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Wort, Worte, Wörter

Von Dieter Mengwasser,
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

 

Diesen Schlager kennen Sie sicherlich:

 

Die berühmten drei Worte: Ich liebe dich.
Die berühmten drei Worte, mach‘ ich dir zum Geschenk.
Und klingt’s auch etwas pathetisch,
Ich mein‘ es so wie ich’s sag.
Ich glaube da gibt es keine,
Die diese drei Worte nicht mag.
Drum sag‘ ich sie ja auch immer wieder zu dir … usw.

 

Es ist Andy Borg, der dieses Lied singt. Und er singt nicht „… die berühmten drei Wörter …“, sondern eben „die berühmten drei Worte …“. Da muss es doch einen Unterschied geben zwischen ‚Worte‘ und ‚Wörter‘, oder nicht?


Wir halten erstmal ganz nüchtern fest, dass es da ein Wort gibt, das heißt ‚Wort‘, und dazu gibt es zwei Formen des Plurals, auf Deutsch Mehrzahl, nämlich einmal ‚Worte‘ und zum Zweiten ‚Wörter‘. Wann gebraucht man ‚Worte‘ und wann ‚Wörter‘? Der Satz ‚Ich liebe dich‘ besteht aus drei Wörtern, das lässt sich ja ganz einfach zählen. Ein Buch hat Tausende von Wörtern, in Wörterbüchen gibt es Stichwörter, und es soll Menschen geben, die solch ein Gedächtnis haben, dass sie sich lange Reihenfolgen von ungeordnet genannten Wörtern merken können. Zum Einloggen in Ihr Bankkonto, für Ihren Computer oder für Ihr Smartphone haben Sie Passwörter.


Wenn es in unserer Deutschkolumne um Grammatik geht, so um die althergebrachten deutschen Wortarten, dann sprechen wir von Eigenschaftswörtern, Fürwörtern, Dingwörtern, Zahlwörtern, Tätigkeitswörtern, Fremdwörtern usw. Niemand käme auf den Gedanken, hier ‚Eigenschaftsworte‘, ‚Dingworte‘, ‚Fremdworte‘ oder ähnliches zu gebrauchen. Ganz anders sieht es aus bei ‚Dankesworte‘, ‚Grußworte‘, ‚Mahnworte‘, ‚Widerworte‘ usw. Diese Ausdrücke sind feste Größen in unserer Sprache, eigentlich unveränderbar, immer wieder so verwendet. Aber es ist auch denkbar, dass im Fremdsprachenunterricht die Lehrerin die Unterrichtsstunde mit folgender Ankündigung beginnt: „Heute wollen wir die französischen Dankeswörter kennenlernen (merci, remercier, reconnaissant usw.).“


Einen gewissen Ansatz zur Entscheidung, ob wir ‚Worte‘ oder ‚Wörter‘ gebrauchen, finden wir in dem oben angeführten Lied des Sängers Andy Borg. Sehen Sie die Zeile „… und klingt’s auch etwas pathetisch …“. Wenn wir das Wort ‚Worte‘ nehmen, dann schwingt in Sätzen damit doch etwas Pathetisches mit: „Nehmt euch die Worte des Verstorbenen über den Zusammenhalt der Familie zu Herzen.“ – so könnte es auf einer Trauerfeier gesagt werden. „Der Präsident wird zu Beginn unserer Veranstaltung einige Grußworte sprechen.“ „Leider spielen die Worte der Bibel nicht mehr die Rolle wie früher.“ „Auf der Zusammenkunft der Politiker wurden viele Worte gemacht.“ „Es fehlen mir die Worte, um die Schönheit dieser Landschaft zu beschreiben.“ Oder jemand soll Rechenschaft ablegen, aber ihm wird das Wort abgeschnitten: „Spar dir deine Worte!“. „Seinen Worten kann man keinen Glauben schenken.“ Der Begriff ‚Worte‘ wird in der Bedeutung von ‚Rede‘, ‚Erklärungen‘, ‚Aussprüche‘, ‚Zitate‘ verwendet. Entscheidend ist die Bedeutung des Gesagten, der Sinn, nicht die Wahl der Wörter. ‚Worte‘ ist abstrakt, der Begriff soll die Bedeutung einer Aussage beschreiben. ‚Wörter‘ hingegen ist konkret, im Vordergrund stehen der Ausdruck, die Art und Weise der Benennung einer Sache, der Name, die Bezeichnung, die Aneinanderreihung der Laute und Buchstaben für eine Sache, für eine Angelegenheit, für ein Objekt.


