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Arbeit? Ist das was von gestern?

Von Thomas Wischnewski

Die Überlieferungen, die mit Beginn der Industrialisierung und den Folgejahrzehnten bekannt sind, zeichnen ein düsteres Bild von abhängigen Lohnarbeitern, die unter unwürdigen Bedingungen schuften mussten. Die jährliche Arbeitszeit betrug um 1870 ungefähr 3.284 Jahresstunden. Im Jahr 2022 wurden statistisch 1.588,2 Stunden bei Vollzeitstellen ermittelt. Teilzeitbeschäftigte arbeiteten rund 756,4 Stunden im Jahr. Nun beklagen wir Fachkräftemangel, demografische Entwicklung und führen Modellprojekte zur Erprobung einer Vier-Tage-Woche ein.


Dass der Mensch Bequemlichkeiten, Annehmlichkeiten und Erleichterungen liebt, ist eine Binsenweisheit. Doch was wird aus einer Gesellschaft, wenn deren Individuen Wertschöpfungsprozesse aus    persönlichem Anspruch und Selbstverwirklichungsideen heraus unterlaufen? Der Wohlstand, der sich in Sozialleistungen, persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten, Konsum und Freizeitangeboten ausdrückt, baut historisch auf die Arbeitsleistungen der Vorgenerationen. Heute hört man vielfach das Argument, man dürfe sich ein Leben lang nicht für andere krumm machen. Solche Denkweisen sind zutiefst unsolidarisch und lassen den Wohlfahrtsstaat erodieren.


Die Politik der Bundesregierung, mit der vielfach ein Schwinden deutscher Wirtschaftskraft verbunden wird, ist nur die eine Seite, von der aus die Leistungskraft des Gemeinwesens sinkt. Die andere Kraft wird durch die Vorstellungskraft genährt, wir könnten mit weniger Arbeit mehr erzeugen bzw. die Produktivkraft, bei der Arbeitszeit ein wichtiger Faktor ist, würde ins endlose steigerbar sein. So eine Argumentation ist von derselben Sorte, wie man vom permanenten Wirtschaftswachstum träumen könnte, ohne an einen wachsenden Ressourcenverbrauch denken zu können. Und dass Menschen durch kürzere Arbeitszeiten genügsamer würden, kann als ein schönes Märchen angesehen werden. Sie würden dadurch auch weniger produzieren, stimmt deshalb nicht, weil Produkte und Dienstleistungen dann nur an einem anderen Ort erzeugt werden. Nur der Anteil an Solidarleistungen – Krankenkassen, Arbeitslosenversicherung, Unterstützungsgelder und Renten – sinkt eben hierzulande.


Mit der Industrialisierung und einer fortschreitenden Differenzierung der Arbeitsteilung ist der Entfremdungsprozess, unter dem die eigene Wertschöpfung als Nutzen für andere erkannt werden kann, zurückgedrängt worden. Arbeit ist eben nicht nur Gelderwerb für das eigene Leben, sondern ein gesellschaftlicher Faktor, auf dem Sozial- und Wohlfahrtsstaat existieren. Ein Software-Entwickler aus Wolfsburg beschrieb die Situation kürzlich so: Man arbeite bei VW 35 Stunden die Woche und glaubt tatsächlich daran, dass man den 42 Stunden Wochenarbeitszeit chinesischer Entwickler etwas Gleichwertiges entgegensetzen könnte. Pro Monat sind das 30 Stunden Differenz. Die Realität holt die VW-Leute längst ein. Denn der Qualitätsmaßstab, nach dem dort Fahrzeuge entwickelt werden, wird an chinesischen Mo-dellen gemessen.


Eine weitere Entwicklung wird oft nur einseitig erklärt. Die psychischen Beeinträchtigungen sind weiter auf dem Vormarsch. Die Erklärungen, warum Arbeit als Belastung empfunden wird, projiziert man ausschließlich auf angeblich zunehmenden Stress und Arbeitsbelastungen. Die innere Welt des Menschen, warum er mit den äußeren Bedingungen in Konflikt gerät, wird zumindest in der öffentlichen Debatte unterbelichtet. Innerhalb der Persönlichkeitsentwicklung muss unser Hirn Belastungen lernen und damit das Stresssystem trainieren. Indes fahren wir Leistungsanforderungen zurück und überlassen das Individuum dem Rückzugsraum Virtualität, in dem man sich gern Bestätigung für das eigene Leidempfinden sucht und auch findet. Das fördert die Einstellung, dass die äußeren Bedingungen stets das größere Problem sind, die innere Bewertungswelt jedoch unberücksichtigt bleibt. Deutschland schafft sich quasi von mehreren Seiten ab. Und das hat überhaupt nichts mit Asylpolitik zu tun. Wir träumen von Wohlstandserhalt und wollen dafür immer weniger leisten.

Seite 23, Kompakt Zeitung Nr. 249

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