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Am Ende einer Dienstreise

Von Rudi Bartlitz

Unter ihrem neuen Cheftrainer Julian Nagelsmann setzt die deutsche Fußballnationalmannschaft beim Gastspiel in den USA endlich wieder ein Zeichen der Hoffnung.

Zugegeben, jene zehn Tage, die einst die Welt erschütterten, waren es nicht. Konnten es auch kaum sein. Die zehntägige USA-Reise der deutschen Fußballer unter ihrem neuen Chef Julian Nagelsmann, so ehrlich muss man sein, sorgte in der weiten Kicker-Welt nicht einmal für nachhaltige Erschütterungen, von Beben ganz zu schweigen. Schaut mal, die Deutschen, raunte sie sich – ein wenig hämisch die einen, respektvoll die anderen – in den führenden Nationen zu, wie sie sich mühen müssen, wieder Anschluss an die internationale Spitze zu finden. Denn die war in den letzten Jahren weit enteilt.

Und dennoch: Ein Schlag ins Wasser, den manche hierzulande vorausgesagt hatten, wurde die erste Dienstreise des neuen Bundestrainers keineswegs. Vor allem, wenn in Betracht gezogen wird, vor welcher gewaltigen Aufgabe der 36-jährige Bayer steht; erst die Nummer zwölf überhaupt in der knapp 100 Jahre überspannenden Liste der obersten deutschen Übungsleiter. In Windeseile soll er aus einem zuletzt weitgehend dysfunktionalen Gebilde ein Team formen, das bei der Heim-Europameisterschaft im kommenden Jahr nicht nur mitreißenden, sondern möglichst auch noch erfolgreichen Fußball spielt.

Erschwerend kam hinzu, dass die Startbedingungen für dieses Ansinnen alles andere als ideal waren. Easy fühlt sich bei diesem Ritt über den Großen Teich ziemlich wenig an. Spieler und Vereine ächzten schon lange im Voraus wegen der Strapazen, wegen der Unterbrechung der Saison. Zu den Langstreckenflügen über den Atlantik kam ein Zeitunterschied von sechs Stunden.

Es war also keine touristische „Bucket List“, die Nagelsmann mit ins Reisegepäck nahm, sondern eine stattliche To-do-Liste: Suche nach Stabilität insgesamt, Besetzung des Zentrums insbesondere, Formationen und Abläufe in der Offensive, Sortierung der Teamhierarchie, in diesem Zusammenhang auch Wiedereingliederung von Mats Hummels im Rang eines Führungsspielers nach zweieinhalb Jahren Abwesenheit. Man könnte es auch anders, drastischer formulieren: Aus einer über Jahre währenden bleiernen Zeit um der Deutschen einst liebstes Kind soll binnen weniger Monate eine beschwingte Stimmung gezaubert werden. Auch der überzeugteste Transatlantiker hätte da mit Fug und Recht sagen können: Wären wir doch besser mal zu Hause geblieben, auf dem schönen DFB-Campus in Frankfurt, den Nagelsmann nun erst vor den November-Länderspielen gegen die Türkei und Österreich zur Vorbereitung nutzen wird.

Es gehe darum, so ein sichtlich zuversichtlicher Nagelsmann, durch guten Fußball die richtige Stimmung daheim zu erzeugen. Zumal bis zur EM nur noch acht Monate ins Land gehen. Die vielen blumigen Ideen von einem erneuten Sommermärchen drohten zu verdorren, bevor das erste Grün sich zeigte. Der Karren war irgendwie verfahren. Einer zuletzt kritischer gewordenen Öffentlichkeit muss da, so wohl die Überlegungen im Verband – der selbst einen gehörigen Anteil am Abschwung besitzt (weil er unter anderem trotz Misserfolgen zu lange an den Nagelsmann-Vorgängern Jogi Löw und Hansi Flick festhielt) – etwas Neues geboten werden. Neue Namen braucht das Land. Etwas schrieb der DFB dabei mit fetten Lettern auf seinen Wunschzettel: Es müsse bei den Fans (und wohl auch bei den Sponsoren) auf jeden Fall spürbar werden, dass sich etwas verändert. Positiv, natürlich.

