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Ich spreche Deutsch:
Mit Akzent oder akzentfrei?

Dieter Mengwasser - Dipl.-Dolmetscher und -Übersetzer

Sicherlich haben Sie auch schon einmal die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY… Ungelöst“ gesehen. Es geht um tatsächliche Kriminalfälle, bei denen die Polizei um die Mithilfe von Fernsehzuschauern bittet. Überlebende Opfer werden bei den Ermittlungen gefragt, wie die Täter aufgetreten sind, was sie gesagt haben, in welcher Sprache sie gesprochen haben. Und ob bei den Äußerungen, die durch die Täter meist in Form von Befehlen und Anordnungen gegeben werden, ein Akzent, insbesondere ein fremdländischer oder ausländischer Akzent, wahrzunehmen war.


Akzent. Zum ersten Mal hörte ich dieses Wort in der 5. Klasse unserer Schule, als wir mit dem zu DDR-Zeiten obligatorischen Russischunterricht begannen. Akzent war das Betonungszeichen, das in den Russisch-Schulbüchern auf den betonten Vokal gesetzt wird. In der russischen Sprache spielt dieser Akzent eine ganz wichtige Rolle, denn mit Hilfe der Betonung lassen sich in der mündlichen Rede Wörter leichter voneinander unterscheiden. Im schriftlichen Gebrauch wird auf das Setzen von Betonungszeichen voll verzichtet, denn es wird davon ausgegangen, dass der Leser der Sprache mächtig ist und solche Hilfen überflüssig sind. Für uns als Ausländer jedoch sind sie in der Regel eine sehr gute Unterstützung, zumal die Betonung innerhalb derselben russischen Wörter je nach grammatischem Fall wechseln kann: gorod (= die Stadt, das erste ‚o‘ ist betont), im Plural: goroda (= die Städte, der Laut ‚a‘ am Ende ist betont). ‚Akzent‘ in der Bedeutung ‚Betonung‘ ist aber auch im Deutschen üblich: ‚Der Grünenpolitiker legte in seinen Ausführungen besonderen Akzent auf die Nachhaltigkeit der Maßnahme.‘


Der Akzent als Zeichen der Betonung in Wörtern oder bei Reden hat aber nichts zu tun mit dem Akzent, den wir häufig in der Aussprache von Ausländern bemerken können. Wenn sie sich auf Deutsch äußern, dann sind es Besonderheiten in der Artikulation von Lauten, die auf unser Ohr treffen. Betrachten wir uns doch einmal selbst, wie wir aufgewachsen sind. Die Eltern Deutsche, alle um uns herum Deutsche; der Umgang in Kindergarten, Schule, Radio, Fernsehen – alles in deutscher Sprache. Wir als Kinder ahmen in unserer Aussprache denen nach, die uns umgeben. Unsere Sprechwerkzeuge sind ausgerichtet, ja getrimmt und dann eingeschliffen auf die Laute, die wir ständig von unserer Umgebung empfangen. Und wir bemühen uns, genauso zu sprechen, nicht davon abzuweichen. Dies führt zu einem Automatismus, und wir können selbst gar nicht mehr empfinden, wie wir sprechen, wie wir unsere deutschen Laute bilden. Zu den Sprechwerkzeugen zählen, von außen nach innen gesehen, die Nase mit ihren Hohlräumen (bei Schnupfen sprechen Sie anders!), die Lippen, die Zähne, die Zunge, die Hohlräume im Inneren des Mundes, der Rachen, die Stimmbänder und -ritzen, die Lunge. (Eine Logopädin kann hier bessere Auskünfte geben.) Alle diese beim Sprechen beteiligten Körperteile sind, wie schon gesagt, darauf trainiert, Laute in der jahrelang eingeübten Weise hervorzubringen. Nun kommt der Fremdsprachenunterricht in der Schule! Hier sollen wir angehalten werden, Laute einer bisher für uns fremden Sprache zu bilden. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die ersten Englisch-Stunden, als Sie den englischen Laut bilden sollten, der in der Schriftsprache mit ‚th‘ dargestellt wird. Einen solchen Laut gibt es im Deutschen nicht. Auf jeden Fall haben Sie sich zumindest in der Anfangsphase bemüht, ganz bewusst diesen Laut ‚th‘ zu artikulieren. Es kann natürlich sein, dass Sie auch jetzt noch beim schnellen Englisch-Sprechen unbewusst auf den deutschen Laut ‚s‘ (stimmhaft oder stimmlos) ausweichen.


