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Ich spreche Deutsch:
Kongruenz

Dieter Mengwasser - Dipl.-Dolmetscher und -Übersetzer

Dunkel erinnere ich mich, dass wir in der Schule etwas über Kongruenz gehört haben, und das bezog sich auf Dreiecke. Zu diesem Thema finde ich im Lexikon, dass mit Kongruenz die Deckungsgleichheit geometrischer Figuren gemeint ist. Für die Dreiecke gibt es dann vier Kongruenzsätze, wonach zwei Dreiecke kongruent sind, wenn entsprechende Seiten und Winkel übereinstimmen. 


Das gehört zum Bereich der Mathematik oder Geometrie. Und Kongruenz soll es auch bei unserer deutschen Sprache geben? Ja, von ‚Kongruenz‘, entstanden aus dem lateinischen ‚congruens‘ mit der Bedeutung ‚passend zu‘, ‚übereinstimmend‘, ‚angemessen‘, können wir auch in unserer Sprache sprechen. Wenn nämlich in einem Satz alles richtig zueinander passt, dann herrscht Kongruenz.


Vor einigen Monaten hatte ich überhaupt nicht daran gedacht, hier einen Beitrag in unserer Deutsch-Kolumne zu einem solchen Thema zu schreiben. Aber das Problem der fehlenden Kongruenz scheint in seiner Ausdehnung immer mehr zuzunehmen.


Doch nun endlich ein praktisches Beispiel. In einem Magazin für Kinder sind die Mädchen und Jungen eingeladen, ein Rätsel zu lösen. Abgedruckt sind kleine Bilder von Gegenständen und Tieren, und die Kinder werden aufgefordert, auf folgende Frage zu antworten: „Welches der abgebildeten Gegenstände beginnt mit dem Buchstaben Z?“ Ich denke, liebe Leserinnen und Leser, dass es Ihnen nicht schwerfällt zu sagen, was hier nicht zusammenpasst. Ganz klar, es ist dieses Wörtchen ‚welches‘, das aus dem Rahmen fällt. Denn es bezieht sich auf ‚Gegenstände‘. Der Singular (Einzahl) von ‚Gegenstände‘ ist ‚Gegenstand‘. Und der Artikel (früher hieß es ‚Geschlechtswort‘, obwohl dies gar nichts mit dem Geschlecht eines Substantivs zu tun hat; die Zuordnung eines männlichen, weiblichen oder sächlichen Artikels zu einem Substantiv ist in unserer deutschen Sprache ganz willkürlich, historisch entstanden und jetzt überhaupt nicht mehr nachvollziehbar) zu ‚Gegenstand‘ ist ‚der‘, also heißt es ‚der Gegenstand‘. Und dazu passt nur das sogenannte Fragepronomen ‚welcher‘. Dementsprechend muss die Frage lauten: „Welcher der abgebildeten Gegenstände beginnt mit dem Buchstaben Z?“. Nun bitte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser um Entschuldigung. Entschuldigung, wenn Sie meinen, dass wir uns hier auf einem Niveau bewegen, wie es wahrscheinlich in den unteren Klassen der Grundschule üblich ist. Aber hat nicht ein Kindermagazin auch die Aufgabe, den jungen Menschen als Vorbild für die Vermittlung unserer Sprache zu dienen? Wie sollen die Kinder der zweiten Klasse, die sich freuen, dass sie alle Buchstaben kennen und schon Wörter und eventuell gar ganze Sätze lesen und verstehen können, mit einer Grammatik klarkommen, die nicht den Regeln entspricht? Und wie ergeht es erst den Kindern von Migranten, bei denen die Eltern selbst Mühe haben, die deutsche Sprache zu erlernen?


Aber nicht nur die Macher des erwähnten Kindermagazins scheinen Schwierigkeiten zu haben. Wenn Sie ein paar Urlaubstage nicht in der Ferne, sondern im schönen Harz erleben wollen, dann können Sie Anregungen für Wanderungen usw. in der Tourist-Information Schierke finden. „Von der Brockenstraße ist die Tourist-Information über einige Treppenstufen oder einer kleinen Rampe zu erreichen.” Nehmen Sie doch lieber die Treppenstufen, denn über der kleinen Rampe müssten Sie doch vielleicht Kletterübungen vollziehen. Tja, bis zu ‚über einige Treppenstufen‘ hielten sich die Schreiber bewusst oder unbewusst an die Regel, dass die Präposition (Verhältniswort) ‚über‘ bei Bewegungsabläufen mit dem Akkusativ (4. Fall) verbunden wird. Aber dann wurde der Satz einfach zu lang. Da zogen sie es vor, den Dativ (3. Fall) zu nehmen: ‚über einer kleinen Rampe‘. Dabei wäre es so einfach gewesen: „… ist die Tourist-Information über einige Treppenstufen oder eine kleine Rampe zu erreichen.“ Und was erwartet Sie dann? „Literatur über Schierke, Wernigerode und dem Harz, Wander- und Fahrradkarten, Souvenirangebote sind in unserem Shop in der Tourist-Information erhältlich.“ ‚über‘ ist doch wirklich eine verteufelte Präposition, besonders, wenn sie sich auch noch auf mehrere Substantive danach bezieht. Also: „Literatur über … den Harz …“!