Also stürzte sich der Coach, zunächst ausgestattet mit einem Vertrag bis nach der EM, in die Arbeit. In den USA werde er sich „schnellstmöglich“ daranmachen, eine „erste Grundstruktur zu schaffen, die der Mannschaft helfen soll, stabil zu werden“. Für alle Spieler gelte ab sofort, da ließ er keinen Zweifel aufkommen, das Leistungsprinzip. Wenn einer besser sei als der andere, sei er gesetzt. Das war in den zurückliegenden Jahren nicht immer so im Nationalteam. Nicht unter Löw, nicht unter Flick. Da gab es den einen oder anderen Erbhof. Dies mag einer von vielen Gründen gewesen sein, warum das Erscheinungsbild der Mannschaft so war wie es war. Reporter-Legende Reinhold Beckmann sprach dieser Tage „von einer irgendwie leblosen Mannschaft“. Das will der Neue ändern: „Ich will die Leute auf dem Feld haben, die besser passen und die Chance auf Siege erhöhen.“

Mit einem Sieg und einem Remis endete nun der USA-Ausflug. Viele Kritiker sehen darin durchaus Mutmacher. Urdeutsche Tugenden wie Einsatz und Elan, die lange vermisst wurden, sind zurück. Aber ebenso unübersehbar sind nach wie vor bestehende Defizite in der Abwehr. Sie bleibt Problemfeld Nummer eins. Das dürfte auch mit dem Umstand zu tun haben, dass es derzeit einfach keine besseren Defensivspieler mit deutschem Pass gibt – da kann der Cheftrainer die Akteure in der Kette verschieben, wie er will. Das hat er wohl in kürzester Zeit realisiert und sagt daher: „Wir werden unser Heil immer in der Offensive suchen müssen.“ Nicht die schlechteste Option.

In der Tat, es ist viel aufzuholen. Nicht nur hinten. Zweimal nacheinander schied Deutschland, der vierfache Champion (1954, 1974, 1990, 2014), zuletzt bei Weltmeisterschaften in der Vorrunde aus (2018 in Russland, 2022 in Katar). Dazwischen war bei der EM (die dreimal gewonnen wurde) im Achtelfinale Schluss. Dahinter verbirgt sich keine Laune des lieben Fußball-Gotts. Das hat ganz und gar irdische Gründe. „Einmal kann einer großen Fußballnation so etwas passieren“, räumt Sportdirektor Rudi Völler ein, „aber wenn es dreimal vorkommt, ist es kein Zufall.“

Nagelsmann soll es nun richten. Beim DFB ist man überzeugt, genau den Richtigen ausgewählt zu haben. Auch wenn er erst 36 ist, er ist kein Newcomer. Als Coach arbeitet er bereits eineinhalb Jahrzehnte. „Er war Trainer in Hoffenheim, Leipzig und bei Bayern München, hat da reichlich Erfahrungen gesammelt“, sagt Völler. „Gut, in München ist es nicht so gut zu Ende gegangen, aber was er bei seinen vorherigen Stationen erreicht hat, war sensationell. Seine Art, die Leute mitreißen zu können, gepaart mit seiner Fußball-Kompetenz und seiner Fähigkeit, Spiele zu lesen, machen ihn zu einem außergewöhnlichen Trainer und zu einem Glücksfall für uns. Klar wird es etwas anders sein als Verbandstrainer, da kommt der Feinschliff erst in der Turnier-Vorbereitung im Sommer. Aber er weiß, wie es funktioniert. Das ist wichtig.“

Der, dem diese Elogen gewunden werden (verziert mit einem angeblichen Monatssalär von 400.000 Euro), erscheint tatsächlich hoch konzentriert. Fokussiert allein auf das Hier und Jetzt. Auf die nächsten acht Monate. „Nagelsmann hat nicht nur die Stimmung rund ums Nationalteam gedreht, er hat ihm auch neue fußballerische Orientierung gegeben“, urteilt die „Frankfurter Allgemeine“. Mit „ein bisschen Tingel-Tangel“, sagte der so Gelobte vor dem USA-Trip, komme man nicht weiter. Es gehe um „Gier und Lust“. Um Tugenden, die ein Sepp Herberger – sicher mit anderen Worten – nicht besser hätte beschreiben können.

Seite 32, Kompakt Zeitung Nr. 243

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