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„Welcome to Arabia“

Rudi Bartlitz

Saudi-Arabien – das neue Märchenland des Weltfußballs? Geld spielt dort offenbar keine Rolle. Was sich hinter der Sportoffensive am Persischen Golf verbirgt.

Mit so manchem hatte Brasiliens Fußball-Star Fabinho ja gerechnet, als er nach Saudi-Arabien wechselte. Aber damit sicher nicht. Als der 29-jährige Ex-Liverpooler, der seit dem Sommer für den Vorzeige-Klub Al-Ittihad aufläuft, nach seiner ersten Partie im vielgepriesenen Morgenland nichts ahnend aus dem Stadion trabte, winkte ihn ein Fan heran, zog eine ziemlich wertvolle Rolex aus der Tasche und band sie dem Kicker ums Handgelenk. Fabinho schaute zwar nicht ungläubig – was in diesem Land ohnehin ein Frevel wäre –, aber zumindest irritiert. „Nimm schon“, redete der edle Spender des teuren Weckers auf ihn ein. „Du hast heute wirklich gut gespielt.“


Ja, so kommen sie daher, die Geschichten aus dem neuen Märchenland des Weltfußballs. Jener absoluten Monarchie in Vorderasien. Dabei ist Fabinho nicht einmal derjenige, der in diesen Wochen und Monaten rund um den Globus die größten Schlagzeilen liefert. Dafür stehen eher Namen wie Cristiano Ronaldo, Neymar, Karim Benzema, Sadio Mane oder Roberto Firmino. Die sich mittlerweile alle bei den Scheichs verdingt haben. Mit Gehältern, die bei den Bossen der führenden europäischen Vereine mit schöner Regelmäßigkeit für reichlich Schnappatmung sorgen. Ihr Alptraum: Wenn das so weitergeht …


Mit 200 Millionen Euro für zwei Jahre wird Neymars Grundgehalt angegeben. Und das soll nur eines von vielen Versprechen sein, die ihm die Sau-dis gemacht haben. Noch übertroffen wird er von Ronaldo: Der 37-jährige Portugiese verdient übereinstimmenden Berichten zufolge bei Al-Nassr FC aus der Hauptstadt Riad sage und schreibe rund 200 Millionen Euro – pro Saison. Das wären bis zum Ablauf seines Zweieinhalb-Jahres-Vertrages 500 Millionen.  Also eine halbe Milliarde! Sagenumwobene Erzählungen aus „1001 Nacht“ erscheinen dagegen wie eine Fata Morgana, wie ein Klacks aus einer anderen, einer ärmeren Welt.


Als große Völkerwanderung des modernen Fußballs gen Persischen Golf lässt sich das Ganze zwar (noch) nicht rubrizieren, unübersehbar bleibt es auf jeden Fall. Es ist der neueste und teuerste Trend dieses Sports, dass die Klubs der dortigen Liga, der sogenannten Professional League, Millionen um Millionen für Spieler, und zunehmend auch für Trainer, ausgeben. Bei den Transfersummen wurden in diesem Sommer mit 700 Millionen Euro bereits alle europäischen Top-Ligen überholt – außer der englischen, wo die Vereine knapp eine Milliarde Euro investierten. Möglich macht das eine Konstellation, die es so nur bei den reichen Klubs des Nahen Ostens gibt; vor allem in Katar und Saudi-Arabien. Sie alle können auf einen großzügigen, von Öleinnahmen gut gefütterten staatlichen Investmentfonds zurückgreifen. Der der Saudis soll etwa 800 Milliarden Dollar schwer sein. Er hält beispielsweise 75 Prozent an vier Klubs des Königreichs – und selbstverständlich sind unter ihnen jene wie Al-Nassr, Al-Ittihad oder Al-Hilal, die jetzt mit Stareinkäufen für Furore sorgen.


Man muss davon ausgehen, merkte die „Frankfurter Allgemeine“ an, „dass die Klubs aus dem Königreich den europäischen Branchenführern noch lange Zeit Konkurrenz machen können. Selbst dann, wenn die saudische Liga ihre ambitionierten Ziele verfehlen sollte. Sie will die jährlichen Einnahmen bis 2030 von 120 Millionen Dollar auf umgerechnet etwa 480 Millionen steigern.“ Und es müsse auch nicht unbedingt so bleiben, dass diese Liga in erster Linie als Auffangbecken für alternde Stars dient. Ein künftiger Mitspieler von Neymar bei Al-Hilal ist beispielsweise der 26 Jahre alte portugiesische Nationalspieler Ruben Neves, der sich dafür entschied, zumindest einen Teil seiner guten Fußballerjahre nicht in der englischen Premier League, sondern am Golf zu verbringen.