Oder denken wir an den in der DDR obligatorischen Russischunterricht ab der 5. Klasse. In der russischen Sprache gibt es den Laut ‚ы‘ (in Wörtern wie ‚мы‘, ‚вы‘ usw.), der im Deutschen gar nicht existiert. Ferner gibt es das sogenannte Weichheitszeichen ‚ь‘, das den vorausgehenden Konsonanten in der Aussprache „erweicht“, so dass wir einen leichten Anflug eines ‚j‘ hören können. Auch die Vokale ‚и‘ und ‚е’ nach einem Konsonant erfüllen die Funktion einer Erweichung. Ein Russe wird also den Namen ‚Putin’ einen ganz kleinen Deut anders aussprechen als wir Deutsche. Auch wenn Sie ein kleines Kind hören, das auf Russisch nach seiner ‚Mama‘ ruft, dann klingt dies doch etwas anders als bei deutschen Kindern. Älteren Spätaussiedlern aus Russland wird es schwerer fallen, das deutsche Lautsystem akzentfrei beherrschen zu können; zu lange waren ihre Sprechwerkzeuge auf die russische Lautung eingespielt.  


So ergeht es natürlich auch den Ausländern, die als Migranten in unser Land kommen. Sie sind mit dem Lautsystem ihrer für uns fremden Sprache aufgewachsen, ihre Sprechwerkzeuge sind auf diese ihre Laute ausgelegt. Auch nach längerer Eingewöhnungszeit und trotz des deutschsprachigen Umfelds ist es auch bei allen subjektiven Bemühungen schwierig für sie, den für uns auffälligen fremdländischen Akzent zu überwinden. Dabei gilt: Je jünger ein Mensch beim Eintauchen in eine fremdsprachige Atmosphäre ist, umso leichter fällt es ihm, sich die Fähigkeiten zur Artikulation der anfangs neuen Laute anzueignen. Ein typisches Beispiel ist hier die Sängerin Helene Fischer. Sie wurde 1984 in Krasnojarsk geboren und kam im Alter von vier Jahren nach Deutschland. Es ist anzunehmen, dass sie dort, im fernen Sibirien, mit der deutschen Sprache nicht in Berührung kam, und ihre Eltern (Vater Sportlehrer, Mutter Ingenieurin) werden wohl kaum in der Lage gewesen sein, ihr ein solch hohes Maß an Aussprachevermögen anzuerziehen, wie sie es jetzt in ihrer Eigenschaft als Unterhaltungskünstlerin mit der deutschen Sprache bietet. Bei ihr gibt es nicht die Spur eines fremdländischen Akzents.
Ähnliches trifft für viele andere Menschen in unserer Multi-Kulti-Gesellschaft zu. Ist es nicht erstaunlich, wenn Sie im Fernsehen Personen sehen, die von ihrer Hautfarbe, ihrer Haarfarbe oder der Schreibweise ihres Namens her zu Ausländern zu rechnen wären, die jedoch vorzüglich und ohne jeglichen fremden Akzent die deutsche Sprache beherrschen. Kein Wunder, wenn sie durchgehend in einer deutschsprachigen Atmosphäre aufgewachsen sind.


