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(Ohn)Macht der Worte

Thomas Wischnewski

Die Sprache ist Grundlage des Menschseins. Doch das Online-Zeitalter bringt mehr Schattenseiten der Sprachverbreitung hervor.

„Worte, Worte, nichts als Worte.“
William Shakespeare (1564 – 1616) in „Troilus und Cressida“ (Troilus and Cressida), um 1601, Erstdruck 1610

 

„An den Worten sollt ihr sie erkennen“ – dieser Ausspruch wird gern genutzt, er ist jedoch eine Abwandlung einer Bibelzeile „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!“ (1. Johannes 2,1-6). Die Sprache ist Kern unserer Kommunikation und unseres Verstehens. Und wir nehmen sie als einziges Instrument des geistigen Austausches hyperwichtig. Tatsächlich sind Worte jedoch nur eine symbolische Repräsentation von Wirklichkeit. Erstens sind sie nie die Sache selbst, auf die sie sich beziehen, ihr verwendeter Zeichencode ist zudem nur Abstraktion und Worte benötigen ein ganzes Begriffssystem, um überhaupt verstanden werden zu können. Das heißt, kein Wort erklärt sich selbst, sondern muss aus mehreren Bedeutungen heraus verstanden werden.


Im Netzwerkzeitalter werden wir inzwischen mit Worten überflutet. Ein russischer Sprachwissenschaftler hat versucht zu schätzen, wie viele Autoren auf der Welt Texte veröffentlichen. Im Zeitraum von 3.000 v. Chr. bis 1990 – inklusive aller Wissenschaftler, Schriftsteller, Journalisten, religiösen Autoren – kommt er auf die Zahl 300 Millionen. Seit 1990 bis 2022 schätzt er die Anzahl der Akteure, die Sätze in die Welt senden – über alle gedruckten und digitalen Medien hinweg – auf fünf Milliarden. Wir können also eine Menge an Sprachveröffentlichungen erzeugen, die von einzelnen oder selbst von Gruppen nicht mehr überblickbar sind. Und es darf die Behauptung gewagt werden, dass die Welt und das Geschehen in ihr, auch wenn sie mit noch so vielen Worten benannt wird, weder wahrer noch erkennbarer ist. Das liegt sicher allein daran, dass wir den Code unserer Sprach aus Zeichen und Worten bilden bzw. selbst das Verstehen, dass sich daraus erzeugt, Grenzen hat.

 

Wenige Zeichen und Vokabeln

 

Das deutsche Alphabet besteht aus 26 Grundbuchstaben, drei Umlauten (ä, ö, ü) und einer Ligatur (ß). Den daraus gebildeten und bekannten Wortschatz unserer Sprache schätzt man auf etwa neun Millionen Worte, inklusive Eigennamen und zusammengesetzten Substantiven. Diesen Sprachumfang beherrscht niemand. Im Gegenteil, wir können nur auf einen sehr begrenzten aktiven Wortschatz (Worte, die aus dem Gedächtnis sofort abrufbar sind) zurückgreifen. Ein normaler Erwachsener soll zwischen 30.000 und 35.000 Vokabeln nutzen. Menschen, die beruflich mit Sprache zu tun haben, sollen im Schnitt über einen aktiven Wortschatz von bis zu 45.000 Vokabeln verfügen. Nun lässt sich aus diesen vielen Worten eine riesige Satz-Kombination bilden. Dennoch bleibt das Ganze ein Surrogat des Geistes, eine Benennungsmöglichkeit.


Der französische Philosoph Michel Foucault (1926-1984) hat die der Sprache innewohnende Macht formuliert. Sprache ist Macht, sagt man heute. Daraus wird abgeleitet, dass die gesetzten, allgemein verwendeten Begriffe die Konstitution unseres Denkens ausmachen. Daraus entstehen Beurteilungen, Interpretationen und das Verständnis, wie wir die Dinge um uns herum benennen, auch anderen Menschen haften wir ausschließlich die Möglichkeit eines eigenen Verständnisses an.
Der vorstehende, kleine Abriss ist nötig, weil sich jede Gesellschaft in ihrer politischen Steuerung ausschließlich über Sprache realisiert. Juristische Normen können nur in Sätze gegossen werden, politische Positionen oder proklamierte Visionen sind entweder Sprachakte oder geschriebene Schriftsprache. Indes sind wir in eine Phase hineingeschlittert, in der die Beurteilung von Sätzen oder Schlagworten vom jeweiligen Verständnis bzw. dem Urteilsvermögen eines Empfängers aus gemessen wird. Dann wird die Einordnung erneut in die Welt hinausgeschleudert und tausend- oder gar millionenfach weiterverbreitet als Zeichen eines ähnlichen Verständnisses. Was dabei wenig bewusst wird, dass sich weder der Ausgangsausspruch noch eine einzelne Einordnung dazu verändern. Am Ende treten nur Wortschwall gegen Wortschwall an.


