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Raus aus dem Ghetto

Rudi Bartlitz

SES-Schwergewichtler Agit Kabayel gehört zum erlesenen Kreis jener Boxer, die sich am Vorweihnachtstag bei einer Millionen-Gala in Saudi-Arabien präsentieren können.

Da hat es bums gemacht: Auch US-Altstar Kevin Johnson hatte gegen Agit Kabayel (r.) das Nachsehen.
Foto: Peter Gercke

Wohl nur die wenigsten hätten in dem jungen Mann, der da im Februar 2017 im Holzfäller-Shirt gutgelaunt durch die Lobby des Magdeburger Maritim-Hotels schlenderte, einen künftigen Box-Europameister der Profis vermutet. Agit Kabayel präsentierte sich schon damals so, wie er auch heute daherkommt: bodenständig, bescheiden. Keiner, der zu öffentlichen Terminen mit goldenem Basecap oder glitzernder Panzerkette um den Hals erscheint. Keiner, der die kessen Sprüche nur so rausspuckt.


Knapp sieben Jahre später sitzt derselbe Kabayel in der Londoner Wembley-Arena. Die Scheinwerfer sind auf ihn und ein gutes Dutzend weiterer Hochkaräter des internationalen Box-Business gerichtet. Auf einem terrassenförmig aufgebauten Präsidium thronen sie da wie CEO von Aktienunternehmen, nur in den Schultern eben ein bisschen breiter geraten. Der Deutsche mit kurdischen Wurzeln, inzwischen in den Farben des Magdeburger SES-Teams tatsächlich zu Europas Bestem im Schwergewicht aufgestiegen, gehört zum erlesenen Kreis jener Fighter, der sich anschickt, Geschichte bei den Preisboxern zu schreiben. Am 23. Dezember sollen sie im saudi-arabischen Riad bei einer millionenschweren Gala auftreten. Eine Gala, die es so noch nicht gegeben hat. Ein Event, bei der jeder einzelne, sagen Experten, bei jeder anderen Veranstaltung ein Hauptkämpfer wäre.


Fans wie Fachleute finden dieser Tage immer neue Superlative für den so betitelten „Day of Reckoning“ (Tag der Abrechnung), der am christlichen Vorweihnachtstag im muslimischen Saudi-Arabien in der Kingdom Arena von Riad über die Bühne gehen soll. „Tag der Abrechnung“ – als müsse das Ganze nur hoch genug gepriesen werden, um von etwaigen Einwänden gegen das wirtschaftlich so potente, politisch jedoch höchst zweifelhafte Land der Gastgeber abzulenken. Auch im Magdeburger Boxstall SES Boxing, dem Kabayel seit fast acht Jahren angehört, wollte man nicht nur von einem „Riesenabend“, sondern gar von der „spektakulärsten Fightcard der Boxgeschichte“ sprechen, wie es in einer Pressemitteilung heißt.


Kabayels Gegner wird der in Montreal lebende 34-jährige Russe Arslanbek „Lion“ Makhmudov sein. Mit einer Bilanz von 18 Siegen in 18 Kämpfen, davon 17 durch K.o., kann er einen beeindruckenden Kampfrekord nachweisen. Der Nummer drei der WBC-Weltrangliste geht der Ruf voraus, ein regelrechter „Killer“ zu sein. Mit einer Größe von 1,97 Meter besitzt er zudem leichte körperliche Vorteile. Kabayel-Coach Sükrü Aksu ficht das nicht an: „Wir haben auch für einen harten Puncher wie Makhmudov eine Lösung – dies werden wir zeigen und siegen!“ Sein Schützling wird es in Riad auf jeden Fall mit einer alten Faustregel seines Gewerbes halten wollen: In einem Boxkampf Zweiter zu werden ist nicht gerade das Erstrebenswerteste.


Initiator des „Abrechnungstags“ ist der Chef der saudischen Sportbehörde, Turki Al-Shikh. Ein Mann, dem enge Verbindungen zum Königshaus nachgesagt werden und der auch Besitzer des spanischen Fußball-Erstligavereins UD Almería ist. Er möchte sein Land zum neuen Epizentrum des Boxgeschäfts machen: Was bisher in Las Vegas geschah, soll jetzt und in Zukunft am Rande einer anderen Wüste steigen. Darum hat er schon Ende 2019 die WM-Revanche zwischen Anthony Joshua (England) und Andy Ruiz (USA) nach Diridyah, einer Vorstadt von Riad, geholt. Rund 100 Millionen Dollar soll Kronprinz Mohammed bin Salman, der starke Mann in Saudi-Arabien, das Spektakel wert gewesen sein. Darum hat dort der exzentrische britische WBC-Champion Tyson Fury kürzlich einen entbehrlichen WM-Kampf mit dem früheren Mixed-Martial-Arts-Champion Francis Ngannou ausgetragen. Und darum nun ein weiteres „Signature Event“ – knapp zwei Monate vor dem ultimativen WM-Duell zwischen Fury und Dreifachweltmeister Oleksandr Usyk aus der Ukraine. Natürlich gleichfalls in Riad.


„Sehr großer Gegner, sehr gute Organisation“, lobte in Wembley der bisher ungeschlagene Kabayel (23 Siege, davon 15 vorzeitig). Darauf folgten genau sieben Wörter zur persönlichen Stimmungslage: „Ich bin happy, und ich bin bereit.“ Abschließend reihten sich die Profis und Promoter zu einem Gruppenbild auf. Das dürfte der 31 Jahre alte Gast aus Deutschland von nun an wie kostbaren Schmuck in seinem Besitz bewahren. Schließlich ist er darauf so festgehalten, wie er sich das über etliche, mühsame Jahre hinweg immer gewünscht hat: als allseits respektiertes Mitglied der globalen Faustkämpfer-Elite.


Denn Boxen, das ist die Welt des Agit Kabayel. Obwohl er erst relativ spät zu dem Zweikampfsport kam. Da war er schon fast 17. „Davor habe ich Fußball gespielt. Aber irgendwann bin ich da nicht mehr weiter vorangekommen. Da habe ich es mit Kickboxen versucht. Aber ich wollte lieber richtig boxen, das lag mir und hat auch mehr Spaß gemacht.“ Und da steckte wohl noch etwas anderes dahinter, was ihn den Weg ausgerechnet zum Boxen einschlagen ließ. „Ich bin im Ghetto im Ruhrpott auf der Straße groß geworden. Da musst du kämpfen, dich gegen allen möglichen Dreck durchsetzen. Irgendwie standest du immer mit einem Bein auf dem Weg in die falsche Richtung. Aber ich wollte raus aus dem Ghetto. Über das Profiboxen habe ich es geschafft, darauf bin ich stolz.“

Seite 47, Kompakt Zeitung Nr. 246, 10. Dezember 2023