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„In Paris hängen die Trauben noch höher“

Auf der Homepage des Olympiastützpunktes Sachsen-Anhalt läuft ein Countdown herunter, der genau anzeigt, wieviel Tage, Stunden und Minuten noch verbleiben, bis am 26. Juli in Paris die XXXIII. Olympischen Sommerspiele eröffnet werden. Über die Vorbereitungen der Kandidaten aus Sachsen-Anhalt sprach Rudi Bartlitz mit Stützpunktleiter Helmut Kurrat.

Kompakt: Gut ein halbes Jahr vor Paris, wie ist der Stand?
Helmut Kurrat: Das ist global natürlich schwer zu beantworten, da wir Athleten aus neun Sportarten betreuen. Rein sportlich zuständig sind zudem die jeweiligen Fachverbände. Und in vielen Sportarten stehen außerdem noch Qualifikationen aus. Aber wenn Sie schon danach fragen, will ich mich nicht um eine Antwort drücken. Ich würde sagen, aus heutiger Sicht besitzen zwölf bis fünfzehn Sportler aus Sachsen-Anhalt eine reale Chance, im Sommer in Frankreich dabei zu sein.


Wäre denn mehr möglich gewesen?
Ja, auf jeden Fall. Es ist nach Tokio 2021 jedenfalls nicht die Entwicklung eingetreten, die wir uns alle erhofft hatten. In einzelnen Sportarten hat es nicht die nötige Entwicklung gegeben.


Sie spielen da sicher vor allem auf Rudern und Kanu an. Sportarten, bei denen Athleten aus Sachsen-Anhalt auch in den Jahren nach der Wende noch richtig Medaillen abräumten.
Es ist heute so, dass wir im Kanu mit Moritz Florstedt vom SC Magdeburg nur einen echten Anwärter auf einen Paris-Startplatz haben. Im Rudern sieht es ähnlich aus. Max Appel, der seinen Lebensmittelpunkt inzwischen in Schleswig-Holstein hat, ist der einzige Sportler, der noch für einen Verein aus Sachsen-Anhalt startet.


Und in der olympischen Kernsportart Leichtathletik?
Da besitzen wahrscheinlich die beiden Diskuswerfer Shanice Craft vom SV Halle und Torsten Janssen vom SCM die besten Aussichten. Aber gerade in ihrer Disziplin ist die Konkurrenz schon in Deutschland sehr groß. Da wird sicher einiges von der jeweiligen Tagesform abhängen. Ob es jungen Athleten wie Speerwerferin Lea Wipper und Sprinterin Chelsea Kadiri, die beide in Magdeburg am Bundesstützpunkt Leichtathletik trainieren, gelingt, auf den olympischen Zug aufzuspringen, muss noch abgewartet werden.


Kommen wir zum Stolz der olympischen Sportarten in Sachsen-Anhalt, den Schwimmern.
Ja, das ist unsere mit Abstand stärkste Gruppe … die aus Tokio allein drei Medaillen nach Sachsen-Anhalt mitbrachte. Gold und Bronze durch Florian Wellbrock im Freiwasser und über 1.500 Meter im Becken sowie Bronze ebenfalls über 1.500 Meter durch Sarah Wellbrock.


Auf den Schwimmern, das ist klar, liegen auch in Paris wieder unsere größten Hoffnungen. In der Gruppe von Trainer Bernd Berkhahn und seinem Team wird seit Jahren konsequente Arbeit geleistet. Das von ihnen entwickelte Konzept mit inkludierten Höhentrainingsphasen sollte erneut seine Früchte tragen. Die Hoffnungen liegen natürlich zuallererst bei den Etablierten wie Florian Wellbrock, Lukas Märtens und Isabel Gose. Aber auch bei SCM-Athleten wie Leonie Märtens und Marius Zobel ist es nicht ausgeschlossen, dass sie die Qualifikation noch schaffen. Auf der Rechnung muss man ebenso Oliver Klement, der für die SG Frankfurt startet, und Rückenschwimmerin Laura Riedemann aus Halle haben.


