KM_LOGO_rb_100px

Erzählungen vom Schweigen

Katharina Peter (Foto: Katrin Ribbe) und Stella Leder (Foto: Nina Pieroth)

Antisemitismus in Ost und West ist das Thema einer Doppellesung der Autorinnen Stella Leder und Katharina Peter am Dienstag, 16. Januar, 19.30 Uhr, im Schauspielhaus. Während Stella Leder mit ihrem Roman „Meine Mutter, der Mann im Garten und die Rechten“ Einblicke in ihre deutsch-jüdische Familiengeschichte gibt, erzählt Katharina Peter in ihrem Debütroman „Erzählung vom Schweigen“ vom Aufwachsen einer Nach-68er-Generation im Westen Deutschlands.  Moderiert wird der Abend von der Literaturwissenschaftlerin Dr. Anja Thiele.


Stella Leder rannte als Jugendliche vor Neonazis davon; von ihrer Lieblingslehrerin wurde sie für die Politik Israels verantwortlich gemacht; und die Einsicht in die Stasi-Akten ihrer Mutter offenbarte den Antisemitismus in ihrer eigenen Familie. Stella Leder, Enkelin des bekannten jüdischen Schriftstellers und Literaturfunktionärs Stephan Hermlin, die sich als Erwachsene entschied, Antisemitismus auch beruflich zu bekämpfen, erzählt die Geschichte ihrer Familie, vom Leben auf gepackten Koffern, aber auch von einem Verfolgungstrauma und der Verharmlosung des Antisemitismus – und davon, dass Deutschland weder in Ost noch in West je einen richtigen Umgang mit beidem gefunden hat.

 

Katharina Peters Roman „Erzählung vom Schweigen“ fächert die Familiengeschichte der Hauptfigur Karolina Estor auf. Als drittes Kind wächst sie in dem zum Scheitern verurteilten Versuch ihrer 68er-Eltern auf, alles anders als die Generation zuvor zu machen. Während ihr Vater Klaus bestrebt ist, den Kindern alle Freiheiten zu lassen, und sie doch nur umso enger an sich bindet, verrät ihre Mutter Elke sowohl den Klassenkampf als auch Familienverbund und jettet stattdessen wie besessen für Großkonzerne um die Welt. Karolina indes tröstet sich im Leistungssport, bis Konkurrenzdruck und das Verschwinden ihres Bruders sie auch diesen Halt verlieren lassen. Mit schmerzlich-lakonischer Offenheit verknüpft Katharina Peter Erinnerungsflicken ihrer Protagonistin zu einem Teppich deutscher Geschichte, rekonstruiert anhand eines Familienarchivs verschwiegener Schuld.  Schonungslos und mutig, erschreckend und tröstlich dringt Peters Debütroman tief in die Geschichte ein und legt die Grundlagen unserer Gesellschaft bloß.


Stella Leder, Enkelin von Stephan Hermlin (eigentlich Rudolf Leder), wurde 1982 in Westberlin geboren. Ihre Mutter Bettina war 1977 aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt, als Folge ihres Protests gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns.  Stella Leder studierte Kultur- und Literaturwissenschaft in Berlin. Sie arbeitet seit vielen Jahren für NGOs zu Antisemitismus, Gender und Rechtsextremismus, außerdem als freie Dramaturgin und ist Herausgeberin des Sammelbandes „Über jeden Verdacht erhaben?  Antisemitismus in Kunst und Kultur.“


Katharina Peter, 1980 in Bad Soden am Taunus geboren, studierte von 2002 bis 2006 Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Während ihres Studiums erhielt sie Förderungen mehrerer nationaler und internationaler Theater.  Die Uraufführung „Maxi-Singles“, eine schwarze Komödie über Sexualität und Einsamkeit, inszenierte der Regisseur Wulf Twiehaus am Theater Heidelberg.  Seit 2002 arbeitet sie als Autorin und Dramaturgin in freien Theatergruppen und wirkte in zahlreichen Projekten in Berlin und Hannover mit. 


Dr.  Anja Thiele studierte Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie und Kommunikationswissenschaft in Erfurt und Jena und promovierte 2020 über die Repräsentation der Shoah in der Literatur der DDR. Sie arbeitete im Bereich der politischen Bildung zu Antisemitismus im Jüdischen Kulturzentrum in Leipzig sowie als Teil der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Seit August 2020 leitete sie die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Thüringen.

 

Erinnern, Vergessen, Schweigen: Antisemitismus in Ost und West.
Autorinnenlesung und Gespräch mit Stella Leder und Katharina Peter, Moderation: Dr. Anja Thiele.
Dienstag, 16. Januar, 19.30 Uhr, Schauspielhaus, Kammer 2

Seite 10, Kompakt Zeitung Nr. 247, 10. Januar 2024