Man regt sich also über einen Sprachcode auf, obwohl man am Ausgangspunkt einer Benennung weder beteiligt war, noch kennt man daran beteiligte Persönlichkeiten gar nicht. Redete man in einer analogen Vergangenheit häufig über Nachbarn, Kollegen, Familienmitglieder oder andere flüchtig erlebte Mitmenschen, lässt man sich heute mehrheitlich in Medienplattformen über Sprachveröffentlichungen völlig Unbekannter aus. Hier zeigt die Macht der Sprache – bzw. im Verstehen einzelner – ihren Wandel in die Ohnmacht gegenüber Massenveröffentlichungen. Es fällt uns schwer dies einzugestehen. Dies würde ein Bekenntnis für Hilflosigkeit sein und dass uns das Weltverständnis entgleitet. Das könnte wiederum fatale Folgen für die psychische Stabilität einer Persönlichkeit haben. Aber sehen wir die Hinweise darauf nicht längst? Die permanente Zunahme psychischer Beeinträchtigungen könne ein Beleg dafür sein. Die sichtbare Polarisierung als Prozess für die Stabilisierung des Selbstverständnisses oder das Fliehen aus diesem drückenden Nebel an Massenentäußerungen in private, psychische Nischen könnten als weitere Indizien für diese Ohnmacht gelten.

 

Sprach-Ohnmacht in der Politik

 

Selbst in den Sphären der Politik müsste man das Eingeständnis formulieren, dass man gegenüber dem Internet, das sich auf seiner destruktiven Entwicklungsseite wie die Büchse der Pandora öffnet, und Inhalte zum Vorschein kommen, die zunächst unbeherrschbar erscheinen. Doch wie beim Einzelnen zeigt der politische Raum – insbesondere der auf Bundesebene – dieselben Mechanismen von Selbstvergewisserung. Was nicht ins eigene Verständnis passt, wird zunehmend mit Ächtung überschüttet. Dies ist jedoch kein Lösungsweg, sondern nur Mittel zur Verstärkung eines weiteren Driftens in der Gesellschaft. Das Gruppeninteresse, das sich in einer politischen Partei ausdrücken soll, ist ebenso ohnmächtig gegenüber einer riesigen Kritikeranzahl, die heute sichtbar wird. „Diejenigen, die den Staat verhöhnen, müssen es mit einem starken Staat zu tun bekommen.“ Das war kürzlich die Ansage von Innenministerin Faeser in Gegenwart von BKA-Präsident Holger Münch und Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang bei der Vorstellung eines Maßnahmekatalogs zum „Demokratieschutz“ und für die Zerschlagung „rechtsextremer Netzwerke“.


Das Wort Schutz ist in der Regel positiv besetzt. Man kennt das in der Verbindung mit dem Wort Klima-, Minderheiten- oder Schutz der Menschenrechte u.v.a.m. Leider haben sich die Nazis das Wort ebenfalls zunutze gemacht, z. B. im Wort Schutzhaft, unter deren rechtlicher Bestimmung Willkür gegenüber Andersdenkenden möglich war. Was die gesellschaftliche Entwicklung heute sichtbar macht, ist, dass Begriffen Begriffe entgegengehalten werden und das unter den Bedingungen einer digitalen Massenverwortung. Da die Politik offenbar keine Antwort gegenüber dieser Entwicklung findet, als einzig mit bekannten Reaktionen einer Einordnung und Etikettierung zu arbeiten, kann sie letztlich keine Lösung finden, sondern ist Teil des Problems.


Das System Sprache, wie es uns mit Blick auf seine Historie begegnet, ist noch einigermaßen leicht zu verstehen. Doch das Phänomen seiner explosionsartigen Verbreitung und dass derart viele Menschen diese Informationsflut zu beherrschen glauben, ist wohl bisher noch nicht ausreichend untersucht. Wir können eben nicht mehr auf einzelne Sprechakte bzw. Veröffentlichungen abstellen, sondern müssen uns diese Kommunikations-Ohnmacht eingestehen. Und hier kommen wir wieder auf den kleinen theoretischen Exkurs am Anfang zurück. Die Abstraktion in Begriffen, allein der unbestimmte Code eines Wortes eröffnet derart viel Interpretationsspielraum und Deutungsplastizität, dass dieses innere Wesen von Sprache mit der weitweiten hyperinflationären entäußerten Erscheinung nicht mehr einfach zusammengedacht werden kann. Sprache ist nur einerseits die Macht unseres gegenseitigen Verstehens, aber gleichzeitig führt sie in eine Art gesellschaftliche Ohnmacht übereinander. Wer glaubt, einzig mit Sprache diesem Massenphänomen begegnen zu können, ignoriert allerdings diese eigene Ohnmacht. Die möglichen rechtlichen und politischen Einengungen, die wir gerade erleben, verdeutlichen die Hilflosigkeit gegenüber Individuum und Massenkommunikation.

Seite 4, Kompakt Zeitung Nr. 250, 21. Februar 2024

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