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Im Tanze frei

Von Elisa Wiegmann

Es ist Samstagmorgen. Während die meisten meiner Freunde noch schlafen, betrete ich den Ballettsaal und werde von dessen mir wohlbekannten Duft eingehüllt. Ich trete an die Ballettstange und spüre meine Hand auf dem rauen Holz. Als die ersten Töne der Klaviermusik erklingen, beginne ich mit meinen Übungen. Battement tendu, plié, rond de jambe. Es sind dieselben Übungen, die ich seit 14 Jahren jede Woche aufs Neue ausführe und noch immer haben sie die gleiche Wirkung. Ich vergesse alles um mich herum, alle Probleme und Sorgen verschwinden aus meinem Kopf. Ich konzentriere mich nur noch auf das Tanzen.

Die Jahre, seit denen ich Ballett tanze, haben mich vieles gelehrt. Denn Ballett besteht nicht nur aus rosa Tutus und hübschen Pirouetten. Es ist ein wunderschöner Teil davon, aber eben nicht alles.

Ich habe gelernt, meinen Körper mit der Musik im Einklang zu bewegen. Ich habe erfahren, was passiert, wenn ich meine ganze Konzentration auf die Bewegungen meines Körpers richte und diese mit der Zeit immer präziser und kontrollierter ausführen kann. Auf diese Weise habe ich ein neues Gefühl für meinen Körper bekommen, dessen Bewegungen anders wahrgenommen und gespürt. Durch den Tanz kann ich meine Gefühle ausdrücken, indem ich all meine Emotionen in die Bewegungen lege. Die Präzision des Balletts bewundere ich sehr, aber immer dann, wenn ich den Zwang zur Perfektion hinter mir lasse und einfach tanze, ist es am schönsten.

Ich habe gelernt, dass, wenn ich mit anderen zusammenarbeite, wir, als Gruppe, etwas Wunderschönes schaffen können. Etwas, wozu eine einzelne Person nicht im Stande wäre. Auch im Umgang mit Kritik wurde ich gelehrt, denn beim Ballett wird man ständig korrigiert und mit den eigenen Fehlern konfrontiert. Dies ist jedoch der einzige Weg zur Verbesserung, wie jede Tänzerin und jeder Tänzer schneller lernt. Ich habe meine eigenen Grenzen überwunden, sowohl die körperlichen als auch die mentalen. Während ich in einem Jahr mein Bein gerade so auf 90-Grad-Höhe halten konnte, gelang es mir im nächsten Jahr schon etwas höher und wenn meine Zehen in den Spitzenschuhen schmerzten, tanzte ich dennoch weiter.

Deutlich schwieriger zu überwinden sind die mentalen Grenzen. Der Spiegel ist mein ständiger Beobachter, der mir einen Fehler nach dem anderen offenbart. Ständig bahnen sich Selbstzweifel in meinen Kopf und besonders vor den Auftritten ist ein Gedanke immer wieder dabei: Ich bin nicht gut genug. Dieser Gedanke verlässt mich nie, aber ich kann mittlerweile besser damit umgehen. Denn ich bin auf meinem eigenen Weg, auf dem ich meine Leistung so akzeptieren muss, wie sie ist, und manchmal muss man dann auch die eigenen Grenzen respektieren. Daher lohnt es sich auch nicht, sich mit anderen zu vergleichen. Es wird immer Personen geben, die in dem, was sie tun, besser sind als man selbst. Statt sich deswegen schlecht zu fühlen, können wir uns von diesen Menschen inspirieren lassen und deren Können als Ansporn erkennen.

Das ganze Training neben der Schule und anderen Terminen hat oftmals zu sehr viel Stress geführt. Manchmal wurde das alles auch zu viel und zu anstrengend für den eigenen Körper, sodass ich gezwungen war, eine Pause einzulegen. Dennoch bin ich zu fast jedem Training gegangen, weil das Ballett schon immer zu meinen obersten Prioritäten gezählt hat. Es bildet ein Gegengewicht zur Hektik des Alltags und ist eine Konstante in meinem Leben, zu der ich immer wieder zurückkehren kann. Durch den Ballettunterricht habe ich gelernt durchzuhalten, immer weiterzumachen und nicht aufzugeben.

Ich liebe das Ballett, weil es ein besonderer Ausdruck von Schönheit und Eleganz ist, den ich für mich nirgendwo anders finden kann. Es hat mir Körpergefühl sowie Kraft verliehen, aber auch eine innere Stärke, für die ich dankbar bin. Beim Tanzen bin ich frei und vergesse einfach alles, während ich mich in der Musik verliere.

Das Training ist beendet. Ich löse die Bänder meiner Spitzenschuhe und verlasse den Ballettsaal. Ich bin erschöpft, aber ein Lächeln liegt auf meinem Gesicht. Denn ich bin auch ziemlich glücklich.

Seite 22, Kompakt Zeitung Nr. 243

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