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Realsatire ist kaum zu toppen

Die Politik führt vielfach einen Eiertanz auf. Wie man als Kabarettist gegen die Flut an Realsatire kämpft, erklärt Hans-Günther Pölitz von der Magdeburger Zwickmühle im KOMPAKT-Interview mit Thomas Wischnewski.

Hans-Günther Pölitz ist seit bald 28 Jahren Bühnenakteur und Autor der Magdeburger Zwickmühle.
Foto: Peter Gercke

KOMPAKT ZEITUNG: Herr Pölitz, wir erleben zunehmend politische Widersprüche, wechselnde Positionen und permanente Zuspitzungen gesellschaftlicher Debatten. Wie kann man da als Kabarettist in den laufenden Programmen Schritt halten?
Hans-Günther Pölitz: Die Realsatire der Politik können wir kaum noch toppen. Eine Schreckensnachricht folgt der anderen. Vertrauen in politische Akteure schwindet. Ich habe den Eindruck, dass die Gesellschaft an Diarrhoe leidet. Sie kann die Demokratie nicht mehr halten. Dennoch versuchen wir, unsere Hausaufgaben zu machen und der Entwicklung etwas entgegenzusetzen. Wir arbeiten nach dem Prinzip: Kunst kontra Realsatire.


Angesichts der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten vergeht einem das Lachen.
Es vergeht mir auch, wenn der Grünen-Politiker und ehemalige Außenminister Fischer äußert, er halte eine Bewaffnung mit Atomwaffen für Deutschland als eine geeignete Abschreckung. Mit solchen Äußerungen tritt er die Grünen-Gründer Petra Kelly und Gerd Bastian mit Füßen. Die beiden rotieren in ihren Gräbern. Was die zunehmenden Wirbelstürme erklären würde. Den Grünen fallen nach und nach alle Kerne aus der Sonnenblume. Sie verlieren immer mehr ihre Kernkompetenz als Friedenspartei.


Die Richtlinienkompetenz muss doch der Kanzler geben, der von der SPD gestellt wird?
Wie man die SPD zu sehen hat, hat Kurt Tucholsky bereits 1926 mit dem Gedicht „Feldfrüchte“ in der Weltbühne beschrieben. Es sind „Radieschen“, außen Rot und innen Weiß. Man sieht, wohin das führt: Bürger haben doch den Eindruck, dass sie der Politik schnurzegal sind.


Wenn die politische Kommunikation derart pervertiert, was kann man dann satirisch sagen?
Wenn wir solche Sachen, die heute auf der politischen Bühne möglich sind, vor Jahren auf der Kabarettbühne angesprochen hätten, wären die Männer mit den weißen Jacken zum hinten Zubinden gekommen. Ich sage zur heutigen Situation: Solange wir über die Probleme noch lachen können, lachen die Probleme noch nicht über uns. Aber wer ständig von der Apokalypse redet, führt in dieselbe.


Und wie erleben Sie Ihr Publikum in der Magdeburger Zwickmühle?
Das empfindet uns, als wären wir manchmal ein Gegenentwurf zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Auf der Bühne formulieren wir das so: „Das Fernseh‘n sendet wieder in Schwarz-Weiß. Die Medien lügen nicht, ich bitte! Weil Verschweigen keine Lüge ist.“ Wenn ich nicht beruflich Kabarettist wäre, würde ich vielleicht auch kaum noch in eine Zeitung schauen. Was ist Wahrheit? Was ist Fake? In der digitalen Welt der Medien ist doch heute alles manipulier- und fälschbar. Das Vertrauen in Politik und Medien scheint mir jedenfalls im Arsch zu sein.


Mit den Erfolgen der AfD bei Umfragen drücken viele Bürger ihre Unzufriedenheit aus?
Darin drückt sich vor allem das Versagen der anderen Parteien aus. Und die Linken haben es wieder einmal verstanden, es den Rechten zu überlassen sich als Volkstribun hinzustellen.


Wo ist dann der Ausweg?
Als Satiriker ist es meine Aufgabe, den Finger in die Wunde zu legen. Wege, Visionen und Auswege müssen Politiker aufzeigen. Allerdings sehe ich für Visionen eher Schwarz, wenn sich die Gesellschaft auf dieselbe Weise weiter zerlegt.


Der Publikumszuspruch bleibt indes bei der Zwickmühle stabil?
Wir können im Moment nicht klagen und arbeiten nach wie vor nach dem Motto unseres ersten Zwickmühlen-Programms „Wir geh‘n Euch auf den Geist“. Schließlich machen wir auch keine falschen Wahlversprechen. Wo Zwickmühle draufsteht, ist auch politisches Kabarett drin. Außerdem zieht offenbar die gute alte Mund-zu-Mund-Propaganda. Von Besuchern wird uns immer wieder gesagt, bei uns stünde niemand auf der Bühne, der ihnen nur etwas vorspielen würde.


Die Corona-Pandemie war eine Zäsur für Kulturbetriebe und viele andere. Spüren Sie noch Nachwirkungen?
Was bei mir nachwirkt, ist die Frage, wie man es fertigbringt in einer Situation, bei der es darum geht, Menschen vor gesundheitlichem Leid zu schützen, sich an Masken oder Medikamenten noch persönlich zu bereichern? Anders zeigt sich für uns das Bestellverhalten beim Kartenkauf. Da sind unsere Besucher heute Kurzstreckenläufer geworden. Sie laufen erst kurz vor dem Termin zum Bestellen los. Das erschwert die Planbarkeit.


Im vergangenen Herbst haben Sie erstmals ein Programm mit Thomas Müller auf die Bühne gebracht. Gibt es Fortsetzungsbestrebungen?
Die Zusammenarbeit mit Thomas Müller hat sich als ein Glücksfall erwiesen. Deshalb wird es ein neues Programm mit ihm geben.


Und worum soll es da gehen?
Wir können nur absehen, dass wir pro Spielzeit zwei neue Programme inszenieren. Worum es da geht, ist nicht absehbar. Oder wissen Sie schon, welche politischen Kapriolen wir noch erwarten dürfen?


Gewiss nicht. Aber bald feiern Sie am Schalttag zum Gründungsdatum am 29. Februar 1996 erst den 7. Geburtstag. Da hat man noch Wünsche?
Ans Programm bzw. an dessen realen Vorlagen? Meine Erwartungshaltungen machen es nicht einfacher. Wir sind uns nun bald 28 Jahre lang in unserem Anspruch treu geblieben. Das kommt nicht vom Wünschen. Auch Frieden nicht, der in der Ukraine und in Gaza dringend nötig ist. Inzwischen befürchte ich aber leider, dass eine politische Veränderung in unserem Land nicht wie 1989 friedlich verlaufen wird. Aber, wie gesagt, ich will nicht von Apokalypse reden, damit es nicht in dieselbe führt.

Seite 11, Kompakt Zeitung Nr. 248, 24. Januar 2024