Selbst wenn die Sportbegeisterung im saudischen Herrscherhaus an prominenter Stelle verbreitet ist, sind die Investitionen in den Fußball weit mehr als nur Liebhaberei. Sie dienen nicht bloß der Imagepflege und dazu, die verheerende Menschenrechtsbilanz des mit harter Hand von Kronprinz Muhammad Bin Salman geführten Reiches zu übertünchen. Sportswashing lautet das Stichwort. Also der Versuch einer Person (oder eben eines Landes), sich in gutem Licht darzustellen, sein Ansehen in der Öffentlichkeit zu verbessern. Indem auf die positive Ausstrahlung des Sports generell spekuliert wird; ein früherer deutscher Staat versuchte da einen ähnlichen Weg.


Noch führt das benachbarte Katar eine imaginäre Sportswashing-Rangliste an. Das Emirat spinnt mit mehr als 500 internationalen Sportveranstaltungen binnen 15 Jahren ein globales Netzwerk. Einige Beispiele: die Ausrichtung der Handball-WM 2015, der Leichtathletik-WM 2019 und der Fußball-WM 2022. Hinzu kommen Einladungen an prominente Teams (Bayern München), Sponsoring (ebenfalls Bayern München), Rekrutierung alternder Starspieler sowie das Milliardeninvestment beim französischen Fußballmeister Paris Saint-Germain. Die Pläne der Herrscherfamilie al Thani, mit dieser Strategie politisch und wirtschaftlich engere Banden zu schmieden und sich so als kleines, aber aufgrund der Gasvorkommen sehr reiches Land in der arabischen Nachbarschaft Sicherheit zu verschaffen, haben sich weitgehend erfüllt. „Es gibt kaum ein anderes Land, dessen Strategie des Sportswashing so aufgegangen ist“, stellte der „Spiegel“ fest.


Aber die Saudis holen mächtig auf. Im Dezember 2021 wurde erstmals ein Formel-1-Rennen in der Wüste in Dschiddah veranstaltet.  Nach Angaben der in Großbritannien ansässigen Nichtregierungsorganisation „Grant Liberty“ hat Saudi-Arabien zwischen 2014 und 2022 rund 1,5 Milliarden US-Dollar investiert, um mit dem Glanz des Sports Menschenrechtsverletzungen zu übertünchen – sei es mit dem Box-WM-Kampf im Schwergewicht zwischen Anthony Joshua und Andy Ruiz Jr. (das nächste Highlight zwischen Tyson Fury und dem Ukrainer Oleksandr Usyk ist für die Zeit um den Jahreswechsel avisiert), der Austragung der einstigen Rallye Dakar, hoch dotierten Pferdesport- oder Schachveranstaltungen. Das mit 18,5 Millionen Euro mit Abstand höchstdotierte Galopprennen der Welt wird inzwischen selbstverständlich in Riad gelaufen. Weiter: Saudi-Arabien hat den englischen Traditionsverein Newcastle United übernommen und seine eigene Golfserie mit der wichtigsten Institution dieses Sports, der PGA-Tour, fusioniert. Es heißt, das Land stände vor dem Einstieg beim besten Radsportteam der Welt, Jumbo-Visma. Alles unter einem Motto: Imagepolitur über den Sport. Dazu gehört auch die Austragung der inoffiziellen Vereinsweltmeisterschaft im Handball, die im Oktober 2021 erstmals in Saudi-Arabien stattfand und bei der sich der SC Magdeburg den Titel holte – und dies ein Jahr darauf wiederholte. Bis 2030 will das Land, geht es nach dem Kronprinzen, zudem „Mittelpunkt“ der weltweiten E-Sport-Industrie sein.


Die Sportinvestitionen sind Teil des wichtigsten saudischen Zukunftsprojektes: die Volkswirtschaft zu „diversifizieren“. Das Stichwort dazu heißt „Vision 2030“. Weg vom Öl, von dessen Einnahmen das Land immer noch sehr abhängig ist. Rein in andere Zweige wie Luftfahrt, Finanzbranche, Landwirtschaft und Tourismus. Sie sollen das Königreich unabhängig von den Öleinnahmen machen. Am auffälligsten zeigt sich die Vision des Prinzen beim Sport. Dabei geht es erstrangig gar nicht darum, mit eigenen Athleten und Teams die Welt zu erobern. Er soll vielmehr als Veranstaltungsort dazu beitragen, das Land bekannter und attraktiver zu machen. Attraktive Sportveranstaltungen helfen, Saudi-Arabien als Tourismusdestination zu etablieren – jenseits der Pilgerströme zu den heiligen Stätten des Islams.


