KM_LOGO_rb_100px

Das Leben schützt vorm Sterben nicht

Thomas Wischnewski

Im November soll viel Stille sein, eine vom Schlag der Trauer, genährt von Trübsinn und von Tod. Der November ist der Monat im Jahr, in dem uns das Vergehen mit trügerisch bunten Herbstfarben vorgeführt wird. Später, im Dezember sind Bäume und Sträucher ohnehin karg und kahl. Da haben wir uns an den Anblick gewöhnt. Doch jetzt wird uns der Blues gespielt, obschon das Ende gar keines ist, sondern nur ein Übergang, ein Innehalten und Verweilen, bevor ein junges Grün den grauen Schleier vertreibt. Die vierte Jahreszeit gern dem Lebenszyklus der Menschen zugerechnet. Dabei ist so wenig zu berechnen am Leben.


Kürzlich sagte mir jemand, er würde jetzt gehen müssen, weg von der Veranstaltung und dem Trubel, weil er doch 85 Jahre alt werden wolle. Es verwundert, was Menschen so alles in ihr Denken lassen können und an einem Moment die ganze Lebensspanne festmachen wollen. So muss wohl der November auch für die Toten herhalten, die längst nicht mehr mittanzen können. Rücken wir die längst Dahingeschiedenen im November eine Weile in die Gedanken der Noch-Lebenden, gedenken wir ihnen zumindest am Totensonntag. Traurig, dass wir einem Tag einen Namen geben müssen, damit wir uns erst an die erinnern, die sich nicht mehr selbst in den Mittelpunkt rücken können. Es gibt ja auch Zeitgenossen, die daran glauben, dass der Mensch von jeglicher Symbolik frei sein könne. Frei sind die Gestorbenen, frei vom Leben in seinen Zwängen. Sie sind nicht die bedauernswerten Kreaturen. Bedauern müssen wir die Lebenden, die sich vor der Befreiung der Daseinszwänge fürchten, die darüber klagen, dass der Kampf ums Leben der einzig wichtige wäre. Darüber reden nach dem Sterben die Hinterbliebenen. In welchem Reich des Nichts ein Verstorbener sich selbst einrichten wollte, es ist kein Gefängnis wie das Leben, in dem man sich an anderen messen will, die gerechter als die anderen sein wollen, manche mehr wollen und andere anderen weniger wünschen. Der Tod kennt keine Grenze und keinen Niedergang. Er ist immer nur er selbst.


Wir denken so gern daran, dass alles Veränderung sei. Doch das ist nur die Erfahrung, die wir im Leben machen. Wenn im Tod Veränderung wäre, warum war die dann nicht schon vor dem Leben? Das Dasein – das auf der Welt sein – ist nur der Zustand zwischen der einen und der anderen großen Stille. Vielleicht heißt das Schweigen Sternenexplosionen, Galaxienzerfall und -entstehung. Was wir wissen, ist nur im Leben. Danach hat das Wissen keinen Wert. Und deshalb sind uns die Toten teuer, weil wir ihnen in unserem Leben einen Wert zumessen. Manche haben in uns einen Wert erzeugt, weil sie Jahre lang an unserer Seite waren, andere sind für einen Augenblick bedeutend, weil sie just im selben eine Weiche gestellt, eine Wendung herbeigeführt, für ein abruptes Ende sorgten oder etwas Neues initiierten. Einige bezeichnen wir als Familie, als enge oder weitere, und manche haben in dem heutigen Patchwork-Puzzle gar nichts mit Blutsbanden zu tun. Es ist egal, alle müssen sich einen eigenen Reim auf den Wert ihrer Toten machen.


Der Tag der Toten ist ein Tag der Lebenden und ihrer Selbstvergewisserung, dass jemand gegangen, verloren, aber nicht vergessen ist. Vergessen oder Nichtvergessen – auch das sind nur Vokabeln im Hiersein und keine aus dem Jenseits. In Zeiten als die Toten noch im Himmel verortet wurden, gab es keine Flugzeuge, die das Feld der Verstorbenen mit Kerosinabfällen fluten konnten. Doch wir finden keine besseren Begriffe, um Menschen, die nicht mehr unter uns weilen, einen Ort zuzuschreiben. Am anderen Ufer, Paradies, Jenseits, Garten Eden, Himmelsreich oder Überwelt – wir wünschen uns einen Ort, obwohl der Mensch, der gegangen ist, gar keinen Ort braucht. Verstorbenen brauchen die Lebenden. In ihnen ist die Heimat aller, die man warum auch immer gekannt hat. Die Spure, die andere hinterlassen, sind nur die, die wir zu lesen vermögen.


Seit wir Menschen – wir, die uns als solche bezeichnen – die Erde bevölkern, mussten schon mehr in den Tod gehen, als dann weiterleben. Vielleicht wäre uns der Tod nicht so fremd, wenn man sich seinen Zustand als die Normalität vor Augen führte und nicht als Absonderlichkeit. Das oft frische Gedenken an kürzlich Verstorbene, an nahe Wegbegleiter ist oft gar nicht still, sondern eher ein Schreien und Klagen oder vielleicht ein Wimmern und Weinen. Solche Gefühle über das endgültige Abgeschnittensein überfallen uns genauso wie andere Schmerzen, mit denen wir nicht rechnen wollten. Das Leben schützt vorm Sterben nicht, es ist erst dessen Grund.


Wir können im November an Tote erinnern. Doch wer bei uns war, bleibt. Jeder Name, jede Erinnerung, jedes Geschehen – alle Dinge, unter denen etwas Gemeinsames erlebt oder entstanden war, sind Lebenszeichen für alles Verlorene in uns, bis wir selbst verloren sind. Die Lebenden erschaffen Leben und in ihnen leben die Toten.

Seite 27, Kompakt Zeitung Nr. 245, 22. November 2023