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Die Box-Herberge

Rudi Bartlitz

Das Maritim-Hotel Magdeburg erlebt die 20. Auflage einer SES-Gala. Bei der Jubiläums-Veranstaltung steigt mit dem Kubaner Osleys Iglesias ein neuer Stern am internationalen Faustkämpfer-Himmel auf.

Es gibt Jubiläen, die werden langfristig vorbereitet – und laufen dann, wenn es so weit ist, recht stereotyp ab. Und es gibt welche, die kommen relativ unbedeutend daher oder werden im Vorfeld kaum wahrgenommen. Aber gerade die gestalten sich am Ende zuweilen als richtige Feste. So geschehen am zurückliegenden Wochenende im Magdeburger Maritim-Hotel. Zur 20. Gala an diesem Ort hatte der einheimische Boxstall SES geladen. Zum 20. Mal internationale Faustkämpfe in einer Edelherberge, das kommt nicht so oft vor in Deutschland.

 

Mitten im großen Festsaal lässt Promoter Ulf Steinforth einen Ring aufbauen, und im anspruchsvollen Ambiente fliegen die Fäuste im gleißenden Scheinwerferlicht, das sich im Glanz von zehntausenden Kristallen in den Decken-Glitzerketten bricht. Auch das Outfit vieler Besucher unterscheidet sich an einem solchen Abend von dem anderer Darbietungen dieser Art. Manche sagen: wohltuend. Nicht zu Unrecht wirbt der Veranstalter daher mit dem Motto, hier herrsche „ein Hauch von Las Vegas“. Selbst wenn die dort allgegenwärtigen Daddel-Automaten und Spieltische natürlich fehlen.

 

Wie kam es überhaupt zu diesem Event? „Als wir 1999 mit dem 1. BC Magdeburg den Gewinn der deutschen Mannschaftsmeisterschaft mit einer Gala im Maritim feierten, kam mir die Idee“, erzählt Ulf Steinforth, damals Präsident der Amateur-Garde. „Eine tolle Lokation, dachte ich mir, da müsste es doch möglich sein, sie für den Boxsport zu nutzen.“ Als Vorbild dienten ihm jene Hotels im US-Spielerparadies Las Vegas, die sich seit Jahrzehnten auch zu Tempeln des Welt-Boxens entwickelt hatten (siehe Extratext). Alles natürlich zwei, drei Nummern kleiner, versteht sich. Schon deshalb, weil der Festsaal an der Otto-von-Guericke-Straße – im Vergleich zu den US-Monumental-Palästen mit ihren 15.000 bis 17.000 Plätzen – nur 1.700 Besucher fasst. Als der heute 56-Jährige ein Jahr darauf den ersten ostdeutschen Profi-Boxstall gründete, war es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis aus der Vision Realität wurde. Zumal sich auch das Hotel ziemlich angetan von der Idee zeigte, via TV-Liveübertragungen Gastgeber eines deutschlandweit wahrgenommenen Sportevents zu werden; der Blick auf zusätzlich zu erwartende Umsätze natürlich eingeschlossen.

 

„Seither sind wir jedes Jahr hier einmal mit einer eigenen Veranstaltung zu Gast“, berichtet Steinforth. „Und bei den großen Boxspektakeln mit Sven Ottke und Regina Halmich in der Getec-Arena war das Maritim stets der Ort, wo Sportler, Offizielle und viele Anhänger wohnten, wo die Pressekonferenzen stattfanden, wo alles zusammenlief. Nicht zu vergessen: Die Piano-Bar entwickelte sich, wie der Impresario es bezeichnet, „zu jenem Platz, an dem die legendären After-Show-Partys über die Bühne gingen“. Ein weiterer Vorteil des Maritims: Bei eigenen SES-Galas logieren alle Beteiligten in einem Haus, können die Akteure aus ihren Zimmern mit dem gläsernen Aufzug fast direkt bis an den Ring gleiten.

 

Nun, zur 20. Auflage, gewissermaßen als Jubiläumsgeschenk, offerierte SES erstmals einen WM-Kampf im ausverkauften Maritim. Und es könnte sein, dass die Boxwelt an diesem Abend die Geburt eines neuen Weltstars miterleben durfte. Der Kubaner Osleys Iglesias ließ die Experten am Ring regelrecht ins Schwärmen geraten. Im Fight um den Supermittelgewichts-Gürtel des Weltverbandes IBO ließ er seinem tapferen Kontrahenten Artur Reis, der sein Debüt in den SES-Farben gab, nicht die Spur einer Chance. Nach 2:01 Minuten der vierten Runde traf der Rechtsausleger Iglesias mit einer schweren linken Hand – das war´s.