Zurück zum Fußball. Der Wert einer attraktiven Liga, das weiß man in Riad längst, geht weit über deren Einnahmen hinaus. So will Muhammad Bin Salman wie Katar auch so schnell es geht Gastgeber einer Kicker-Weltmeisterschaft sein. Für 2034 hat sich der Verband letzte Woche bei der FIFA offiziell beworben. Egal, welche Lehren aus der Winter-WM im brütend heißen Katar gezogen werden. Selbst Olympia befindet sich im Blick. Von 2036 ist da die Rede. Saudi-Arabien will, daran wird kein Zweifel zugelassen, eine der führenden Sportnationen der Welt werden. Der Kronprinz hofft außerdem, dass der Sport dabei hilft, die saudische Gesellschaft zu öffnen, den Frauen im Land, außer dem Autofahren, ein paar mehr Rechte zuzubilligen und seine Untertanen auch körperlich zu ertüchtigen. Denn an Begeisterung für Fußball mangelt es nicht. Es existiert eine organisch entstandene Fankultur. Vor allem gibt es Heerscharen junger Menschen: Etwa siebzig Prozent der mehr als 35 Millionen Saudis sind jünger als 35 Jahre.


Unter ihnen ist der Kronprinz beliebt. „Viele sehen“, so die FAZ, „vor allem neue Freiheiten im Alltag und scheren sich weniger um die harte Repression gegen Andersdenkende. Doch die Menschenrechtslage dürfte auch dem Erfolg der saudischen Sportinvestitionen Grenzen setzen. Denn jeder Wechsel eines Starfußballers, jedes Formel-1-Rennen oder Golfturnier bietet Anlass daran zu erinnern, dass Frauenrechtlerinnen verschleppt und gefoltert wurden, dass der Kronprinzenkritiker Jamal Khashoggi von einem saudischen Greiftrupp ermordet wurde, der den Leichnam des Dissidenten anschließend mit einer Knochensäge zerteilte.“


Über die sportliche Qualität der Fußball-Liga wird derzeit noch viel gelächelt. Nur etwas für ausgediente Stars, die noch einmal richtig Kasse machen wollen, heißt es. Oder es fällt der abfällige Begriff der „Operetten-Liga“. Als ein Beispiel für das Scheitern derartiger Projekte wird gern China herangezogen. In den Jahren 2016 und 2017 erlebte der Boom der 2004 gegründeten Chinese Super League (CSL) seinen Höhepunkt. Es waren die Jahre, als durchaus potente Stars ins Reich der Mitte wechselten – und nicht nur viel Geld an Ablöse kosteten (Oscar 60 Millionen Euro, Hulk 56 Millionen, Alex Texeira 50 Millionen), sondern auch absurde Gagen einstrichen.


Der Boom ist Geschichte. Zahlreiche Klubs existieren nicht mehr, wie etwa der Jiangsu FC, wo einst kein Geringerer als der Italiener Fabio Capello Trainer war. Inzwischen sind die meisten ausländischen Stars aus China geflüchtet. Die Misswirtschaft ihrer Vereine, die letztlich zur Einführung einer Gehaltsobergrenze in 2020 führte, und nicht zuletzt die Corona-Pandemie und die damit verbundene seinerzeitige chinesische Nulltoleranzpolitik ließen die Attraktivität der CSL auf ein Minimum sinken.


Geht es um Saudi-Arabien, sieht Ronaldo das völlig anders. „Jetzt kommen alle Spieler hierher“, frohlockte er schon im Sommer. „Und in einem Jahr werden noch mehr Spitzenspieler nach Saudi-Arabien kommen.“ Der ehemalige Bremer Abwehrspieler Robert Bauer, der in dieser Saison der erste Bundesliga-Akteur dort ist, meinte in der „Sport Bild“: „In ein paar Jahren wird diese Liga richtig ernst genommen. Dann wird niemand mehr sagen, dass Profis, die hierherkommen, ihre Karriere wegschmeißen. Für mich als Verteidiger ist es jetzt schon anspruchsvoller als in der belgischen Liga.“
Der Arm des Kronprinzen reicht inzwischen sogar tief in die deutsche Provinz. Vor einigen Wochen wurde bekannt, dass Saudi-Arabien die Trikotwerbung beim pfälzischen Kreisligisten TuS Rumbach übernommen hat. Als man dort finanziell auf dem letzten Loch pfiff, schrieb der Vereinschef in seiner Verzweiflung der Reihe nach die Berliner Konsulate der reichen Golf-Staaten an. Und siehe da, die Saudis antworteten – und sagten zu. Auf den Rumbacher Trikots prangt jetzt mit weißer Schrift auf schwarzem Grund: „Welcome to Arabia“.

Seite 30, Kompakt Zeitung Nr. 242

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