KM_LOGO_rb_100px

Die Expansion des Egoismus

Thomas Wischnewski

Der Egoismus wird von jeher als eine der Schattenseiten des Menschen angesehen. Der Begriff Ellenbogengesellschaft kursiert seit Jahrzehnten durchs Land. Die Ursachen werden oft einzig dem Kapitalismus zugeschrieben. Die Ansprüche, die mit jedem Individuum erzeugt werden, und die vielen Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung werden dabei kaum betrachtet. Warum der Egoismus sich weiterausbreitet. Ein Analyseversuch.

Bereits im Jahr 1982 wurde das Wort Ellenbogengesellschaft zum Wort des Jahres gekürt. Mit dem Begriff verbindet sich die Vorstellung einer abzulehnenden Gesellschaftsordnung, die auf Egoismus, Konkurrenz, Rücksichtslosigkeit und Eigennutz basiert und bei der soziale Denkweisen und Verhaltensnormen in den Hintergrund geraten. Ein gegenteiliger Trend ist nicht auszumachen. Vielmehr verzeichnen wir tendenziell eine weitere Ausbreitung und Verfestigung egoistischen Verhaltens. Mögliche Ursachen werden in der Regel in der kapitalistischen Produktionsweise, der Förderung von Eigentum und den Differenzen bei Gerechtigkeit in unterschiedlichen Bereichen ausgemacht. Doch ganz so einfach ist es nicht. Auch gesellschaftliche Entwicklungen, die vielfach unter den Begriffen Gerechtigkeit oder Persönlichkeitsrechte positiv besetzt sind, können Nährboden für die Expansion von Egoismus sein.


Die demografische Entwicklung führt beispielsweise unweigerlich zu Ungleichgewichten, die den bisherigen deutschen Sozialstaat zerbröseln lassen. Die Babyboomer-Generation ist auf dem Weg in den gesetzlichen Ruhestand. Das Umlagesystem der Rente wird deren Versorgungsansprüche nach einem langen Arbeitsleben aufgrund geringerer Vertreter der sogenannten Generation Z, die ins Arbeitsleben eintreten, nicht mehr im bisherigen Maße erwirtschaften können. Es kommt jedoch außerdem der Trend dazu, dass junge Menschen heute häufiger eine angemessene Work-Life-Balance anstreben und gern auf Teilzeitmodelle setzen. Verstärkt wird die entstehende Finanzierungslücke auch dadurch, dass ältere Arbeitnehmer am Ausgang des Berufslebens mitunter auch Arbeitszeiten verkürzen oder Vorruhestandsmodelle beanspruchen. Fakt ist, dass bisherige Generationen allein an Lebensarbeitsstunden einen anderen Beitrag geleistet haben, der nach heutigen Maßstäben eher nicht erreicht werden wird. Gleichzeitig besteht die Vorstellung bei den Älteren, dass die Renten trotz Schieflage beim Ungleichgewicht der Anzahl der Generationsvertreter wie bisher fließen könnten. Und jede Generation pocht natürlich auf die eigenen Belange. Die Diskussion, wer welche Ansprüche erheben darf und wer heute was zu leisten bereit ist, führt in eine Art Egodebatte, die sicher zu keinem Kompromiss führen wird.


Besonders hoch gehalten werden heutzutage individuelle Rechte für die Selbstbestimmung. Egal, ob es dabei um Bildungs- oder Karrieremöglichkeiten bzw. Vorstellungen zu einer eigenen Genderidentität geht. Es kann nicht von der Hand gewiesen werden, dass immer weiter ausdifferenzierende Individual- oder Gruppeninteressen unweigerlich dazu führen, dass jede dieser Interessen nach Anerkennung, Rechten oder gar Förderung drängt. Es geht hier nicht darum, Rechte in Zweifel zu ziehen, sondern auf die Tendenz hinzuweisen, dass eine Vervielfachung individueller Vorstellungen unweigerlich zu Betonung von Eigennutz bzw. Konkurrenzdenken führt.


