Suche

Tickethotline 0391 79294310

KM_LOGO_rb_100px

Wissen und Wissenschaft

Prof. Dr. Gerald Wolf

 

Es gibt so viel Wissbares, doch was schon weiß man von all dem? Und was genau? Seitens der Chemie wird pro Tag über weltweit 15.000 neuartige Substanzen berichtet. Pro Tag! Was weiß unsereiner davon? Nichts. Und schon gar nichts über die bisher bekannt gewordenen 204 Millionen organischen und anorganischen Substanzen und die 69 Millionen verschiedenen Eiweiß- und Nukleinsäurestrukturen (CAS Registry Number). Klar, wir sind keine Chemiker, aber die wissen auch nur das, was sie direkt angeht. Ansonsten müssten sie sich pro Minute mit 1.440 neuen chemischen Verbindungen auseinandersetzen!


Anders ist das mit dem Wissen über uns selbst, da weiß ein jeder Bescheid, recht genau sogar. Auch über diejenigen, die uns nahestehen, über unsere Angehörigen, unsere Freunde. Ebenso weiß man eine Menge über all das, was den eigenen Beruf angeht. Und natürlich wissen wir Bescheid über die Politik und die Politiker, wie die uns … – nun ja, besser, man sagt nichts. Genauer besehen, finden sich überall Grenzen. Sogar im Wissen über uns selbst. Wenn es wichtig wird, gibt es zum Glück Menschen, die besser über uns Bescheid wissen als wir selbst. Zum Beispiel unser Arzt. Konkret: Eine Ärztin ist es. Neulich, als es um den Schmerz unter meinem rechten Rippenbogen ging, meinte sie, „versetzte Winde“ könnten es sein. Nach dem Betasten hier und dem Drücken da – auch eine Hernie käme in Frage. Eine „Hernie“? Das Lächeln der Ärztin verriet Unsicherheit.  Oder die Gallenblase, mutmaßte sie. Entweder deren Entzündung oder ein Gallenstein. Eine Röntgen-Untersuchung folgte, darauf eine per Ultraschall und eine MRT-Aufnahme. Am Ende sogar eine Endoskopie des Dickdarmes, wie unangenehm! Doch war allemal nichts zu sehen, selbst bei höchster Auflösung nicht. Aufgelöst hat sich mittlerweile der Schmerz.


Und die Wissenschaft, was kann diese über uns sagen? Sehr viel, vor allem Grundsätzliches. Auf dem Gebiet der Medizin und deren naturwissenschaftliche Grundlagen erscheinen in der Welt pro Jahr etwa 1.700.000 wissenschaftliche Veröffentlichungen. Ernstzunehmende „Papers“ also, nicht etwa das, was man in Zeitungen und Zeitschriften an Empfehlungen medizinischer Art und „Wissen“ findet. Seit Jahren allabendlich kurz vor der Tagesschau zum Beispiel über das Reizdarmpräparat Kijimea.

 

Corona, das Böse schlechthin

 

Jawohl, da war sich alle Welt einig: impfen-impfen-impfen, Mundschutz, Schulschließungen und, so für die Alten in den Pflegeheimen, Isolation. Dazu riefen die Politiker auf, und die ihnen Willfährigen in den Ämtern und Verwaltungen verfügten entsprechende Maßnahmen. Von Ausnahmen abgesehen, waren Wissenschaftler mit von der Partie. Unisono drückte man Andersdenkenden den Leugner-Stempel auf, schimpfte sie Schwurbler, Covidioten, Verschwörungstheoretiker, Rassisten, Rechtsextreme. Oder Nazis gar. Oft genug beschuldigte man sie, ihrer Kritik an den Coronamaßnahmen wegen „Volksverhetzer“ zu sein. Berufsverbote drohten, seitens der Judikative sogar Haftstrafen.


„Querdenker“ wurde zum Schimpfwort, obwohl es doch in einer Demokratie gerade auf solche Leute ankommt. Längsdenker gibt es zuhauf, Leute, die so denken, wie ihnen die Obrigkeit und die von ihr dirigierten Medien zu denken vorgeben. Heimlich mag so mancher Längsdenker anders gedacht haben. Sein Motto aber: „Ich sage nichts!“ Nur einzelne Wissenschaftler meldeten in der Coronazeit Skepsis an, auch manche Ärzte. Ihre Bedenken: Der Corona-mRNA-Impfstoff sei nicht ausreichend geprüft, habe womöglich gar keine Schutzwirkung, eher seien impfstoffbedingte Erkrankungen zu vermelden, ja Todesfälle. Und diese in beängstigendem Ausmaß. Nicht post-Covid also, sondern post-Vac! Selbst der Maskenzwang sei medizinisch bedenklich, allemal in individual- und sozialpsychologischer Hinsicht. Die Politik und ihre Apparate rächten sich fürchterlich. Sie warteten mit Bestrafungen und Entlassungen auf. Allzumal mit entsprechenden Drohungen. Und Medienleute taten das ihre dazu.

