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Die besten Kinder, die wir je hatten …

Von Thomas Wischnewski

Die Lernergebnisse sinken, psychische Störungen nehmen zu, Kinder mit Übergewicht werden mehr, Bewegungsmangel, falsche Ernährung, Allergien und andere negative Erscheinungen steigen und der Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung ist nur durch Migration leicht gestiegen, aber nach wie vor zu gering. Kinder sind die Zukunft einer Gesellschaft. Doch wie gehen wir mit diesem Zukunftspotenzialen um und durch welche Entwicklungen blicken wir mit Skepsis auf die aktuell nachwachsenden Generationen. Der Versuch einer Analyse.

Ein junger Vater steht mit verschränkten Armen auf der Terrasse und bewundert seine dreijährige Tochter, die mit einer Plastikpapierschere spielt. Es ist abzusehen, dass das kleine Werkzeug jeden Moment in die Ritze der Bodenbretter fällt und im Nirvana verschwindet. Und es passiert. Erst im Moment, als dem Mädchen die Schere aus der Hand gleitet, stößt der Vater die Rufe „Nein, Nein, Nein“ aus. Kinder sind für alle Eltern das Wunder des Lebens. Die Unbedarftheit, sich ins Leben zu tasten, neue Dinge auszuprobieren und kleines Können zu zeigen, fasziniert alle Beobachter und selbstredend die Eltern. Doch warum weisen statistische Erhebungen daraufhin, dass Leistungsfähigkeit, Leistungsbereitschaft, Bildungsniveau oder gar Gesundheitsdaten in eine negative Richtung zeigen.

Kinder sind unsere Zukunft – so wird es gern ausgerufen. Nur, in welche Zukunft schicken wir als Gesellschaft und letztlich Eltern ihren Nachwuchs, wenn möglichst jede Hürde auf dem Lebensweg weggeräumt werden soll, wenn Schutz vor Ungemach Unselbstständigkeit fördert, statt Risikobereitschaft? Zunächst ein paar Fakten, die noch einmal untermauern, wohin statistische Daten zeigen. Im Jahr 2022 kamen in Deutschland 738.819 Kinder zur Welt. Das waren 56.673 oder 7 Prozent Neugeborene weniger als im Jahr 2021. Die Kinderlosenquote liegt ziemlich konstant bei 20 Prozent. Anfang 2022 lebten in Deutschland 10,9 Millionen Kinder im Alter bis einschließlich 13 Jahre. Zwischen 1990 und 2021 ist der Anteil der unter 20-Jährigen von rund 22 auf 19 Prozent gesunken. Ohne Wenn und Aber, die kleinen Racker werden, solange die Zahl der über 65-Jährigen wächst, stets zu wenige für eine angemessene demografische Entwicklung der Gesellschaft sein. Migration sollte dafür zwar einen Ausgleich erzeugen, birgt aber – wie die aktuelle Lage zeigt – anderen Sprengstoff für das Land.

Wo ist der Lehrermangel?

Zurück zu den Kindern. Jedes Jahr erreichen uns neue Hiobsbotschaften aus den Ergebnissen von Bildungsmonitoren. Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen sinken. Das wirkt sich natürlich auf die anderen Fächer aus. Schlechtere mathematische Leistungen führen zweifelsfrei zu schlechteren Ergebnissen in naturwissenschaftlichen Grundfächern wie Physik und Chemie. Sinkende Lese- und Schreibfähigkeiten befördern wohl kaum Neugier auf Geschichte, geschweige denn auf Literatur. Wenn in Schulklassen heute der Anteil an Kindern mit Migrationshintergründen wächst und damit sprachliche Verständigungsprobleme einhergehen, wird es immer schwieriger werden, Leistungsniveaus in Klassenverbänden auf bisherigen qualitativen Standards zu halten. Es geht hierbei nicht um unterschiedliche Intelligenz, sondern um Kommunikation und Verstehen. Gibt es Verständigungsschwierigkeiten, sinkt die Konzentration und die Teilnahmebereitschaft am Unterricht. Ob eine Änderung von Unterrichtsmethodiken hier kurz oder mittelfristig Erfolge zeigen würde, bleibt fraglich, vor allem vor dem Hintergrund, dass Unterrichtsgewährleistung und Stundenausfall nach wie vor nicht überwunden werden. Aus den absoluten Zahlen zum Lehrpersonal kann man den oft beklagten Lehrermangel eigentlich nicht ablesen. Im Schuljahr 2011/2012 unterrichteten rund 670.000 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen. Im Schuljahr 2021/2022 sollen es nach dem Bundesamt für Statistik insgesamt 799.314 Lehrer und Lehrerinnen gewesen sein. Die Anzahl der Pädagogen ist ergo kontinuierlich gestiegen. Gleichzeitig stieg die Quote der Lehrer, die in Teilzeit arbeiten auf inzwischen 41 Prozent. Da außerdem die Anzahl der Studienanfänger, die auf ein Lehramt studieren, sinkt und gleichzeitig nach und nach viele ältere Kollegen in den Ruhestand wechseln, Teilzeitarbeitsmodelle auf hohem Niveau bleiben, wird sich das Problem der Unterrichtsversorgung eher weiter verschärfen.