Die Art und Weise wie heute in sogenannter Social Media kommuniziert wird, zeigt vielfach Abgrenzung und Gegensätzliches. Übereinkünfte und Toleranz schwinden scheinbar. Eine Gegenposition wird oft abgelehnt und die Positionen scheinen sich eher voneinander zu entfernen. Im Prinzip kann man in der aktuellen öffentlichen Debatte zahlreiche inhaltliche Egotrips verfolgen, die sich offenbar immer weiter voneinander entfernen. Auch die Politik schafft es heute kaum noch, Entscheidungen und Visionen hervorzubringen, die den Zusammenhalt in der Gesellschaft fördern.


Ein anderes, oft nicht angeführtes Phänomen kann Triebkraft für egoistische Entwicklungen fördern. Kulturelle Vielfalt durch Zuwanderung wird in bestimmten Vorstellungen gern als positiver Trend angesehen. Die Kehrseite der Medaille trägt wiederum neue Interessen und weitere Ansprüche in die öffentliche Wahrnehmung. Allein die Debatte um die Gewalt der Hamas und die Reaktion der Israelis im Gaza-Streifen verdeutlicht, wie schwierig hier eine tolerante Haltung ist. Die deutsche Position, die mit der Forderung, dass Israels Existenzrecht – auf welche Territorien sich das Wort Existenzrecht auch immer konkret beziehen mag, bleibt offen – Staatsräson ist, hält konträre Standpunkte in Konkurrenz zueinander. Überhaupt sind Gruppeninteressen – seien es Migranten-Interessen gegen deutsche, europäische gegen nationale oder transatlantische gegen hiesige – derart unübersichtlich in ihren vertretbaren Ansprüchen oder in der Angemessenheit an Kritik, dass die Debatten darüber fast nur noch eine inhaltliche Zerfaserung verdeutlichen. Und mit diesen Erscheinungen wächst der Eindruck, dass überall Akteure mit egoistischen Motiven am Werk seien.


Vielleicht verdeutlicht die Grundannahme, dass mit jedem Individuum letztlich eine eigene Vorstellungswelt auf die der anderen trifft, das Grundproblem von Egoismus. Allein die Zunahme der Bevölkerung, sei es die der Deutschen oder die der Welt bringt rein quantitativ neue Ich-Bezogenheiten hervor. Dass also ausschließlich die kapitalistische Produktionsweise als Ursache für Egoismus ausgemacht werden kann, greift zu kurz. Die Vordenker des Kommunismus waren gar von dem Glauben beseelt, mit der Überwindung von Privateigentum und Profitinteressen würde sich ein fortschreitender Egoismus als Menschheitskrankheit überwinden lassen. Menschen mit Wurzeln in der DDR pochen gern auf ihre erlebte Solidarität in den 40 Jahren deutscher Teilung, vergessen dabei jedoch, wie damals jeder seine Beziehungen egoistisch zum eigenen Vorteil zu nutzen wusste.


Arbeitnehmerinteressen werden in der Regel als berechtigte Ansprüche angesehen. Es ist aber ein Unterschied, ob Beschäftigte in einem Konzern unter Kapitalinteressen arbeiten – und das werden immer weniger im Land – oder ob man von Vater Staat bezahlt wird. Letzter unterliegt keinen Profitmechanismen. Dennoch wachsen die Forderungen und Ansprüche gegenüber den öffentlichen Kassen. Man kann beispielsweise den Arbeitskampf der Lokführergewerkschaft GDL betrachten, wie man möchte. Letztlich ist die Deutsche Bahn ein defizitärer Staatsbetrieb, der ohne Zuschüsse vom Bund nicht in der jetzigen Konstruktion existieren könnte. Im Übrigen ist die Tendenz zu beobachten, dass immer mehr junge Menschen in den sicheren Berufshafen des Öffentlichen Dienstes einlaufen möchten, am besten mit möglichst geringer Arbeitszeit und sicherem Verdienst. Der Wunsch ist natürlich ein gutes Recht. Doch wie wird der Trend in anderen Arbeitsbereichen der Gesellschaft gesehen? Häufiger rückt also nicht das Solidarische, das als gesellschaftlicher Kit betrachtet werden kann, in die persönlichen Ambitionen, sondern die ich-bezogene Vorstellung des eigenen Wohlergehens. Nimmt man noch die wachsenden Wünsche nach Glück und Selbstverwirklichung hinzu, erkennt man eher die weitere Expansion von Egoismus als den Trend zu einer toleranten und zusammenrückenden Gesellschaft.

Seite 4, Kompakt Zeitung Nr. 248, 24. Januar 2024