Ein Wort im Singular, aber im Plural gibt es für dieses eine Wort zwei verschiedene Wörter! Das ist das Thema, das wir hier darzustellen versuchen. Nehmen wir unseren Fuchs Reinecke. Er baut sich einen Fuchsbau, und in dem werden von dem Fuchsweibchen, der Fähe, die Fuchswelpen geboren. Füchse haben dementsprechend ihre Baue. Die Maurer – mehr und mehr in Deutschland durch ausländische Fachkräfte ersetzt – arbeiten auf einem Bau. Wenn sie fertig mit ihrer Arbeit sind, dann haben sie einen langgestreckten oder flachen oder mehrgeschossigen Bau errichtet. Die Stadtverwaltung von Quedlinburg hat viel zu tun, um die historischen Bauten ordentlich zu erhalten.


‚der Bau‘ – Einzahl. ‚die Baue‘ – Mehrzahl, gemeint sind die Höhlen und Unterschlüpfe von Tieren. ‚die Bauten‘ – Mehrzahl, gemeint sind die von Menschen gebauten Gebäude und Häuser.


Johannes Gutenberg erfand um 1450 den Buchdruck, indem er sogenannte Lettern, also kleine schmale Stempel aus Metall mit den Schriftzeichen in Spiegelschrift, auswechselbar und in Schienen einsetzbar machte. Damit gelang es ihm, in relativ kurzer Zeit mehrere Drucke eines Buches herzustellen. ‚der Druck‘ – Einzahl. ‚die Drucke‘ – Mehrzahl, gemeint sind gedruckte Exemplare eines Schriftstücks. ‚die Drücke‘ – Mehrzahl, gemeint sind die auf einen Körper oder ein Objekt einwirkenden Kräfte.


„Lass das Ding liegen!“, „Also, ich fasse die Dinger niemals mehr an!“, „Es scheint, als ließe der Bundeskanzler die Dinge ganz einfach so laufen.“ ‚Dinger‘ – Mehrzahl, aber wohl etwas salopp, jedenfalls nicht ganz für den offiziellen Sprachgebrauch zu gebrauchen. Aber klar ist: ‚Ding‘ ebenfalls mit zwei Formen des Plural.


Schwieriger könnte es noch werden, wenn unsere ausländischen Mitbürger mit Substantiven konfrontiert werden, die gleich gesprochen und geschrieben werden, aber unterschiedliche Artikel (Artikel = ehemals ‚Geschlechtswort‘ genannt) haben. Nehmen wir ‚das Band‘ (sächlicher Artikel): Plural ‚die Bänder‘, aber auch ‚die Bande‘ als verbindende Elemente (typischstes Beispiel: ‚Familienbande‘). Dann gibt es ‚der Band‘, z. B. ‚dieser Band der Brockhaus-Enzyklopädie‘. Die Mehrzahl heißt ‚Bände‘. Oder schauen wir auf ‚Leiter‘: ‚Er ist der Leiter dieser Privatschule.‘ In der Mehrzahl heißt es ‚die Leiter‘ (‚Es handelt sich um das Treffen aller Leiter von Privatschulen.‘) Wenn Sie aber zu Hause eine neue Glühbirne in die Lampe eindrehen müssen, dann müssen Sie vielleicht wegen der Zimmerhöhe eine Leiter (femininer Artikel: die Leiter) anstellen. Im Baumarkt gibt es eine große Auswahl von Leitern (achten Sie auf das ‚n‘ am Ende!).

 

Niemals dürfen wir unsere Mütter vergessen. Es ist immer eine Mutter, die uns geboren hat. Wenn Sie sich aber ein neues Fahrrad kaufen, dann achten Sie bitte vor der ersten Fahrt darauf, dass alle Muttern festgezogen sind.


Ach ja, heute geht es nur noch um das liebe Geld. Wenn Sie keine Bank haben, dann ist es schlecht um Sie bestellt. Banken gibt es viele. In Wien, der Hauptstadt Österreichs, sind in den öffentlichen Parks viel mehr Bänke als bei uns aufgestellt. Bleiben Sie gesund, liebe Leserinnen und Leser, achten Sie bei Ihrem Essen auf die Gehalte an wertvollen Inhaltsstoffen, auch wenn die Gehälter Ihrer Familienangehörigen doch nicht so üppig sind (der Gehalt = die Stoffe im Inneren; das Gehalt = das Geld, das Sie regelmäßig monatlich als Angestellter oder Beamter bekommen).

 

Buch-Tipp: Die Beiträge von Dieter Mengwasser sind als Buch unter dem Titel „Ich spreche Deutsch! – Sprachbetrachtungen eines Sprachkundigen“ erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

 

Nr. 255 vom 14. Mai 2024, Seite 42

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