Kindern soll es besser gehen

Wer allerdings eine Lösung der Bildungsmisere in den nachwachsenden Generationen vorrangig in Schulen und Lehrern sieht, wird eher Eulen nach Athen tragen. Werfen wir also einen Blick auf die gesellschaftliche und insbesondere auf die Familienentwicklung, die bis in die Zeit nach 1945 zurückreicht. Generationen, die den Krieg als Eltern bzw. als Kinder erlebt hatten, formulierten überwiegend das Ziel „Unseren Kindern soll es einmal besser gehen“. Damit verbunden war natürlich stets der Wunsch nach Überwindung von Hunger, Not, Frieren im Winter und nie wieder Krieg und Sterben. Und Generationen, die diese historische Phase erleben mussten, haben ihre Mission – zumindest im gesellschaftlichen Maßstab – erfüllt. Die Nachkriegsgeborenen mussten einhergehend mit einem wirtschaftlichen Aufschwung in den 1960er Jahren und später weder hungern, noch frieren, noch Krieg erleben. Schulbildung war Normalität, berufliche Karrieren in vielerlei Hinsicht gestaltbar. Nur die Losung blieb. „Unseren Kindern soll es einmal besser gehen“ – das sagten sich auch die Babyboomer der Mitte der 1960er Jahre Geborenen. In die Zeit dieser Generation zog weiterer Wohlstand ein. Zentralheizungen in Wohngebäuden – also fließend warmes Wasser, zunehmende Individualmobilität, mehr Reise- und Urlaubsmöglichkeiten, wachsender Freizeitspaß sowie die Vielfalt an beruflicher Entfaltung nahmen zu. Außerdem fiel in diese Zeit die Einführung der Anti-Baby-Pille und damit die Verhütung bzw. die Möglichkeit einer Familienplanung nach der Anzahl der gewollten Kinder. Bereits 1990 lag die Geburtenquote pro Frau in Deutschland bereits bei 1,45. Auf dem ähnlichen Niveau liegt sie übrigens auch heute. Man muss also konstatieren, dass die bessere Um- und Versorgung von Kindern seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts kontinuierlich zugenommen hat. Staatliche und private Kinderbetreuungsmöglichkeiten neben der familiären, medizinische Versorgung, Bildungschancen und ein sicheres Alltagsleben haben den Kindern der Babyboomer ein noch besseres Fundament beschert.

Nun weiß man, dass jeder Mensch in die Bedingungen seiner Zeit hineingeboren wird und damit diese Umstände zu einem wichtigen Maßstab des eigenen Lebens werden. Die Realität, das Spüren des Lebens, dessen Aufgaben und Herausforderungen, aber auch die Ansprüche und Probleme, die sich stellen, entwickeln im Menschen die Beurteilungskraft zur Realität. Man sagt vereinfacht gern: andere Zeiten, andere Sitten. Treffender müsste es jedoch abgewandelt lauten: andere Zeiten, andere Aufgaben. Wenn also die existenziellen Grundbedingungen bereits derart sicher und ausgereift sind, welche Beschwernisse sollen Menschen dann im Aufwachsen erleben bzw. meistern. Wenn ein Sportler die Muskulatur – auch mit Überwindung von Leistungsgrenzen – nicht trainiert, bleibt er stets nur auf dem Niveau bisheriger Anstrengungsvermögen.