Bleiben wir in Deutschland und bleiben wir bei den Deutschen. Zu Beginn meines Studiums kam ich nach Leipzig, hinein in eine „sächsischsprachige“ Atmosphäre. Die meisten Mitstudenten waren aus Sachsen und sprachen mit einem Akzent, den ich als sächsisch bezeichnen möchte. Dies drückte sich z. B. darin aus, dass es keine deutliche Unterscheidung bei den Lauten gab, die wir mit den Buchstaben ‚d’ und ‚t‘ beschreiben. Bei der Nennung meines Vornamens (‚Dieter‘) schien es nur den einen ‚t‘- (oder ‚d‘-) Laut zu geben. In der Regel sind es häufig kleine Nuancen bei der Aussprache von Vokalen und Konsonanten, die uns Aufschluss darüber geben können, aus welcher Region Deutschlands die betreffende Person herstammt. Die Älteren von uns erinnern sich vielleicht noch an den bayerischen Politiker Franz Josef Strauß (1915 in München geboren, 1988 gestorben). Wenn Sie heute manche führende männliche Politiker der CSU sprechen hören, könnten Sie glauben, Strauß wäre noch am Leben, so sehr ähnelt sich die Aussprache. Eben münchnerisch-bayerisch.


In der Regel bleibt der mit der Kindheit angelernte und erworbene Akzent für das ganze Leben eines Menschen bestehen. In der deutschsprechenden Schweiz, vielleicht auch noch in anderen Regionen Süddeutschlands, ist es offensichtlich üblich, nur den Ach-Laut anstelle des bei uns verwendeten Ach- und Ich-Lauts zu verwenden. Bitte vergleichen Sie die Aussprache: ‚ich, mich, Hecht, möchte, machen, mächtig, hoch, juchzen, richten‘. Wir, hier in den norddeutschen Regionen, sprechen nach den sogenannten hellen Vokalen ‚i‘, ‚e‘, ‚ö‘, ‚ä‘ den in der Schrift mit ‚ch‘ dargestellten Laut als sogenannten Ich-Laut aus, nach den dunklen Vokalen ‚a‘, ‚o‘ und ‚u‘ folgt bei uns der Ach-Laut. In der Schweiz scheint es nur den Ach-Laut zu geben, und dies auch nach den genannten hellen Vokalen: ‚ich, mich, Hecht, fürchterlich‘, ‚Sicht‘ usw. In der Sprachwissenschaft wird von sogenannter progressiver Assimilation gesprochen, wenn der vo-rausgehende Laut die Aussprache des nachfolgenden Lauts beeinflusst. Im Schweizerdeutsch scheint dies offensichtlich keine Anwendung zu finden. Anders im Russischen, wo wir auch die Erscheinung dieser Assimilation vorfinden, aber als regressive, rückbezügliche, Assimilation. Das heißt, dass der nachfolgende Laut die Aussprache des ‚ch‘ (im Russischen Buchstabe ‚x‘) bestimmt: ‚стихотворение‘ (Ach-Laut), ‚стихи‘ (Ich-Laut), ‚хитрый‘ (Ich-Laut), ‚махорка‘ (Ach-Laut). Folgt kein Laut danach, wie z. B. bei ‚их‘, dann gilt der Ach-Laut. So ist erklärbar, wenn junge Sowjetsoldaten bei ihrem Aufenthalt in der DDR ihren mit Hilfe des Wörterbuchs zusammengestellten Satz „Ich möchte machen …“ diesen ‚ch‘-Laut ganz umgekehrt zu unserer Gewohnheit aussprachen. (Versuchen Sie es!) Das nennen wir eben fremdländischen Akzent! Manche bezeichnen es auch als ‚Dialekt‘, aber über Dialekt als Mundart müssen wir uns gesondert unterhalten.

 

 

Buch-Tipp: Die Beiträge von Dieter Mengwasser sind als Buch unter dem Titel „Ich spreche Deutsch! – Sprachbetrachtungen eines Sprachkundigen“ erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

Seite 8, Kompakt Zeitung Nr. 250, 21. Februar 2024

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