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Gleich, aber verschieden

Prof. Dr. Gerald Wolf

Gleiche unter Gleichen sein – können wir das? Wollen wir das?

Alle Menschen sind gleich, und zwar dann, wenn es um die Anwendung der Gesetze geht. Das garantiert der Artikel 3 unseres Grundgesetzes. Gerichte müssen danach Recht sprechen. Können Richter nach dieser Maxime konsequent urteilen? Was, wenn ein solcher Richter in der Urteilsfähigkeit von Sympathien oder Antipathien beeinflusst wird. Oder könnte eine Bindung an eine politische Partei einen Richterspruch bedingen? Mag das die Gleichheit vor dem Gesetz unterlaufen? Den Einen gleicher oder weniger gleich als einen beliebig Anderen machen. Aber gewiss doch, da ist der Artikel 3 unseres Grundgesetzes, auf den, so heißt es, sollten wir vertrauen.


Auch biologisch gibt es für uns Menschen einen Gleichheitsgrundsatz, nämlich, dass wir alle zu ein und derselben Art gehören, auch Spezies genannt. Wir Menschen nennen unsere eigene Spezies Homo sapiens, was so viel wie „weiser, gescheiter, kluger, vernunftbegabter Mensch“ bedeutet. Mitunter setzen wir noch eins drauf und nennen uns Homo sapiens sapiens, um uns von den womöglich nicht ganz so klugen, weisen Vormenschen abzugrenzen, die unsere Spezies vor Jahrhunderttausenden vertraten. Das alles, obwohl uns, dem Menschen von heute, ein entscheidendes Stück Weisheit fehlt, um wirklich weise zu sein. Dennoch fühlen wir uns in der Zumessung dieses Attributes recht sicher, da dieses bisher von keinem der anderen Mit-Lebewesen bestritten wurde.


Auch mein Lateinlehrer war von der allumfassenden Klugheit von unsereinem nicht so überzeugt. Wenn es ihm in der Klasse an Aufmerksamkeit fehlte, wurde er wütend und donnerte, nicht Homines sapientes wären wir, nein, Homines stulti, dumme Menschen! Mehrfach wurde ich in seiner schmetternden Art als Homo stultus gerügt. Und vor die Tür gejagt. Auch der Eine oder Andere. Willy Struy, auch in Mathe hatten wir ihn. Alles in allem ein hervorragender Lehrer, ein wahrer Homo sapiens. Vor ihm waren wir alle gleich, aber verschieden. Wohl kaum erführe er an den heutigen Schulen Duldung, ständig würde er sich an dem aufgeblasenen Ego ihrer Schüler stoßen.

 

Im Unterschied sind wir alle gleich

 

„Im Unterschied sind wir alle gleich“, heißt es bei Thomas Wischnewski (Einfälle-Reinfälle-Scheinfälle, Aphoristische Wortspiele, 2020). Auch wenn wir Menschen ein und derselben biologischen Art zugehören, machen uns erst die Unterschiede zu dem, worauf wir letztlich Wert legen – zu Individuen. Schon auf den ersten Blick hin sind wir verschieden. Nicht nur die Körpergröße und der Körperumfang sind es, nicht ob blond oder braun oder schwarz, nein, feinste, zum Teil allerfeinste Unterschiede in den Gesichtern sind es, die sofort sagen, wen wir kennen und wen nicht, wenn uns Scharen von Menschen begegnen, auf dem Weihnachtsmarkt oder nach Ankunft eines überfüllten Zuges.


Punkt-Punkt-Komma-Strich ist das Strukturprinzip der Gesichter. Zwar ist es bei allen dasselbe, von Mensch zu Mensch aber wird es sehr unterschiedlich realisiert. Denn wie diese Elemente im Einzelnen geformt sind und wie sie sich zu einem Ganzen ordnen, lässt uns sofort erkennen: den da, den kenne ich, und den daneben nicht. Sogar die Gestimmtheit lesen wir sofort heraus, ob gespannt und interessiert, ob suchend, müde oder gelangweilt, ob freundlich oder miesepetrig. Auch das Geschlecht ist so zu erkennen, obschon heutzutage leichter zu verwechseln. Wenn wir die Blätter einer Eiche genauer betrachten, fällt ebenfalls auf, dass keines dem anderen wirklich gleicht. Doch, weil für unsereinen bedeutungslos, fehlt dem menschlichen Erkennungsapparat für diese Unterscheidung das Talent. Auch auf den zweiten oder dritten Blick hin können wir uns die Individualität der Blätter nicht merken.

 

Rassismus und Rassisten gibt es, aber Rassen?

 

Der Mensch ist ein soziales Wesen, durch und durch ist er das. Vor der Einsamkeit graust es ihm, und so auch zählt Einzelhaft zu den schlimmsten Strafen. Dennoch ist das Zusammenleben von Menschen nicht ohne Probleme, weil nun mal das Eigeninteresse gegenüber dem der Gesamtheit den Vorzug genießt. Besonders deutlich wird das, wenn Menschen von außerhalb Teil dieser Gemeinschaft werden wollen. Oder sollen. Die Probleme kulminieren, falls die bislang Fremden im Schoß des Gastgebers Gegengemeinschaften etablieren und das bei Dominanzanspruch zu Lasten der gastgebenden Gesellschaft. Eifersucht kommt bei ihr auf, auch Angst bis hin zu einer regelrechten Fremdenfeindlichkeit. Xenophobie genannt, wenn sich diese als krankhaft überwertig erweist und damit psychopathologische Züge annimmt.


