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Gedanken- & Spaziergänge im Park:
Schwierigkeiten mit der Realität

Paul F. Gaudi

Die allerletzte Talk-Sendung von Anne Will wurde an einer Stelle vermutlich ungewollt zu einer wahren Sternstunde, als Wirtschaftsminister Habeck wörtlich sagte: „Wir sind umzingelt von Wirklichkeit. Fundamentale Annahmen stimmen nicht mehr, sie passen nicht mehr zu der Wirklichkeit. Dieses Aufwachen, dieses Erschrecken, dass die Wirklichkeit eine andere ist.“ Dazu machte er ein fast verzweifeltes und gequältes Gesicht. Im Internet gut zu sehen. Mit „wir“ kann er ja wohl nur sich und die Regierung gemeint haben. Den Satz muss man sich auf der Zunge vergehen lassen. Die Wirklichkeit umzingelt ihn wie ein Feind! Gleichzeitig sagt er damit aber ungewollt auch, dass sein ideologiegeprägtes Handeln außerhalb der Wirklichkeit ist, ein Phantasieprodukt, reines Wunschdenken. Seine von Klimaangst geprägte Politik verkennt die Realitäten, die die Wirklichkeit ausmachen. Das Denken seiner Partei befindet sich gewissermaßen in einer grünen Pippi-Langstrumpf-Blase unter der Losung: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Da sind die „umzingelnden“ Realitäten natürlich bedrohlich.

 

Eine Art Offenbarungseid

 

Eigentlich war dieser Satz eine Art Offenbarungseid. Doch bedroht fühlt er nicht die Wirtschaft, den Wohlstand oder die Bevölkerung, sondern seine Art auf die Welt zu schauen und sie ideologiegeleitet verändern zu wollen. Dabei sind die fast täglichen Hiobsbotschaften über Preissteigerungen, Insolvenzen, Betriebsschließungen (zuletzt Halberstädter Würstchen) oder Betriebsverlegungen in das Ausland, wo günstigere Bedingungen vorhanden sind, doch wahrlich weder zu überhören noch zu übersehen. Dazu kommen weitere Preiserhöhungen für die Bürger, besonders für Energie und Lebensmittel. So wurde z. B. ab Dezember die Lkw-Maut weiter erhöht, was nach Auskunft der Spediteure die Transportkosten um ca. 10 Prozent erhöhen wird. Dieser zehnte Anteil wird natürlich an die Kunden durchgereicht, was bedeutet, dass die Waren des täglichen Bedarfs teurer werden. Nun auch noch das Dilemma, dass der Haushaltsplan aufgrund des Urteils des Bundesverfassungsgerichtes nur noch Makulatur ist. Statt aber umzudenken, wird die zum weiteren Abstieg führende Energiepolitik weiterverfolgt, nach dem Motto: „Immer mehr von demselben“. In der trügerischen Hoffnung, dass sich irgendwann dadurch etwas zum Besseren ändert.


Bereits der österreichische Philosoph Paul Watzlawick beschrieb in seinem lesenswerten Buch „Anleitung zum Unglücksein“ eben dieses Verhalten als typisches Rezept zum Scheitern: „Wenn Du immer wieder das tust, was Du immer schon getan hast, dann wirst Du immer wieder das bekommen, was Du immer schon bekommen hast.“ Das Tragische dabei ist aber, dass die schlimmen Folgen des Beharrens auf einem Irrweg nicht zuerst die Verursacher treffen, sondern uns alle. „Dazu fällt mir ein Zitat aus dem Drama König Lear von Shakespeare ein „Es ist zwar über 400 Jahre alt, anscheinend aber zeitlos“, schmunzelte Gerd: „Das ist der Fluch der Zeit, dass Tolle Blinde führen.“ „Ja, es ist eine verrückte Zeit, wo manches aus den Fugen gerät.“ Die bayrische Kabarettistin Monika Gruber drückte es kürzlich in einem Gespräch so aus: „Wir sind an einem Punkt, an dem das Normale für verrückt erklärt wird und alles Verrückte für normal.“

 

Nun ist es so, dass Politiker nicht umdenken könnten, wenn sie wollen. Zum Beispiel Frau Faeser und das Problem der illegalen Einwanderung. Noch im Sommer lehnte sie stationäre Grenzkontrollen als überflüssig und unnütz ab, obwohl die Ministerpräsidenten Brandenburgs und Sachsens sie forderten. Die Schleierfahndung sei ihrer Meinung nach völlig ausreichend. Plötzlich, nach ihrer Wahlniederlage Anfang Oktober in Hessen, wurde sie anderer Meinung und veranlasste stationäre Grenzkontrollen! Und Anfang Dezember feierte sie den Erfolg gegen die Schleuser und verlängerte diese Maßnahme. Es geht doch, wenn man etwas Einsicht hat.

 

„Wir spielen den Musterknaben“

 

Doch zurück zum Sparen bei dieser knappen Haushaltslage. Das gilt natürlich nicht für alle. Als kurz nach der Eröffnung der 28. Weltklimakonferenz in Dubai der Gastgeber verkündete, 100 Millionen Dollar in einen Fond für Klimafolgeschäden armer Länder zu zahlen, erklärte unsere Ministerin für Entwicklungshilfe Schulze sogleich, dass Deutschland ebenfalls 100 Millionen Dollar spendiert. Insgesamt kamen bislang über 600 Millionen zusammen, die USA gaben knapp 18 Millionen. Nun sind die Emirate dank Erdöl ein unheimlich reiches Land im Gegensatz zu Deutschland, das in einer Krise steckt. „Deutschland zahlt fast ein Sechstel des Geldes von den über 100 Nationen“, sagte ich, „wir spielen wieder die Musterknaben.“ „Aber das waren wir doch immer“, lachte Gerd, „darüber hat man schon in der DDR Witze gemacht“ und erzählte einen: Ende der sechziger Jahre war eine Sitzung der Parteichefs des Warschauer Paktes. Breschnew, der das Treffen leitete, hatte starke Blähungen und ließ einen Furz fahren. Darauf stand der polnische Parteichef Gomulka auf und sprach: „Genossen, ich bitte Euch um Entschuldigung dafür.“ Nach kurzer Zeit ließ Breschnew wieder einen fahren, worauf der Ungar Janos Kadar aufsprang und um Entschuldigung bat. Da erhob sich Walter Ulbricht und sagte: „Genossen, die nächsten fünf übernimmt die DDR!“


