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Standpunkt Breiter Weg:
Besserqualifizierte im Osten?

Thomas Wischnewski

Über die Kluft zwischen Ost und West wird viel debattiert. Das Buch des Leipziger Literaturwissenschaftlers Dirk Oschmann „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ wurde zum Bestseller, auch weil er viel argumentativen Gegenwind erzeugte. Nun erhält die Debatte neuen Stoff. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) untersuchte die regionale Verteilung von Niedrigqualifizierten und kommt zum Ergebnis, dass der Westen hierbei besonders schlecht abschneidet. Vor allem im Ruhrgebiet sei der Anteil Niedrigqualifizierter besonders hoch. In der Region Emscher-Lippe beträgt der Anteil der Menschen zwischen 25 und 64 Jahren, deren Abschlüsse nicht für eine Tätigkeit als Fachkraft ausreichen, 26,8 Prozent. In Bochum, Duisburg, Essen und Düsseldorf wurden ebenfalls Werte von über 20 Prozent ermittelt.


Dagegen die Ergebnisse im Osten: Hier liegen die Werte durchweg unter 10 Prozent. Den geringsten Wert für den Anteil an Niedrigqualifizierten erreichte Nordthüringen mit 4,6 Prozent. Gemessen an der deutschen Gesamtbevölkerung beträgt der Anteil von Personen ohne Schulabschluss 3 Prozent. Bei Menschen, die im Ausland geboren wurden, erreicht der Anteil an Niedrigqualifizierten 72 Prozent.


In der Untersuchung wird ebenfalls deutlich, dass der Anteil von Menschen, die nicht als Fachkraft gelten, in Großstädten besonders hoch ist. Gründe für die Unterschiede im West-Ost-Gefälle als auch im Stadt-Land-Gefälle sieht der Ökonom Wido Geis-Thöne vom IW vor allem durch Unterschiede in der Zuwanderung. Hier sticht das Ruhrgebiet besonders heraus. Neben einer hohen Zuwanderung leben dort auch viele Personen, die im Bildungssystem gescheitert sind, sagt Geis-Thöne. Allein in der Region Emscher-Lippe beträgt deren Anteil 6,8 Prozent.


Was drücken diese Ergebnisse außerdem aus? Erstens, dass die bestehenden Bildungsangebote zugewanderte Menschen nicht ausreichend mitnehmen können. Und zweitens, dass Integration nicht so einfach ist und viel mehr Anstrengungen bedarf, als eine solche immer nur politisch einzufordern. Drittens kann geschlussfolgert werden, dass eine hohe Zuwanderung solche Ungleichgewichte befördert und eine Integration zunehmend erschwert.


Einen weiteren Aspekt haben die Leute vom IW untersucht: nämlich die Verteilung von Akademikern. In München beträgt deren Anteil rund 40 und in Berlin 39 Prozent. Auch bei der Hochschulqualifikation sind ein starkes Stadt-Land-Gefälle und ein signifikanter Ost-West-Unterschied zu beobachten. Eigentlich sind solche Gefälle und deren Auswirkungen bei Wahlen bereits seit Jahren bekannt. Verkürzt gesagt, heißt das: Menschen in Großstädten bestimmen über das Leben der Leute auf dem Land. Außerdem: Häufig können niedrigqualifizierte Zugewanderte kein Wahlrecht ausüben. Halten die Trends an, können die Bildungsgefälle größer, die Klüfte bei politischen Bewertungen tiefer werden und der Fachkräftemangel kann sich verschärfen. Und das Ganze vollzieht sich bei sinkender Wirtschaftskraft. Deutsch-lands Perspektive erscheint in vielen Bereichen nicht sehr rosig.

Seite 2, Kompakt Zeitung Nr. 251, 6. März 2024

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