 

Fast genauso fesselnd wie der Kampfstil des 25-Jährigen von der Zuckerinsel ist die Geschichte dahinter. 2019 setzte er sich nach einer Weltcup-Veranstaltung in Köln von seinem Team ab und blieb allein in Deutschland zurück. Er wollte Berufsboxer werden. Doch dann: die Corona-Wirrnisse und der fast totale Sport-Stopp. Iglesias, der heute von der in München ansässigen Tornado Fighting Agentur gemanagt wird, konnte öffentlich kaum auf sich aufmerksam machen. Doch mit dem WM-Titel, den er sich 2022 in Polen quasi im Schutz der Dunkelheit holte und nun publikumswirksam in Deutschland verteidigte, soll sich das ändern. Die „Kombination aus technischen Fähigkeiten, Schnelligkeit und Schlagkraft“ seien seine größten Trümpfe, sagt er über sich.

 

Das US-amerikanische Magazin „The Ring“, so etwas wie die Bibel des Profi-Boxens, widmete dem Mann aus Matanzas bereits einen langen Artikel und beschrieb darin dessen rosige Aussichten in der Welt der ganz Großen seines Gewerbes. „Mein Held ist Muhammad Ali”, sagte der dem „Ring”-Reporter. Lieblingsboxer der Gegenwart sei der Mexikaner Saul „Canaro“ Alvarez, der – quer über alle Gewichtsklassen – derzeit als bester Faustkämpfer der Welt gilt. „Obwohl“, fügte der 1,89 große kubanische Modellathlet hinzu, „eines Tages will ich gegen ihn im Ring stehen und ihn besiegen.“


Hellauf begeistert vom Geschehen im Magdeburger Ring zeigte sich Trainer-Legende Uli Wegner. Der Mann, der mit einem seiner Schützlinge, dem ungeschlagenen Supermittelgewichts-Weltmeister Sven Ottke, vor zwei Jahrzehnten in der Getec-Arena ungeahnte Begeisterungsstürme ausgelöst und Magdeburgs Ruf als eine Faustkampf-Hochburg in bis dahin ungeahnte Höhen geschraubt hatte, meinte hinterher zu KOMPAKT: „Osleys ist ein absolutes Ausnahmetalent. Ich bin überzeugt, er wird auch die Ranglisten in den vier großen Weltverbänden aufmischen. Seine Gegner werden in Zukunft von Glück reden können, wenn sie es gegen ihn über die Runden schaffen.“

 

KOMPAKT: Las Vegas

 

Das als sündiges Spielerparadies bekannte Las Vegas liegt in der Mojave-Wüste des US-Bundesstaates Nevada. Es ist heute eines der beliebtesten Reiseziele der Welt, bekannt für sein quirliges und ausschweifendes Nachtleben mit rund um die Uhr geöffneten Casinos und großen Showbühnen. Elvis Presley, Frank Sinatra, Sammy Davis Jr. und Dean Martin hatten dort ebenso ihre Auftritte wie die Zauberer David Copperfield und Siegfried & Roy. Neben einarmigen Banditen, rotierenden Roulettekugeln und Spielkarten war eine neue Attraktion hinzugekommen – die Showbühne. Diese Bühne wusste später auch die Boxszene zu nutzen. Alles, was Rang und Namen hatte, kletterte in berühmten Hotels wie Caesars Palace oder MGM Grand Garden Arena durch die Ringseile: Muhammad Ali, Mike Tyson, George Foreman, Tyson Fury, Wladimir Klitschko. Las Vegas profitierte dabei davon, dass das Niveau der Kämpfe in der einstigen US-Boxhochburg New York mit seinem berühmten Madison Square Garden über die Jahre zurückgegangen war und sich die Faustkampf-Manager von der Verbindung mit den Spielclubs ein enormes Zusatzgeschäft versprachen. Ihre Rechnung ging auf – heute ist Las Vegas von der Weltkarte des Boxens nicht mehr wegzudenken.

Seite 29, Kompakt Zeitung Nr. 242

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