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Ein Happening

Von Rudi Bartlitz

Der 1. FC Magdeburg feiert das 50. Jubiläum des Europacupsieges. Der Triumph von Rotterdam war der Auftakt eines deutschen Fußball Sommermärchens 1974.

 

Nach 50 Jahren (damals nur auf einer Lkw-Ladefläche) endlich auf dem Rathaus-Balkon: Jürgen Sparwasser, Siegmund Mewes, Uli Schulze (hintere Reihe von links), Wolfgang Seguin, Klaus Decker, Manfred Zapf (mit Pokal), Hans-Jürgen Hermann, Martin Hoffmann, Jürgen Pommerenke (mittlere Reihe von links), Axel Tyll, Oberbürgermeisterin Simone Borris, Helmut Gaube (vordere Reihe von links).
Foto: Peter Gercke

 

Wenn da nicht die ewigen wie allgegenwärtigen blau-weißen Farben gewesen wären, der abendliche Wandler rund um das Magdeburger Kulturhaus AMO und durch angrenzende Straßen wäre sich an diesem 8. Mai vorgekommen wie bei einem Happening. Gutgelaunte bis freudetrunkene Menschen, egal, wohin der Blick fiel. Egal, ob draußen auf der Weinert-Straße oder drinnen im Saal. Dafür gab es nur einen einzigen Grund: Der 1. FC Magdeburg feierte das 50. Jubiläum seines Europapokal-Sieges von Rotterdam.


Und alle, alle kamen. Der Ministerpräsident ebenso wie die Oberbürgermeisterin. Und als die Helden von 1974 in einem altgedienten blau-weißen Robur-Bus vorfuhren, kannten Jubel und Begeisterung erst recht keine Grenzen mehr. Drinnen lobte Reiner Haseloff, der den elf anwesenden Jubilaren die „Verdienstmedaille des Ministerpräsidenten“ an die Brust heftete, den Sieg von Rotterdam als einen der größten Erfolge in der Magdeburger Sportgeschichte überhaupt. „Es ist ein Erfolg für die Ewigkeit.“ Der CDU-Politiker verband die Würdigung mit dem Wunsch, dies fortzuschreiben und in möglichst nicht allzu ferner Zukunft wieder oben mitzuspielen. „Dieser Empfang war einmalig und unfassbar“, schwärmte Ex-Mittelfeldspieler Axel Tyll. Gefeiert wurde bis tief in die Nacht. Bereits am Nachmittag hatten sich die „74er“ im Rathaus ins Goldene Buch der Stadt eingetragen. Mit 50 Jahren Verspätung allerdings. Warum die angeblich doch so sportbegeisterte SED-Führung das 1974 nicht hinbekommen hatte, blieb auch an diesem Abend weiterhin ein Rätsel.


Es passte ins Bild, dass für einen Großteil der Jubilare die Feierlichkeiten an jenem 8. Mai immer noch nicht abgeschlossen waren. Mit einem Teil des FCM-Traditionsteams reisten sie nach München, zum FC Bayern. Dort wurde ein weiteres 50. Jubiläum begangen, das der Duelle beider Teams im damaligen Europapokal der Landesmeister, bei denen sich die Bajuwaren mit 2:1 und 3:2 durchsetzten. Manche sehen in der Reise wohl auch so etwas wie eine kleine nachträgliche Versöhnung dafür, dass den Magdeburgern 1974 die Partie im europäischen Supercup (in dem die beiden Sieger der Landesmeister- und Pokalsieger-Wettbewerbe aufeinandertrafen) von Partei- und Sportführung unter fadenscheinigen Gründen verweigert worden war.


Eines ist beim Rückblick auf den FCM-Triumph von Rotterdam und seiner vielseitigen Würdigung vielleicht etwas zu kurz gekommen: Der 8. Mai 1974 war der Auftakt eines einmaligen deutschen Fußballsommers. Zwar erfand Deutschland 2006 mit der Fußball-WM sein funkelndes „Sommermärchen“. Rein sportlich gesehen hatte sich das Sommermärchen jedoch schon 1974 ereignet, in einem kühlen, regnerischen Frühsommer, in dem die Nationalelf daheim Weltmeister wurde und deutsche Klubteams (1. FC Magdeburg, Bayern München) zwei Europapokale gewannen. Dass das Team aus Sachsen-Anhalt sogar den Auftakt dafür vollzog, wurde zumindest im Westen kaum beachtet und später fast vollständig vergessen – und ist dennoch bis heute eine äußerst bemerkenswerte Geschichte.