Politiker, die für eine solche Entwicklung die Verantwortung tragen, werfen dann der eigenen Bevölkerung gern Rassismus vor und bezeichnen die Protagonisten als Rassisten. Am Ende sind es nur noch wenige, die sich getrauen, offen gegen die aktuelle Zuwanderungspolitik zu protestieren. Wer schon lässt sich gern als „Rassist“ beschimpfen, als rechtsextrem, als Mischpoke, als Pack, oder als Nazi gar? Zuhause und unter vorgehaltener Hand im Kollegen- und Bekanntenkreis wird kräftig diskutiert, mitunter auch nur bedeutungsschwer abgewinkt. Offener Widerstand wird vermieden. Kommt das der Integration von der Gastgeberseite her gleich oder ist es davon verschieden?


Der Eifer im „Kampf gegen Rassismus“ geht mitunter so weit, dass Menschen als Rassisten beschimpft werden, allein wenn sie sich gegen die unkontrollierte Einwanderung anderer Bevölkerungsgruppen wenden, gleich ob da von Rassenunterschieden überhaupt die Rede sein kann oder nicht. Höchst wissenschaftsfern kommt die Zuordnung der Juden zu einer eigenständigen Rasse daher. Die Juden bilden eine über die ganze Welt verstreute Religionsgemeinschaft und verstehen sich am ehesten als eine eigenständige Ethnie [griech. ethnos – (fremdes) Volk]. Ähnlich sinnlos wäre es, von einer katholischen oder einer protestantischen Rasse zu sprechen, oder von einer buddhistischen, islamischen oder einer schamanischen. Nein, Ethnien sind hier gemeint, Bevölkerungsgruppen also, die sich in ihrem Selbstverständnis unterscheiden und das nicht auf Grund biologischer Besonderheiten, sondern allein wegen ihrer jeweiligen Kultur, Sprache, Geschichte, Wirtschaftsweise, ihres Brauchtums und dergleichen mehr.


Überhaupt wird so weit wie möglich vermieden, Farbe zu bekennen und von Menschenrassen zu sprechen, auch dann, wenn es sich tatsächlich um Rassen handelt. Aus nachvollziehbaren Gründen. Allzu Schreckliches wurde den Vertretern „niederer Rassen“ angetan – durch solche der vermeintlich höheren Art, durch „Weiße“. In den USA schwelt die Polarisierung Weiß gegen Schwarz noch immer, in manchen der ehemaligen Kolonialländer aber gibt es die Tendenz zur Richtungsumkehr: Schwarz gegen Weiß. In Südafrika zum Beispiel.


Und immer handelt es sich um ein und dieselbe Spezies, artgleich sind sie, die Menschen, und dennoch verschieden.

 

Was überhaupt ist dran an dem Rassebegriff?

 

Hunderassen und Pferderassen gibt es, Rassen von Katzen und solche von Karpfen, die Kois. In der Tierzucht versteht man unter Rassen Züchtungsformen, die von einer jeweiligen Tierart, dem Wildtyp, ausgegangen sind. Die genetischen Unterschiede halten sich noch immer in Grenzen, nämlich in denen der Spezies. Und das selbst dann, wenn sich die jeweiligen Rassen in ihren körperlichen Merkmalen oder im Verhalten stark vom Ursprünglichen unterscheiden. Wie zum Beispiel der Mops von der Deutschen Dogge oder vom Stammvater der beiden, dem Wolf. Hingegen spricht man in der Zoologie und Botanik vorzugsweise von Unterarten (Subspecies), seltener von Rassen, wenn es um innerartliche Unterschiede geht. Zumeist sind sie durch geografische Isolation bedingt. Mangels Austauschmöglichkeiten blieben und bleiben sich zufällig ergebende genetische Varianten der jeweiligen Population erhalten. Bei Anhäufung solcher Besonderheiten ergeben sich über längere Zeiträume hinweg Eigentümlichkeiten, die einer speziellen Unterart eben.


Wie nun sieht es mit unserer eigenen Art aus? Auch Homo sapiens hat im Ergebnis geografisch getrennter Entwicklungen unterschiedliche Typen hervorgebracht. Sie fallen ins Auge, wenn man die Kopfform, die Gestalt und die Körpergröße betrachtet, die Hautfarbe, den Haartyp, den Lidschnitt vergleicht und die Form und die Länge der Nase. In ihrer jeweiligen Kombination ergeben sich Eigentümlichkeiten, durch die sich die Afrikaner südlich der Sahara trotz mannigfaltiger individueller Abweichungen noch immer von den Chinesen und den Japanern unterscheiden, die Ureinwohner Australiens von den Europäern und die wieder von den Inuit Grönlands und den Indios des Amazonasbeckens. Am besten untersucht wurden die medizinisch relevanten Unterschiede, z. B. Varietäten von Enzymen und molekularen Signalempfängern (Rezeptormoleküle), die Anfälligkeit gegenüber bestimmten Krankheiten, die Häufigkeiten gewisser Erbkrankheiten, die Medikamentenverträglichkeit oder die Verteilung von Blutgruppen. Es gibt wohl kaum ein gesundheitliches Problem, das alle Menschen ungeachtet ihrer Abstammung gleichermaßen betrifft.


