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Gedanken- & Spaziergänge im Park:
Hatte Brecht recht?

Paul F. Gaudi

Gerd war sauer über seine neue Energierechnung. „Meistens bekam ich bei der Jahresabrechnung höchstens die Aufforderung zu einer kleinen Nachzahlung, manchmal sogar ein kleines Guthaben. Diesmal habe ich eine Nachzahlung von fast 300 €! Dabei habe ich weniger Gas und weniger Strom verbraucht als in den Vorjahren. Das ist doch verrückt! Der größte Posten bei der Stromrechnung ist eine „Energie/Abgabe gemäß erneuerbaren Energien Gesetz (EEG)“. Diese Abgabe macht sage und schreibe fast zwei Drittel der Stromrechnung aus! Bei der Gasrechnung ist es genauso: auch hier weniger verbraucht und mehr zu zahlen und die EEG-Abgabe beträgt sogar fast drei Viertel der Gesamtsumme. Der größte Teil der Energiekosten ist also ideologisch begründet und hat nichts mit meinem wirklichen Verbrauch zu tun. Ist das nicht verrückt? Und das alles, weil die grünen Ideologen, die in der Regierung sitzen, ernsthaft glauben, sie könnten mit ihrer Energiepolitik die Welt retten und die Klimaveränderungen stoppen oder sogar rückgängig machen. Womit haben wir das verdient?“ Ich konnte nur mit den Schultern zucken und ihm Recht geben, denn mir geht es ähnlich. „Wenn im nächsten Jahr wieder die Mehrwertsteuer in der Gastronomie auf 19% erhöht wird, dann werden deutlich weniger Gäste kommen und so manche Gaststätte wird Konkurs machen und schließen.“ „Ja, das läuft doch schon länger so. Aber eigenartig ist es doch, dass es fast immer die einheimischen Gastwirte trifft“, sagte Gerd. „Türkische, arabische oder asiatische Gaststätten anscheinend nicht, die werden eher mehr.“

 

Zukunft Wasserstoff?

 

Unser Wirtschaftsminister Habeck hat sich noch etwas Geniales ausgedacht: Er plant ein fast 10.000 km langes Wasserstoffnetz, das sich nach seinen Worten wie die Autobahnen kreuz und quer durch Deutschland ziehen soll. Wasserstoff soll der Energieträger der Zukunft sein, der das Erdgas und fossile Treibstoffe weitestgehend ersetzen soll. Schon im nächsten Jahr soll mit dem Bau der Leitungen begonnen werden. Das wäre eine radikale Veränderung der gesamten Energiestruktur Deutschlands. Ob das wirklich realistisch ist? Gasförmiger Wasserstoff in reiner Form kommt in der Natur auf Erden nicht vor, sondern er muss hergestellt werden. Heute wird er hauptsächlich mittels Dampfreformierung aus Erdgas gewonnen. Dabei wird aber viel CO2 freigesetzt, was ihn nicht so umweltfreundlich macht, wie immer behauptet wird. Alternativ kann Wasserstoff auch aus Wasser im Elektrolyseverfahren mit Strom erzeugt werden. Das wäre dann der eigentliche „grüne“, also umweltfreundliche Wasserstoff. Nun war Minister Habeck einmal ein Kinderschriftsteller und kein Fachmann für Energiewirtschaft und Physik. Aber in seinem Ministerium müssten eigentlich Fachleute sein, die ihm vorrechnen könnten, dass die Produktion von 1 kg grünem Wasserstoff etwa 60 kWh Strom benötigt. Dieses Kilogramm Wasserstoff liefert aber bei seiner Verbrennung lediglich ca. 33 kWh Energie. Ein tolles Geschäft!

 

Etwas günstiger ist die Energiebilanz bei der Produktion des sogenannten „blauen“ Wasserstoffs aus Erdgas, wobei aber wieder CO2 produziert wird! Also soll der grüne Wasserstoff aus sonnenreichen Erdteilen mit Tankern importiert werden und über die Flüssiggas-Terminals (LNG) in das Netz geleitet werden. Auch eine tolle Idee, denn um das Gas Wasserstoff so zu transportieren, muss es zuerst verflüssigt werden, wozu es auf -253° Celsius abgekühlt werden muss, was wieder beträchtliche Energie kostet, die erst einmal hergestellt und bezahlt werden muss. Und dann soll er noch aus sonnenreichen Weltgegenden wie Südamerika oder Afrika in Tankern zu unseren Flüssiggas-Terminals an der Nord- oder Ostseeküste transportiert werden. Von Afrika dauert die Fahrt eines Frachtschiffes etwa vier bis fünf Wochen, von Südamerika drei bis vier Wochen. Es müssen sehr spezielle Tanker sein, denn der flüssige Wasserstoff muss weiter die ganze Zeit über bei unter -253° Celsius gehalten werden! All das erfordert gewaltige Investitionen, die viele Milliarden betragen dürften. Das plante Robert Habeck öffentlich am 14. November. Doch nur einen Tag später verkündete das Bundesverfassungsgericht, dass es nicht verfassungsgemäß wäre, die 60 Milliarden Euro Schulden, die für die Bewältigung der Corona-Folgen gemacht werden sollten, einfach in die „Klima- und Transformationsfonds“ umzubuchen!