 

Die Wissenschaft und „die“ Wissenschaft

 

„Die Wissenschaft ist ein System der Erkenntnisse über die wesentlichen Eigenschaften, kausalen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten der Natur, Technik, Gesellschaft und des Denkens, das in Form von Begriffen, Kategorien, Maßbestimmungen, Gesetzen, Theorien und Hypothesen fixiert wird …“ (Quelle: Wikipedia) Und weiter heißt es da: Wissenschaft ist … ein zusammenhängendes System von Aussagen, Theorien und Verfahrensweisen, das strengen Prüfungen der Geltung unterzogen wurde und mit dem Anspruch objektiver, überpersönlicher Gültigkeit verbunden ist.


Gleich welchen Sachverhalten sich Wissenschaftler widmen, an der Front haben sie es fast immer mit einander widersprechenden Daten und Deutungen zu tun. Da hilft nur eines: der ergebnisoffene Diskurs. Sobald aber eine Person oder eine Institution glaubt, in die Gemengelage solcher Daten oder Erkenntnisse anordnend eingreifen zu dürfen oder gar zu sollen, ist der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit dahin. Ein derart anmaßendes Verhalten leisten sich sehr gern die Chefs, die großen wie die kleinen. Darunter leiden Einzelpersonen, bald kleinere Teams, bald größere oder ganze Institute und Kliniken. Diese Chefs gilt es zurückzupfeifen. Doch wer will, wer kann sich das leisten, wer von den Mitarbeitern? Selbstmörderisch würde es für sie, wenn sich das Gros der Kollegen nach oben hin prostituiert. Denn was passiert mit einem einzelnen Widerständler, dessen Anstellung ausläuft (bei Zeitverträgen, wie sie an Universitäten gang und gäbe sind), und er ihrer Verlängerung bedarf?


Besonders problematisch wird es, wenn sich politische Parteien und ganze Staaten aus Interesse oder Ideologie in die Wissenschaft einmischen. Die von ihnen verfügten Erkenntnisse werden samt ihrer bunt bemalten Windeier gern als solche „der“ Wissenschaft propagiert. So geschehen, als es um die Corona-Pandemie ging. Pharmaproduzenten und die mit ihnen verbundenen Virologen profitierten davon, und die Einflussnahme auf die Bevölkerung reichte bis hin zum Besuchsverbot für Sterbende. Zu denken ist auch an die Klima- und die Energiepolitik und an alternative Energiequellen („Energien“, u. a. von einer Bundeskanzlerin so genannt, die ein Physikstudium absolviert hat!). Zu denken ist an ethnologische Fragen im Zusammenhang mit der Migration, an die Geschlechtlichkeit, die Freigabe von Cannabis, den Einsatz und die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz, an die Bewältigung der Finanz- und der Wirtschaftskrise und an die Wirkungsmechanismen globaler Netzwerke. Im Extremfall kommt es durch „die“ Wissenschaft zu Entgleisungen der doktrinären Art, für die der sowjetische Agrobiologe Lyssenko eines der übelsten Beispiele lieferte. Widerständler wurden – durchaus im wörtlichen Sinne (!) – ans Messer geliefert.

 

Es braucht Diskurse

 

Ohne das Nebeneinander unterschiedlicher Meinungen, Theorien und deren modellhafte Erfassung kommt es in der Wissenschaft zu keinem Erkenntnisfortschritt. Wie atemberaubend entsprechende Diskussionen sein können, erfährt der angehende Wissenschaftler, womöglich Student noch, auf großen Tagungen. Dann, wenn die Primadonnen der jeweiligen Forschungsrichtung ihre Erkenntnisse und Modelle sich gegenseitig um die Ohren hauen. Manche elegant, andere vielleicht weniger wortgewandt, dafür mehr Fakten ausweisend. Kaum jemals werden Widersprüche an Ort und Stelle geklärt. Das alles braucht Zeit. So und nur so reift wissenschaftliche Erkenntnis. In der politischen Praxis fehlt dafür die Zeit, auch dann, wenn die Wissenschaft maßgeblich hereinspielt. Nur was, wenn der Diskurs nicht nur nicht stattfindet, sondern seitens der Politik unterdrückt wird? Nicht nur um die Wissenschaft an sich geht es, ebenso um den Bürger, damit er sich, unabhängig von Tendenzen zum polit-medialen Einheitsbrei, ein Bild vom Stand der Wissenschaft machen kann., ein Bild vom Stand der Wissenschaft machen kann.


In Corona-Zeiten haben das Diskursverbot nicht nur viele Internisten, Infektiologen und Epidemiologen hingenommen, auch Biologen und andere Wissenschaftler. Ist heute nun die Mehrheit der Wissenschaftler bereit, ihre seinerzeitigen Irrtümer einzugestehen, laut und für jedermann deutlich? Nein. Zu peinlich das Ganze! Zumindest fürchtet man um das Wohl seitens der staatlichen und sonstigen Geldgeber. Und viele, viele einzelne – zu Recht – um ihren Sessel.