Jedes 3. Kind psychisch krank

Wenn also Kindern Grenzerfahrungen aus emotionalem Schutz heraus versagt bleiben, werden sie schneller vor Aufgabenstellungen und Problemen zurückschrecken. Möglicherweise manifestiert sich die Entwicklung einer allgemeinen Wohlstandsversorgung in den aktuellen Zahlen über psychische Störungen bei Heranwachsenden. „Laut Daten des BARMER Arztreports ist mittlerweile fast jedes dritte Kind in Sachsen-Anhalt zwischen sechs und 14 Jahren von psychischen Leiden wie Depressionen oder Verhaltensstörungen betroffen“, heißt es in einer Pressemitteilung der BARMER-Landesvertretung vom 18. Oktober. Kürzlich wurde eine Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin in einer Grundschule im ländlichen Raum gefragt, ob sie nicht eine psychotherapeutische Ambulanz einrichten wolle.

Das Phänomen der sogenannten „Hubschrauber-Metapher“ in der Elternfürsorge wurde bereits 1969 vom israelischen Psychologen Haim G. Ginott in seinem Werk „Between Parent & Teenager“ verwendet. Den Ausdruck „Helikopter-Eltern“ prägte schließlich 2001 die US-amerikanische Kollegin Wendy Mogel. Studien zum besagten Phänomen liefern den Nachweis eines negativen Einflusses dieser Art der Erziehung auf die Entwicklung eines Kindes hinsichtlich Eigenschaften wie Selbstwirksamkeit, Selbstregulation oder Anpassungsfähigkeit im Arbeitsumfeld.

Noch mehr Helikopter-Fürsorge

Die zeitlichen und existenziellen Möglichkeiten, Kindern ein noch höheres Maß an Zuwendung, Umsorgung und Problemvermeidung zukommen zu lassen, scheint über die vergangenen Jahre immer weiter zugenommen zu haben. Bei der Beobachtung heutiger junger Eltern, im Alter von Anfang bis Mitte 20 fällt auf, dass sie aufgrund der online-Informationsmöglichkeiten jede Frage zur Erziehung, zur Situationslösung im Internet suchen und sich danach verhalten. Sie studieren die Aufdrucke auf Lebensmittelverpackungen und möchten für eine möglichst gesunde Ernährung ihres Nachwuchses sorgen. Gleichzeitig laufen sie mit einer Plastikdose dem Sprössling hinterher und bieten ihm andauernd Bananenstückchen, Erdbeeren oder anderes, viel Fruktose enthaltendes, Obst an. Gleichzeitig werden die „Hausregeln“, die für ein Zusammenleben von Menschen unabdingbar sind, nicht vermittelt. Hier soll den Kindern entfaltungsspielraum ermöglicht werden. Das geht jedoch meistens auf Kosten anderer bzw. des Kräftepotenzials der Eltern selbst. Verkürzt könnte man schlussfolgern: Kinderbetreuung kann zur psychologischen Belastung der Eltern führen. Dies würde sich dann wieder negativ auf den eigenen Nachwuchs auswirken und eventuell Verhaltensstörungen fördern.

Anstatt die eigenen Entdeckungsfähigkeiten zu fördern, unbekannte Situationen und auch schwere Anstrengungen meistern zu lernen, erleben wir häufiger, dass Eltern die Schutzräume um ihren Nachwuchs noch weiter eingrenzen. Natürlich gibt es auch das Gegenteil mit Tendenzen zur Verwahrlosung. Ein weiteres wichtiges Kapitel ist natürlich noch das Verweilen von Heranwachsenden in Online-Welten. Wird das Leben mehr und mehr in künstlichen Formaten, also in Inszenierungen erlebt, kann es passieren, dass man schneller an der Realität scheitert. Ich wage an dieser Stelle zu behaupten, dass wir das vor allem an den aktuellen Erhebungen zu psychischen Beeinträchtigungen bei Kindern ablesen können. Betrachten wir die Welt der Erwachsenen, die ebenfalls diesen Trend zunehmender psychischer Erkrankungen zeigen, wird mir bei den nun heranwachsenden Generationen Angst und Bange. Am Ende wird gern von vielen mit dem Finger auf den Staat gezeigt, der dann richten sollte, was eine wachsende Anzahl an Individuen an Leistungen und Einsatz für die Gesellschaft und damit für sich selbst nicht erbringen wollen. Dass der Mensch einen Hang zum Bequemen hat, ist eine alte Weisheit. Doch genau diese Seite streicheln wir seit Jahrzehnten immer mehr. Und das bei einer abnehmenden Anzahl an Kindern. Was uns heute vielfach an sozialen Dienstleistungen selbstverständlich ist, könnte unter dem Agieren vieler Eltern, die für sich die besten Kinder hervorbringen, die sie je hatten, das solidarische Fundament in Deutschland weiter erodieren lassen.

Seite 18, Kompakt Zeitung Nr. 243

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