eine Grenze passieren‘ – das alles ist von ‚passer‘ abgeleitet. Auch wenn beim Skatspiel nach dem Kartenausteilen ein Spieler sagt „Ich passe“ und damit auf das Reizen verzichtet, ist ein Zusammenhang zu ‚passer‘ gegeben. Eine der Bedeutungen von ‚passer‘ ist (frz.) ‚traverser‘, auf Deutsch ‚durchqueren‘, ‚überqueren‘. Und davon rührt letztlich die Bezeichnung ‚Fischpass‘ her.
Zum Schluss noch die letzte Strophe des seit ungefähr 1906 bekannten Liedes „Von den Bergen…“:

 

In der Heimat angekommen,
Fängt ein neues Leben an.
Eine Frau wird sich genommen,
kleine Kinder bringt der Weihnachtsmann.

 

(Böse Buben singen noch weiter: „Wenn er kann, der alte Mann, er hat nichts dran.“)

Buch-Tipp:

Die Beiträge von Dieter Mengwasser sind als Buch unter dem Titel „Ich spreche Deutsch! – Sprachbetrachtungen eines Sprachkundigen“ erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder in unserem Onlineshop bestellt werden.

Seite 20, Kompakt Zeitung Nr. 242

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