Über eine lange Zeit hin hat man von Menschenrassen gesprochen, doch will das heute kaum noch jemand tun, zu tief sitzt die Abscheu vor dem, was in der Kolonialzeit und nicht zuletzt in der Nazizeit mit entsprechenden „Argumenten“ passiert ist. Man denke an Auschwitz oder an Lubmin. Auch heute noch und wo immer in der Welt, wenn die Interessen von Neusiedlern auf die der indigenen (lat. „eingeboren“) Bevölkerung stoßen, gibt es Tendenzen zu verdeckten oder offenen Auseinandersetzungen.

 

Genetik, igitt!

 

Die den Naturwissenschaften eher Fernstehenden neigen dazu, Rassen, zumal Menschenrassen, als Erfindungen reaktionären Geistes oder als praktisch vernachlässigbar abzutun. So auch all die Besonderheiten, die die Menschen verschiedener Regionen auszeichnen. Zumal sie als genetisch bedingt anzusehen. Schon der Begriff „Genetik“ erzeugt bei manchen eine Gänsehaut. Gewiss, neben der genetischen Veranlagung spielen im Falle des Menschen bei der Entwicklung von Fähigkeiten ganz wesentlich Selbsterfahrungen und die Erfahrungen aus der Umwelt herein. Mit anderen Worten: das Lernen. Aber selbst die Lernfähigkeit hat eine genetische Basis, wie sie zum Beispiel der Stubenfliege oder der Mehlschwalbe im Vergleich zum Menschen fehlt.


Bleiben wir bei der Mehlschwalbe. Ihr Beispiel veranschaulicht, über welche Macht die Gene bei der Ausformung allein ihrer Verhaltenseigenschaften verfügen: Völlig erfahrungslos schlüpft der Jungvogel nach einem halben Monat Bebrütung aus dem Ei, wird von den Eltern vier, fünf Wochen gefüttert und ist dann flügge. Das heißt, er kann fliegen und „weiß“, wie. Er vermeidet Kollisionen und schnappt sich im Fluge erste Insekten. Zwar wird er noch etwa eine Woche lang von den Alten gefüttert, dann aber ist er absolut selbstständig. Nicht nur „weiß“ der Jungvogel sich zu ernähren, sondern auch, wie sein Gefieder zu putzen ist und wie er es anstellen muss, um aus einem Teich, aus einer Pfütze, Wasser zu trinken. Ohne diese Fähigkeiten würde der kleine Piepmatz nach kurzer Zeit verhungernd am Boden liegen, geschweige denn im Herbst seine Reise nach Süden antreten. All das dank seiner Gene! Unserem Lernen in der Kindheit scheinbar gleichend, dennoch grundverschieden von ihm.


Wie die Genetik dieser Tiere eine derart flotte Verhaltensentwicklung anstellt, weiß kein Mensch zu sagen. Und aller Wahrscheinlichkeit nach nie, so kompliziert ist das nun mal mit dem Gehirn und den verhaltenswirksamen Genen. Das Schwalbengehirn kommt mit etwa 400 Millionen Nervenzellen aus, unseres verfügt über knapp 100 Milliarden, und diese mit jeweils hunderten oder gar zehntausenden informationellen Kontakten, Synapsen genannt. Beide sind Produkt der Evolution, einer sich über Milliarden Jahre erstreckenden Selbstoptimierung, dem Lernen scheinbar gleichend, davon aber grundverschieden – vom Prinzip her zu verstehen, doch nicht nachzuvollziehen. Und nie wirklich zu begreifen.


Zwar verändern wir uns ständig, glauben aber, immer gleich zu bleiben. Wir lernen hinzu, denken uns Neues und vergessen dafür anderes. Zellen bilden sich neu, andere verschwinden. Der Stoffwechsel sorgt unter Beibehaltung der Bauprinzipien für ständigen Austausch unserer Körperbestandteile, ausgenommen die Substanz unserer Gene. Lebenslang erhalten bleiben die Nervenzellen, so auch die unseres Gehirns. Wenn sie mit zunehmendem Alter dann doch verschwinden, nach und nach tun sie das, gibt es kaum jemals Ersatz durch neue. Und erhalten bleibt, trotz ständigen Wechsels und mancher Art der Selbstvergessenheit, unser ICH. Obschon das Empfinden unseres Ichs nicht so ganz zuverlässig ist – je älter, um so weniger – dann gibt es ja die anderen, die uns kennen und im Zweifelsfalle gerne bestätigen, dass WIR es sind. Zwar uns von früher her gleichen, aber doch verschieden sind.

Seite 40, Kompakt Zeitung Nr. 246, 10. Dezember 2023