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Der Krieg und der Abscheu

Jonas-Philipp Dallmann

Jan Philipp Reemtsmas Magdeburger Rede für den Frieden sieht in der Zerstörung der Stadt 1631 einen Wendepunkt im Umgang mit kriegerischer Gewalt.

 

Pieter Meulener, flämischer Maler: „Die Belagerung von Magdeburg“ (1631), um 1650; Nationalmuseum Stockholm. Foto: Erik Cornelius

 

Bittet man einen Intellektuellen vom Rang Jan Philipp Reemtsmas um eine Rede zum Thema Frieden, wie Norbert Pohlmann vom Forum Gestaltung es gewagt hat, sind wohlfeile Appelle und naiver Pazifismus nicht zu erwarten. Der ehemalige Leiter des von ihm gegründeten Hamburger Institutes für Sozialforschung (HIS), das nach seinem Willen 2028 schließen wird, machte es seinem Publikum in der Magdeburger Johanniskirche am 10. Mai denn auch nicht ganz leicht. Er spannte die Bögen weit, zeichnete weitläufige historische Diskurse nach und wagte erst ganz zum Schluss seiner Rede unter dem Titel „Magdeburg oder der Abscheu“ einen Blick auf die Kriege und Konflikte der Gegenwart.


Dass Magdeburg 1631 im Dreißigjährigen Krieg durch die Truppen der katholischen Feldherrn Tilly und Pappenheim zerstört, ja verwüstet wurde, weiß man wohl noch aus der Schule, Stichwort: Magdeburger Hochzeit. Was man jedoch kaum weiß und was Reemtsma mit wissenschaftlicher Akribie nachzeichnete, ist, wie das Fanal dieser Zerstörung, der Exzess an Gewalt, schon die Zeitgenossen verstörte und einen Prozess des Umdenkens anstieß, den Reemtsma Legitimationsdiskurs nennt. Im Kern besteht er darin, dass kriegerische Gewalt von nun an zunehmend der Rechtfertigung bedarf, der Legitimierung – ein europäischer Sonderweg. Dieser Prozess, angestoßen auch durch den Westfälischen Frieden 1648, der den Dreißigjährigen Krieg beendet, umfasst historisch Phänomene wie die Kabinettskriege in der Zeit des Absolutismus und führt im Ergebnis zur Abschaffung der Folter, zum Beginn des modernen Kriegs- und Völkerrechts, zum Gewaltmonopol des Staates und nicht zuletzt zu der klaren Unterscheidung zwischen Zivilisten und Soldaten, wie wir sie heute kennen. Gerade die Magdeburger Exzesse an Gewalt, die hundertfachen Vergewaltigungen, Morde und Plünderungen also waren es, die nach Reemtsma in Europa zu einer freiwilligen Selbstbegrenzung der Gewalt führten: „Zivilisation ist Selbstbindung“, so der Wissenschaftler. Dass der Initiator der legendären Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ (1995) den deutschen Überfall auf die Sowjetunion, also den ausdrücklich angeordneten Vernichtungskrieg, als Rückfall hinter diese selbst gesetzte zivilisatorische Grenze ansprechen würde, war zu erwarten. Wie aber würde sein Urteil ausfallen in Bezug auf die aktuellen Kriege in der Ukraine, im Gazastreifen? Reemtsma charakterisierte Putins Angriff auf die Ukraine relativ knapp als „konventionellen Krieg“, freilich geführt mit hochmodernen Waffen. In Bezug auf Israel war er sichtlich bemüht um präzise Benennungen und bezeichnete die Angriffe der Hamas als „Guerillakrieg“, also als „kleinen Krieg“, nicht eingebunden in den „Regelrahmen des großen Krieges“. Aus diesem „irregulären Kampf“ und aus „asymmetrischen Kriegen“ allgemein erwachse ein „drastisches moralisches Gefälle, je nach Standort.“ Nachdrücklich stellte Reemtsma heraus, dass die Hamas die erste Guerilla gewesen sei, die mit ihren Gräueln offen geworben habe und dass die danach einsetzenden Sympathiebekundungen – vor Israels Gegenschlag – ein „Bekenntnis zur Liquidierung des Fortschritts“ gewesen seien. Wer an dieser Stelle erwartet hatte, auch ein Wort über mögliche Völkerrechtsverletzungen Israels in Gaza zu hören, wurde enttäuscht: Reemtsma klammerte das Thema weitgehend aus. Den Bogen noch einmal zurück nach Magdeburg spannend, beschwor er vielmehr den zivilisatorischen Abscheu vor Exzessen der Gewalt allgemein: „Dieser Abscheu gehört zum Kostbarsten, was wir haben. Verlieren wir ihn, verlieren wir alles.“


Das Magdeburger Publikum, in der Johanniskirche nicht allzu zahlreich vertreten, applaudierte interessiert, aber nicht frenetisch. Vor den Toren der Kirche dann hörte man, für eine Rede über den Frieden sei in ihr recht viel vom Kriege die Rede gewesen und relativ wenig vom Frieden. Umso dankbarer war man, diesen draußen unverändert in Gestalt eines warmen Frühlingsabends vorzufinden.