Nach dieser Geschichte kamen wir aber wieder auf die Klimakonferenz zurück. Ein Jahr zuvor in Sharm el-Sheikh (Ägypten) waren es 20.000 Teilnehmer. Diesmal in Dubai mehr als dreimal so viel, 70.000. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass greifbare Ergebnisse einer politischen Konferenz meist umso geringer sind, je mehr daran teilnehmen. In den ersten Tagen in Dubai sprach der somalische Präsident über die schlimmen Folgen der durch die Industrieländer verursachten Klimakrise in seinem Land. Dabei verschwieg er, dass sich Somalia seit über 30 Jahren einen Bürgerkrieg „leistet“, ohne den vermutlich genügend Ressourcen und finanzielle Mittel vorhanden wären, um Notlagen aus eigener Kraft zu bewältigen bzw. ohne den manche Katastrophe gar nicht erst entstanden wäre. Die deutsche Delegation ist mit 254 offiziellen Teilnehmern beträchtlich groß. Nahezu alle Ministerien sind vertreten: 40 Personen vom Kanzleramt, 47 aus dem Wirtschaftsministerium, das Auswärtige Amt mit 60 Offiziellen und noch rund 100 aus acht anderen Ministerien. Nicht mitgezählt sind die Mitarbeiter des Personenschutzes, Visagistinnen und Friseusen und Fotografen. Dazu kommen noch Hunderte Teilnehmer von Nichtregierungsorganisationen. Aber es gibt noch größere Delegationen, z. B. die Brasilianische mit 3.000 Teilnehmern. „Fragt eigentlich keiner nach dem CO2-Fußabdruck, leidet keiner unter Flugscham?“, fragt Gerd. „Viele kommen wohl kaum in ausgebuchten Linienflugzeugen. Es ist sicher schön, mal wieder im Warmen zu sein und in feinen Hotels zu wohnen. In Jugendherbergen wird kaum jemand übernachten.“ Unser Kanzler hob dort einen „Klimaclub“ zur Minderung des Treibhausgasausstoßes aus der Taufe. Mehr als 30 Länder wollen sich beteiligen. Das gibt dann wieder ein Sekretariat mit ein paar gutdotierten Posten. Die großen CO2-Emittenten China und Indien sind nicht dabei. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Eine Gruppe von 20 Staaten rief zum Ausbau der Atomkraft auf, darunter mehrere europäische Länder, u. a. Frankreich. Deutschland nicht. „Habeck wird sich nun von Kernkraft umzingelt fühlen“, meinte Gerd.

 

Reflexartiges Aufbauschen

 

Auf dem Rückweg sprachen wir über den absichtsvollen und negativierenden Gebrauch von Adjektiven und Begriffen in Nachrichten und Zeitungen. „Stets wird bei den Namen von Wilders oder Orban das Wort Rechtspopulist verwendet. Mag ja stimmen. Aber hast Du schon vom Linkspopulisten Gysi oder Wissler oder über die Klimapopulistin Ricarda Lang gelesen? Da gibt es solche Attribute nicht, obwohl sie ebenso richtig wären.“ „Ja, oder die Meloni in Italien, bei der oft neo- oder postfaschistisch dazu gesetzt wird. Haben wir nicht eine Bundestagsvizepräsidentin, die 1983 in die SED eintrat, an der Parteihochschule studierte und im FDJ-Zentralrat tätig war? Niemand würde bei ihr das Adjektiv postkommunistisch gebrauchen. Solche Zuschreibungen gibt es nur für Rechte. Komisch eigentlich.“


„Vermutlich vertraut man darauf, dass steter Tropfen den Stein höhlt. Könnte ein Irrweg sein. Denn die Stalagmiten beweisen auch, dass steter Tropfen einen Stein aufbaut!“ Ähnliches findet sich auch bei Kampagnen, die von den Medien begierig aufgegriffen und noch hochgekocht werden. Man denke an den Sänger Lindemann der Band Rammstein. In den „asozialen“ Medien wurden Behauptungen gemacht – aber keine Klagen eingereicht. Ermittlungen von Amtswegen bei einem estnischen und einem deutschen Gericht wurden mangels verwertbarer Tatsachen eingestellt. Der Fall Ofarim wurde so aufgeblasen, dass sofort über 100 linke Demonstranten vor dem Hotel auftauchten und u. a. die CDU-Ministerin Prien aus Schleswig-Holstein die sofortige Entlassung des Hotelmitarbeiters forderte. All dies reflexartig, ohne erst einmal abzuwarten, was wahr ist und was nicht. Dafür aber werden andere interessante Tatsachen nur am Rande erwähnt oder sogar ganz verschwiegen, wie das Schreiben der Europäischen Arzneimittelagentur EMA, mit der Aussage, dass die Corona-Impfstoffe nicht vor Ansteckung schützen und die Weiterverbreitung des Virus nicht verhindern. Dazu gäbe es nun wahrhaftig einiges klarzustellen und zu recherchieren.



Buch-Tipp: Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

Seite 8, Kompakt Zeitung Nr. 246, 10. Dezember 2023