 

Alle diese Pläne sind nun Makulatur und der Scholzsche „Doppelwums“ könnte zum Rohrkrepierer werden. Weitere zwei Tage später warnt Minister Habeck, dass es deshalb nun zur Abwanderung der Wirtschaft in das Ausland kommen könne. Als ob diese nicht schon seit längerem infolge der Steuer- und Energiepolitik der Ampel im Gange wäre! Habeck aber am 17. November in einem Vortrag in Berlin: „Es wäre zynisch, wenn man Klimaschutz mit der Vernichtung der Industrie gleichsetzt.“ Also ich fände es zynisch, wenn man für den Klimaschutz die Vernichtung der Industrie in Kauf nimmt! Gerd fiel dazu ein Text von Bertolt Brecht ein: „Und sie sägten an den Ästen, auf denen sie saßen und schrien sich ihre Erfahrungen zu, wie man besser sägen könne. Und fuhren mit Krachen in die Tiefe. Und die ihnen zusahen beim Sägen schüttelten die Köpfe und sägten kräftig weiter.“ Brecht schrieb das 1935 im Exil mit Gedanken an Deutschland. „Ist es nicht eigentümlich, dass manche ältere Texte immer wieder hochaktuell sind?“, fragte er.

 

Die Linke: Wieder oder noch da?

 

„Das Brecht’sche Gleichnis ist noch auf manches anwendbar, auch auf die Kirchen oder auf die Politik der Linken,“ stimmte ich ihm zu. Die Vorsitzende Janine Wissler verkündete am Tag vor dem Parteitag der Linken in Augsburg am letzten Wochenende strahlend, dass „die Linke wieder da ist“, aber eigentlich hätte sie doch eher etwas zerknirscht sagen müssen, dass „die Linke noch da ist“, denn der seit einigen Jahren andauernde Niedergang der Linken ist nun wirklich nicht zu übersehen. Da hilft auch kein Verweis auf eine von den Linken geführte Landesregierung in Thüringen, deren Zustimmungswerte kontinuierlich schlechter werden und jetzt nur noch 33% Zustimmung hat. Man hat auch den Eindruck, dass zwischen der Leitung Parlamentsfraktion und der Parteiführung die Atmosphäre gestört ist. Während die Führung der Fraktion unter Bartsch klare Worte für das Soziale findet und dabei doch moderat ist, erscheint die Parteiführung unter Wissler meist radikal. Gerd wunderte es nicht, dass die Co-Vorsitzende Henning-Wellsow aus Thüringen nach einem Jahr Zusammenarbeit mit Wissler 2022 das Handtuch warf. Janine Wissler ist deutlich radikaler. Sie ist Mitglied von Attac und war Mitglied der Organisation Marx21 und in der Sozialistischen Linken, zwei vom Verfassungsschutz beobachteten Gruppierungen am linken Rand der Partei. Aus diesen radikalen Gruppierungen trat sie kurz vor ihrer Wahl zur Vorsitzenden 2021 aus.

 

„Aber wir wissen ja“, meinte Gerd, „aus einem Verein kann man schnell austreten. Aber die innere Haltung, die zu der Mitgliedschaft geführt hat, lässt sich nicht einfach ablegen, wenn überhaupt.“ Ihr Co-Vorsitzender ist nun Martin Schirdewan, Enkel des Altkommunisten und Mitglied des SED-Politbüros Karl Schirdewan, der zeitweilig der zweite Mann im Politbüro der SED nach Ulbricht war, bis er sich mit ihm und Honecker überwarf und auf einen machtloseren Posten abgeschoben wurde. Man hat den Eindruck, dass er besser zu Frau Wissler passt. „Mal sehen, was aus der mehrfach umgetauften Partei wird. Bei manchen Äußerungen der Führung zur Klima- und Migrationspolitik oder zur Geschlechtervielfalt habe ich den Eindruck, dass die Linke sich mehr den links-grünen Theorien annähert, als dass sie noch die Sprache ihrer ursprünglichen KPD-Basis, der Arbeiterschaft spricht“, urteilte Gerd. „Am 6. Dezember löst sich die Fraktion der Linken infolge von neun Austritten der Wagenknecht-Anhänger auf und ist nur noch eine Gruppe. Das bedeutet deutlich weniger Geld und so hat sie über 100 Angestellten der Fraktion zum 6. Dezember gekündigt.“ „Ein Kündigungsschreiben im Nikolausstiefel ist ein böses Geschenk.“

 

Sie lesen die falschen Bücher

 

Folgen des Krieges in Nahost sieht man auch hierzulande. Bei seinem Besuch in Tel-Aviv Mitte Oktober verkündete Scholz, dass der Antisemitismus in Deutschland keinen Platz habe. Wenige Tage später wurde er durch zahlreiche und sehr große propalästinensische Demonstrationen in mehreren deutschen Großstädten eines Besseren (oder besser: eines Schlechteren) belehrt, denn diese Versammlungen verbreiteten mit Reden und Transparenten Israelfeindschaft und Judenhass. Dieser Hass auf Israel und die Juden nimmt sich ausgesprochen viel Platz in Deutschland und die Politik zeigt sich außer Reden und Appellen recht hilflos in ihren Reaktionen. In Essen wurde von Demonstranten sogar die Errichtung eines Kalifats und die Einführung der Scharia gefordert! „Das ist doch eigentlich nichts anderes als die Forderung nach der Abschaffung des deutschen Staates, oder?“, sagte ich. „Und die Staatsgewalt schritt kaum ein. Schwer zu verstehen.“ „Ja, da irrte Scholz mal wieder. Die islamistische Israelfeindschaft erwartet gar nicht, dass ihr von Scholz ein Platz in Deutschland zugebilligt würde, sie nimmt ihn sich einfach. Ich glaube, dass unsere Oberen nicht oder die falschen Bücher lesen. In Schneiders „Inside Islam“, in Buschkowskys „Die andere Gesellschaft“, in den Büchern von Hamed Abdel-Samad steht alles drin. Man nahm und nimmt es nicht zur Kenntnis.“ Brecht hat recht.

Seite 8, Kompakt Zeitung Nr. 245, 22. November 2023