Wer die von Reemtsma gebotenen Impulse weiterdenkt, wird Frieden weder für selbstverständlich noch für Zufall halten. Er wird in Erwägung ziehen, dass und wie Gewalt durch Verträge und Vereinbarungen immer weiter delegitimiert wurde, um den „Krieg aller gegen alle“ (Thomas Hobbes) zumindest zu begrenzen, vielleicht gar zu beenden. Wie genau aber ein „Ewiger Frieden“ beschaffen wäre, der auch der Verlockung widerstünde, Verträge wieder zu brechen, also zurück in die Barbarei zu fallen, darüber wäre im Kant-Jahr 2024 vielleicht noch ein anderer Denker, einer aus Königsberg, zu befragen


Der Autor ist vom April bis September 2024 Stadtschreiber in Magdeburg.

 

Nr. 256 vom 28. Mai 2024, Seite 4

Veranstaltungen im mach|werk

Und dann geschah das, wie er einmal in einem Interview erzählt hat: „Ich hatte einem Stoffhund ein Loch in den Hintern gebohrt und ihm das Neue Deutschland in den Hintern geschoben und wieder herausgezogen. Bei der Vorstellung habe ich dann ins Publikum gesagt: ‚Sehnse, nicht mal der Pfeffi kann das verdauen‘.“ Das bedeutete 10 Jahre Knast, von denen er „nur“ neun Monate absitzen musste. Es blieben vier Jahre zur Bewährung. Und auch das nahm er der DDR nicht krumm. Er erklärte sich nicht zum Widerstandskämpfer, er steckte das weg, weil es dazu gehörte. Und als er wieder draußen war, machte er weiter, erst als Dreher und ab ‘63 auch wieder mit der Schauspielausbildung.


1964 holte ihn Helene Weigel an das Berliner Ensemble und nach ein paar Stationen in Erfurt und Karl-Marx-Stadt, wo er auch als Regisseur arbeitete, landete er 1975 als Schauspieldirektor in Magdeburg. 1980 schließlich fand er den Weg nach Halle zum Landestheater dort und ein Jahr später zum „neuen theater“. Und dort begann er die Kulturinsel aufzubauen. Das konnte nur einer wie er schaffen, einer, der ein Nein nicht akzeptierte, der notfalls selber Hand mit anlegte, der sich mit allen überwarf, die diesen Weg nicht bedingungslos mitgehen wollten. Heute nennt man das toxisch und vielleicht ist es das auch, aber ohne ihn hätte es keine Kulturinsel gegeben. Wenn man heute dort hingeht, dann, jedenfalls geht es mir so, staune ich über das, was entstanden ist. Mitten in der Stadt, nicht weit vom Marktplatz, ist ein Traumort für Theaterfreunde entstanden. Gerne trinke ich im Theatercafé einen Kaffee oder esse etwas, denn es ist dem Publikum, den Menschen zugewandt. Kein Tempel für die Kunst, sondern eine Möglichkeit für alle. Preise hat Sodann dafür bekommen und die Ehrenbürgerschaft der Stadt, aber die Stadtoberen haben ihm nicht den Wunsch erfüllt, dort nach 25 Jahren mit siebzig Jahren auszuscheiden. Sie schickten ihn schon vorher in die Wüste. Jedenfalls empfand er es so, als er 2005 schon gehen musste, ein Jahr vor der Zeit, und formulierte es auch laut und enttäuscht. Aber da war ja noch der Kommissar Ehrlicher, den er zwischen 1992 und 2007 gespielt hatte und der ihm so viel Ruhm beschert hatte, dass er auch über Halle und die DDR hinaus eine Berühmtheit geworden war.


Die Linke machte ihn 2009 zum Bundespräsidentenkandidaten und er holte immerhin zwei Stimmen mehr als sie Delegierte hatten. Ein kleiner Triumph, aber auch da war er wieder zu laut gewesen. Eine echte Demokratie sei dieses Deutschland nicht, hatte er gesagt. Und dann mit Norbert Blüm Kabarett gespielt. Er konnte sich immer noch und immer wieder aufregen, aber er setzte sich auch ein. Und er spielte in Filmen und im Fernsehen immer wieder große und kleine Rollen. Und dann sammelte er eben auch Bücher, die zwischen 1945 und 1989 in der DDR gedruckt worden waren. Drei bis vier Millionen waren es zuletzt. Davon eine Million in Staucha, wo er lebte. Zuletzt lebte er wieder in seinem Halle, mit dem er sich überworfen und wieder versöhnt hatte. Ein großer, kleiner, lauter Mann, der stets bestreitbar blieb und viel erreicht hat. Er wird fehlen.

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