Denn die Welt liebt den Fußballsport bekanntlich für diese Momente, in denen das Unwahrscheinliche gelingt. In denen eine Magie spürbar wird, die niemand erklären kann, und an manchen Orten müssen die Anhänger viele Jahre auf solche Begebenheiten warten, die tief hineinfahren in die Menschen und etwas Bleibendes hinterlassen. Es war ein Sieg des Glaubens – an die eigene Stärke, die überlegene Athletik und die jugendliche Frische eines Teams mit einem Durchschnittsalter von 23 Jahren. An jenem 8. Mai 1974 hat die Mannschaft von Heinz Krügel, der den 1. FCM acht Jahre zuvor als Absteiger übernommen, zum Wiederaufstieg, zu zwei Meistertiteln und zwei Pokalsiegen geführt hatte, das Magdeburger Märchen mit dem einzigen Europapokalsieg in der Geschichte der DDR gekrönt.


Es wurde oft gerätselt, warum das ausgerechnet in einem Land, das bei Olympia sogar den Supermächten USA und UdSSR immer mehr die Stirn bot, so war. Nur ein mickriger internationaler Erfolg. „Das war keine Frage des fußballerischen Formats, sondern des Kopfes und der Wettkampfhärte“, meinte der 2022 verstorbene DDR-Rekordnationalspieler Joachim Streich. Innerhalb der DDR-Oberliga und der einzelnen Mannschaften war das Leistungsgefälle oft relativ groß. Impulse aus dem Ausland gab es nicht, die gängige Delegierungspraxis war eher Bremse als Motor. Streich, der nach der ruhmreichen Spieler-Karriere 1985 gegen seinen Willen Cheftrainer beim 1. FC Magdeburg wurde, brachte es später auf den Punkt: „Wir schmorten im eigenen Saft.“



Über die Ziellinie geschleppt

 

Selbst wenn beim FCM auf historischer Ebene – zu Recht! – kräftig (und ausgiebig) gefeiert wurde, parallel dazu war ein banger Seitenblick auf die aktuelle Situation in der 2. Liga gerade in den letzten Wochen kaum zu übersehen. Verdächtig lange befand sich der Club in gefährlicher Nähe zu jenen Plätzen, bei denen es am Ende geheißen hätte: Ab in die 3. Liga! Zwei Punkte betrug im schlimmsten Fall der Abstand zu Relegationsrang 16. Andererseits, und auch das gehört zur Wahrheit: Auf einem Abstiegs- oder Relegationsplatz befanden sich die Blau-Weißen nie. Meist ordnete man sich irgendwo zwischen Rängen 11 und 13 ein. Aber immer: Blick nach unten. Nun fiel allen, die es mit dem FCM halten, ein tonnenschwerer Stein vom Herzen. Am zurückliegenden Wochenende sicherten sich die Schützlinge von Cheftrainer Christian Titz einen Spieltag vor der Sommerpause den Klassenerhalt. Mit einem müden 0:0-Kick gegen Greuther Fürth.

 

Das reichte. Man schleppte sich halt so über die Ziellinie. Wenn es etwas positiv hervorzuheben gilt, dann ist es die Tatsache, dass der Club nunmehr im dritten Jahr hintereinander in der 2. Liga vertreten ist. Im vergangenen Jahr stand der Verbleib in der zweithöchsten deutschen Klasse bereits vier Spieltage vor Ultimo fest. Damals wurden die Magdeburger Elfter mit am Ende 43 Punkten. Diesmal sind höchstens 41 Zähler möglich. All das unterstreicht: Die von Sportgeschäftsführer Otmar Schork im Herbst ausgerufene Saison-Zielstellung einer „sorgenfreien Weiterentwicklung“ wurde deutlich verfehlt. Schork wird seine Prognose innerlich verfluchen … Es ist sicherlich verfrüht, eine umfängliche und detaillierte Bilanz zu ziehen.

 

Unübersehbar dennoch: Von einer Weiterentwicklung war insgesamt tatsächlich wenig zu spüren. Ein Teil der Akteure trat im Vergleich zum Vorjahr auf der Stelle, andere, die letztlich kein Zweitliga-Niveau aufwiesen, machten sogar einen Schritt rückwärts. Bei der individuellen Qualität landeten bei Rankings, zum Beispiel des Fachorgans „Kicker“, oder Marktwert-Einstufungen nur selten FCM-Spieler auf vorderen Plätzen. Nur magere acht von 30 möglichen Punkten aus den letzten zehn Partien sprechen zudem für sich. Es fehlten am Ende einfach Kraft und Puste. Die fast permanent schlechteren Laufleistungen als die jeweiligen Gegner (im Extrem zwischen acht und zwölf Kilometer!) trugen ebenfalls dazu bei, dass nicht mehr heraussprang.

 

Nr. 255 vom 14. Mai, Seite 39

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