Schlimmer: Selbst in großen wissenschaftlichen Gesellschaften rührte und rührt sich in puncto Irrtum im Zusammenhang mit den Corona-Maßnahmen nichts. Bis auf Ausnahmen. Und diese wurden seinerzeit von den sich dem öffentlichen Druck unterworfenen Kollegen sogar noch verleumdet! Immer berief man sich dabei auf „die“ Wissenschaft. Der Fernsehmoderator und Autor Peter Hahne wünscht dazu nicht länger lasche Ausreden zu hören, sondern endlich das Klicken von Handschellen.

 

Was tun?

 

Wissenschaft muss gepflegt werden. Geld ist vonnöten, oft viel, vor allem aber Leistungswille. Als Chef wird man versuchen, ihn zu stimulieren, vor allem durch das eigene Vorbild. Mit einer 40-Stunden- oder gar 35-Stunden-Woche kommt man gegen Kollegen, die dafür 50 und 60 Stunden ansetzen, nicht an. Nicht wenige opfern ihre gesamte Freizeit. Zumindest phasenweise. Die Familien leiden darunter. Wer so nicht arbeiten kann oder will, sollte sich besser nach einer anderen Tätigkeit umsehen.


Vor allem ist bei der Jugend auf Leistungsbereitschaft zu setzen. Um Zähigkeit geht es und um üben, üben, üben. Dabei ist Wollen immer besser als Müssen. An die Spitze muss man wollen, wie beim Leistungssport. Wenn sich die weniger leistungsbereiten mit Schmähworten wie „Streber“ oder „Ehrgeizling“ revanchieren, was kümmert’s.


Leider greift heutzutage in den Leistungsbereichen die Erosion um sich. Allzumal in den westlichen Industrienationen ist das so und, besonders ernüchternd, bei uns in Deutschland. Der Leistungsverfall drängt sich mittlerweile in alle schulischen Phasen und Bereiche. So auch ist Deutschland im PISA-Ranking ständig abgerutscht. Besonders beängstigend sind die mangelhaften Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen, denn sie untergraben die Fähigkeit zum artikulierten Denken. Auch hat sich im Vergleich zu anderen europäischen Staaten das naturwissenschaftlich-technische Verständnis der deutschen Schüler verschlechtert. Laut Konrad-Adenauer-Stiftung seien etwa 50 Prozent der deutschen Abiturienten nicht mehr hochschulreif. Sie hätten ernste Schwierigkeiten in Mathematik, Deutsch und sogar in sinnerfassendem Lesen. Liegt das an fehlenden Vorbildern? An Gymnasien früherer Jahre wollte mitunter die halbe Klasse das Fach studieren, das von dem Lehrer vertreten wird, dessen Können und Wissen die Schüler persönlich bewundern. Mit Sorge fragt man sich: Welcher Art sind die Vorbilder von heute?


An den höheren Bildungseinrichtungen früherer Jahre waren es die Nobelpreisträger. Insgesamt 87 Nobelpreise sind an Deutsche gegangen. Die meisten davon entfallen auf den Bereich Chemie mit 30 solchen Auszeichnungen, danach folgt die Kategorie Physik mit 27. 17 Nobelpreise gab es für Deutsche im Bereich Physiologie und Medizin und acht auf dem Gebiet der Literatur. Doch all das ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Vergangenheit. Unter den 100 besten Universitäten der Welt finden sich nur noch acht deutsche (https://www.timeshighereducation.com/world-university-rankings/2023/world-ranking). 


Wer gibt heute an Hochschulen den Ton an? Sind es wirklich die Besten ihres Faches? Treffend hat diese Sorge vor einiger Zeit der Wissenschaftler und Unternehmer Prof. Dr. Knut Löschke zum Ausdruck gebracht: „Ich habe es satt, oder, um es noch klarer auszudrücken: ich habe die Schnauze voll vom permanenten und immer religiöser werdenden Klima-Geschwafel, von Energie-Wende-Phantasien, von Elektroauto-Anbetungen, von Gruselgeschichten über Weltuntergangs-Szenarien von Corona über Feuersbrünste bis Wetterkatastrophen. Ich kann die Leute nicht mehr ertragen, die das täglich in Mikrofone und Kameras schreien oder in Zeitungen drucken. Ich leide darunter, miterleben zu müssen, wie aus der Naturwissenschaft eine Hure der Politik gemacht wird.“ Klar ist, da muss sich etwas ändern. Mit noch mehr Geld? Sicher ist auch das vonnöten. Aber vielleicht mehr noch, diejenigen in Position zu bringen, die es durch Leistung wirklich verdienen. Mit anderen Worten: Nicht Politiker und Funktionäre, die oft fachfremd ausgebildet, heute ganz oben anzutreffen sind!

 

Nr. 254 vom 23. April 2024, Seite 14

Veranstaltungen im mach|werk

Über uns

KOMPAKT MEDIA als Printmedium mit über 30.000 Exemplaren sowie Magazinen, Büchern, Kalendern, Online-Seiten und Social Media. Monatlich erreichen wir mit unseren verbreiteten Inhalten in den zweimal pro Monat erscheinenden Zeitungen sowie mit der Reichweite unserer Internet-Kanäle mehr als 420.000 Nutzer.