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Digitale Ausgrenzung der Alten

Thomas Wischnewski

Die Onlinewelt ist eine gute Sache. Freier Zugang zu Informationen. Dienstleistungen, Einkaufen, Kommunikation, mit anderen Kontakte pflegen, Musik, Videos, Spaß und Unterhaltung oder virtuell weltweit auf Reisen gehen sowie vieles andere mehr lassen sich via Internet zustandebringen. Bekanntlich gibt es auch eine Menge Schattenseiten: Hacker und Betrüger tummeln sich dort, Falschinformationen, Nachrichtenaufregung finden Verbreitung sowie sogenannte Shitstorms ergießen sich auf Plattformen et cetera.


Gegen die negativen Seiten wird mit immer neuen Sicherheitsstandards, Zertifizierungsverfahren und Aufklärung reagiert. Die sogenannte Generation Z ist organisch mit dieser Onlinewelt aufgewachsen. Vielfach beherrschen junge Menschen den Umgang mit technischen Finessen, erzeugen inzwischen als Influencer eigene Inhalte auf verschiedenen Kanälen und werden so zu Vorbildern ihrer Generation bzw. regen zur Nachahmung an. Die Lebenszeit wächst ins Virtuelle. Laut Post-Studie für das Jahr 2023 verbringen 18- bis 35-Jährige inzwischen rund 93 Stunden pro Woche vor Bildschirmen mit Internetanschluss. Diese Entwicklung verändert allerdings die Lebenswirklichkeit vieler anderer Menschen.


„Laut der Allensbacher Markt- und Werbeträger-Analyse gaben insgesamt rund 67,2 Prozent der befragten Senioren in Deutschland an, das Internet zu nutzen. Demgegenüber sagten rund 32,8 Prozent der Teilnehmer über 60 Jahren aus, kein Internetnutzer zu sein.“ So gibt es das Statistikportal „Statista“ an. Das heißt eben auch, dass rund 30 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe weder online erreicht wird, noch über einen Zugang zu Dienstleistungen und Informationen verfügt, die heute ausschließlich im Internet Verbreitung finden. Vor allem Geldangelegenheiten werden vielfach online erledigt. Überweisungen und Bezahlen läuft inzwischen vorwiegend via Internet. Selbst die gute alte Bankkarte verliert durch’s Smartphone an Bedeutung.


Sichtbar wird der Wandel in der Welt des Geldes auch im Stadtbild. Bankfilialen werden weniger, selbst Bargeldein- oder -auszahlungen müssen am Automaten erledigt werden. Allerdings nimmt auch die Zahl an Geldautomaten ab. Für manche Senioren kann der Zugang zu Bargeld aufgrund von Mobilitätseinschränkungen zu einem Problem werden.


Auf Seniorenseiten im Internet gibt es zwar zahlreiche Hilfs- und Erklärangebote, um die Onlinewelt besser verstehen zu können. Doch wer gar nicht im Internet unterwegs ist, wird mehr und mehr von Unterstützungen abgeschnitten. Selbst  Menschen, die noch gar nicht das Rentenalter erreicht haben, scheitern heute häufiger an der Komplexität von Zertifizierungs- und Aktivierungsverfahren, um online notwendige Dinge zu erledigen. Manche Unternehmen können Menschen ohne Smartphone oder PC-Internetanschluss gar nicht mehr bedienen.


Ein wachsendes Problem ist dabei, dass solche Menschen kaum sichtbar werden bzw. sich Gehör verschaffen. Da Informationsverbreitung vorrangig auf digitalem Weg voranschreitet und dort vorrangig solche Anliegen oder Argumentationen in den Vordergrund gespült werden, wenn sich bestimmte Gruppen mit Aktivismus Gehör verschaffen, werden bestimmte ältere Menschen gar nicht mehr bemerkt.


Generationen im höheren Lebensalter neigen außerdem nicht dazu, sich in den Mittelpunkt zu spielen. Ergo werden ihre Anliegen und Probleme weniger sichtbar. Nun wird in unserer Gesellschaft das Thema Teilhabe, gerechter Zugang zu Leistungen, soziales Miteinander oft genug proklamiert. Offenbar zeigt die Realität oft andere Seiten. Wie sozial ein Staat sei, erkenne man am Umgang mit seinen Alten. Und in diesem Bereich – also einer fortschreitenden Ausgrenzung dieser Generation – lässt das Miteinander offenbar zu wünschen übrig. Wenn nun jemand meint, das Problem würde sich durch die natürliche demografische Entwicklung irgendwann erledigen, wäre das ein zutiefst unsozialer Gedanke.


Grundsätzlich muss man ebenso bedenken, dass rund zwei Drittel der Menschen, die im Internet Inhalte verbreiten unter 40 Jahre alt sind. Die demografisch viel größere Gruppe der über 40-Jährigen stellt dagegen nur rund ein Drittel der online veröffentlichten Inhalte. Das Gewicht von veröffentlichter Meinung durch eine jüngere Minderheit bestimmt die Diskurse und sorgt damit für eine Wahrnehmungsverzerrung von Interessen bzw. Positionen. Solche Phänomene finden in Foren und sogenannten Sozialen Medien kaum statt. Der Riss, der vielfach politisch erklärt wird, verkennt offenbar solche Aspekte von digitaler Ausgrenzung insbesondere der älteren Generationen. Es muss sogar angenommen werden, dass sich digitale Ungleichgewichte durch einen vermehrten KI-Einsatz in den nächsten Jahren sogar noch verschärfen werden.

Seite 18, Kompakt Zeitung Nr. 251, 6. März 2024

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