Damit ist die Liste jedoch keineswegs am Ende.
Nein, mit Philipp Weber und Lukas Mertens gehören zwei Handballer des SCM der Nationalmannschaft an. Vielleicht erhält durch die schwere Verletzung von Patrick Groetzki ja auch Tim Hornke noch eine Chance. Das Team muss sich jedoch im Frühjahr bei einem Turnier noch für Olympia qualifizieren. Aus dem Lager der Turner gehören Nick Klessing, Nils Dunkel und Lukas Dauser zu den Kandidaten. Obwohl Barren-Weltmeister Dauser, der 2023 zu Deutschlands Sportler des Jahres gewählt wurde, für keinen Klub aus unserem Bundesland startet, trainiert er am Landesstützpunkt in Halle. Hinzu kommen noch die beiden Hallenser Wasserspringer Timo Barthel und Moritz Wesemann, Ringer Erik Thiele vom KAV Mansfeld und Judoka Miriam Butgereit vom SV Halle, die sich in Hannover am Bundesstützpunkt vorbereitet.


Zum ersten Mal wurden im Frühjahr vergangenen Jahres auch drei ausländische Sportler, die in Magdeburg trainieren, in das „Team Sachsen-Anhalt für Paris“ berufen: die ukrainische Leichtathletin Maryna Romantschuk-Bekh und ihr Ehemann, der Schwimmer Mychailo Romantschuk, sowie die niederländische Schwimmerin Sharon van Rouwendaal.
Als die Romantschuks seinerzeit darum baten, aufgrund der Kriegsereignisse in ihrer Heimat hier mittrainieren zu können, haben wir selbstverständlich solidarisch geholfen und ihnen alle Türen geöffnet. Ich denke, ebenso wie durch van Rouwendaal, die schon länger an unserem Stützpunkt ist, haben sich durchaus Synergieeffekte ergeben. Es ist so etwas wie Nachhaltigkeit entstanden. Dass die Anwesenheit ausländischer Stars international den Ruf unseres Stützpunktes stärkt, ist durchaus ein schöner Nebeneffekt.


Bei allen positiven Zwischenbilanzen ist dennoch nicht zu übersehen, dass die Zahl derjenigen aus Sachsen-Anhalt, die sich für eine Olympia-Teilnahme qualifizieren konnten, über die Jahre rückgängig ist.
Seit 2016 sind wir ein Stück weit wieder in eine Konstante zurückgekommen. Trotzdem verfügen wir über Reserven, die wir noch freilegen müssen, um wieder eine stabilere Größe im deutschen Sportsystem zu werden. Wir müssen schauen, dass wir in unseren traditionellen Sportarten, aber auch in Trend- und Modesportarten frühzeitig Weichen stellen können, um wieder in die olympischen Mannschaften der Spitzenverbände hineinzukommen.


Apropos Reserven. Es scheint so, dass sich der olympische Konkurrenzkampf generell weiter zuspitzt, oder?
Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass die Trauben in Paris noch höher hängen werden als 2021 in Tokio. In vielen Sportarten hat die Dichte der Konkurrenz weiter zugenommen.


Das Positive an Paris ist doch aber, dass die Fans in Mitteleuropa seit einem Dutzend Jahren wieder einmal „normale“ Spiele erleben können, bei denen der Zeitunterschied keine Rolle spielt, man sozusagen live dabei sein kann.
Das ist ohne Zweifel gut und kommt uns entgegen. Hinzu kommt, dass mit Paris, das die Spiele zum dritten Mal veranstaltet, wieder ein traditioneller Standort an der Reihe ist. Dennoch …


…dennoch?
Die Fußball-Europameisterschaft im eigenen Land überstrahlt diesmal vieles. Bis die vorüber ist, wird in Deutschland, befürchte ich, niemand Olympische Spiele so richtig auf dem Zettel haben.

Seite 22, Kompakt Zeitung Nr. 248, 24. Januar 2024