Zum selben Thema Kongruenz, aber in der Sphäre Betriebsanleitungen zum Automobil. Immer mehr sogenannte Fahrerassistenzsysteme werden jetzt in den modernen Pkws verbaut. Das weiter entwickelte ABS (Antiblockiersystem) gehört dazu: „Durch gezieltes Abbremsen einzelner Räder und dem Eingriff in die Motorleistung wirkt es beim Fahren dauerhaft dem Ausbrechen und Schleudern des Pkw entgegen.“


Und wenn Sie sich bei Ihrem Fahrzeug für einen Dachgepäckträger interessieren, dann beachten Sie bitte den folgenden Hinweis: „Die Höhe des Fahrzeuges verändert sich durch die Montage des Dachgepäckträgers sowie dem darauf befestigten Ladegut.“ Wieder diese Präpositionen! Freunde, ‚durch‘ steht immer mit dem 4. Fall, egal, wie viele Substantive hinterher folgen. Also: ‚… durch die Montage des Dachgepäckträgers sowie das darauf befestigte Ladegut.‘ ABS wirkt durch gezieltes Abbremsen einzelner Räder und den Eingriff in die Motorleistung.


„Noch intelligenter wird der Assistent dabei durch weitere Ausstattungen wie dem Navigationssystem und automatischer Schildererkennung.“ – dazu schreiben wir nur: Siehe oben!

 

Über die Schauspielerin Susanne Uhlen (66 Jahre, „Praxis Bülowbogen“) wird berichtet: „Für viele Fans kam der große Schock jedoch, als bei ihr Krebs diagnostiziert wurde und daher ihre Karriere vorerst auf Eis legen musste.“ Tröstlich wenigstens, wenn nicht die vielen Fans ihre Karriere auf Eis legen mussten.


In Israel fanden die letzten Wahlen im Herbst 2022 statt. Ein eindeutiger Sieger war nicht auszumachen, aber das Ergebnis wird in einer überregionalen deutschen Zeitung so kommentiert: „In Israel kündigt sich eine rechtsextreme Regierung an, die in Europa seinesgleichen sucht.“ Trotz des traurigen Geschehens, das sich jetzt in Nahost abspielt, meine Frage: Wenn sich ältere Damen in Deutschland regelmäßig zum Kaffeekränzchen treffen, sind sie dann unter seinesgleichen oder unter ihresgleichen?


Kongruenz spielt auch eine Rolle, wenn ein Sachverhalt in mehreren Sätzen eines Textes beschrieben wird. Kommen wir hier nochmal zum Thema Automobil: „Die Profiltiefe Ihres Reifens sollte regelmäßig gemessen werden. Sie gehören zu den meistbeanspruchten Teilen des Autos und sind entscheidend, um unsere Sicherheit im Straßenverkehr zu gewährleisten.“


Ganz klar, liebe Autofahrerinnen und -fahrer, dass Sie dieser Aussage nur zustimmen können. Sie haben eben verstanden, worum es geht. Aber was sind denn die meistbeanspruchten Teile des Autos? In dem vorausgehenden Satz ist nur von der ‚Profiltiefe Ihres Reifens‘ die Rede. Ihr Auto hat natürlich vier Reifen. Aber ‚Reifen‘ im Plural wird nicht erwähnt. Und hier kommen wir, liebe Leserinnen und Leser, dazu, dass Sie mir als Schreiber dieser Zeilen Einwendungen und Vorwürfe machen könnten. So in der Art: Was hier gesagt wird, das ist doch alles spitzfindig, pedantisch, an den Haaren herbeigezogen usw. Wir verstehen doch, was gemeint ist. Wir verstehen das immer, auch wenn es manchmal vielleicht nicht ganz so gut formuliert ist. – Es geht, liebe Leserinnen und Leser, auch um die Tendenz. Solche Dinge, wie sie oben in den Beispielen genannt sind, dürften bei sorgfältiger Arbeit nicht geschehen. Alle hier aufgeführten Beispiele, das sei nochmals gesagt, sind Veröffentlichungen entnommen, die wirklich für ein breites Publikum bestimmt sind. Stellen wir uns vor, dass solche – gelinde gesagt – Schludrigkeiten in Gesetzen und Verfügungen der Regierungen oder bei Verträgen, wo es um Millionen oder gar Milliarden von Euro geht, auftreten. Und wenn dann noch Unregelmäßigkeiten dazukommen sollten, die wegen der ohnehin schwierigen Probleme der deutschen Sprache auftreten, wie Rechtschreibung von Wörtern, Getrennt- und Zusammenschreibung, Groß- und Kleinschreibung, Kommasetzung, gehäufter Gebrauch unnötiger Anglizismen, dann kann es eng werden, den Sinn von Geschriebenem zu verstehen. Und vergessen wir auch nicht die Vorbildwirkung, die von Druckschriften ausgehen kann. Und vergessen wir auch nicht die Auswirkungen von dem, was uns im Rundfunk und im Fernsehen in sprachlicher Hinsicht geboten wird. PISA lässt grüßen, nicht nur euch, liebe Schulkinder!


Halt! Stichwort Schule! Letzte Meldung von Dezember 2023: „Die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg plant gemeinsam mit der Landeshauptstadt Magdeburg die Etablierung der ersten Universitätsschule in Sachsen-Anhalt. Bei entsprechender Befürwortung ihres Trägers, der Landeshauptstadt Magdeburg, sowie dem Ministerium für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt soll die IGS „Willy Brandt“ aufgrund der so begründeten engen Kooperation mit der Universität Magdeburg ab 2027 die Bezeichnung Universitätsschule tragen dürfen.“ Frage: Wer tut denn hier dem Ministerium für Wissenschaft … etwas an?



Buch-Tipp: Die Beiträge von Dieter Mengwasser sind als Buch unter dem Titel „Ich spreche Deutsch! – Sprachbetrachtungen eines Sprachkundigen“ erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

Seite 30, Kompakt Zeitung Nr. 247, 10. Januar 2024