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Denken an Schmeling

Von Rudi Bartlitz

Von unten nach ganz weit oben – SES-Boxschwergewichtler Agit Kabayel erkämpft sich Recht auf einen WM-Kampf.

 

SES-Schwergewichtler Agit Kabayel mit seinem Trainer Sükrü Aksu.
Foto: Moritz Müller

 

Die Weltmeisterschaft im Schwergewicht gilt hierzulande immer noch als das Nonplusultra des Profiboxens. Sie steht über allem, seit 1930 der legendäre Max Schmeling in New York gegen den US-Amerikaner Jack Sharkey erstmals diesen Titel holte und sich bis 1932 Weltmeister aller Klassen nennen durfte. Etwas, was seither in Deutschland niemandem mehr gelang. Und schon knapp 28 Jahre sind inzwischen ins Land gegangen, seit letztmals ein Deutscher überhaupt um eben diese Weltmeisterschaft im Ring gestanden hat.


Der noch heute von den Fans des Faustkampfs landauf, landab verehrte Axel Schulz war es, der am 22. Juni 1996 in Dortmund gegen den US-Amerikaner Michael Moorer in den Ring stieg, um es Schmeling nachzumachen. Am Ende gelang es dem Mann, der einst bei Gaselan Fürstenwalde erstmals die ledernen Handschuhe schnürte, auch im dritten Anlauf nicht, sich die WM-Krone aufzusetzen. Zuvor war er bereits an Evander Holyfield (USA) und den Südafrikaner Francois Botha gescheitert.


Nun schickt sich ein Junge aus dem Ruhrpott an, denselben Weg zu gehen. In den Farben des Magdeburger SES-Teams, für das er bisher zwölf Mal durch die Seile stieg. Natürlich will er nicht gleich in die Fußstapfen eines Schmeling steigen – in die eines Schulz aber allemal. Sein Name: Agit Kabayel. Das bisherige Meisterstück lieferte der 31-Jährige am Pfingst-Wochenende im saudi-arabischen Riad ab, als er in einem Ausscheidungskampf, einem sogenannten Eliminator, des Weltverbandes WBC den Kubaner Frank Sanchez spektakulär in der 7. Runde durch K.o. bezwang. Kabayel besitzt jetzt das Recht, den uneingeschränkten Champion aller großen vier Verbände, den Ukrainer Oleksandr Usyk, um den WBC-Gürtel herauszufordern.


„Der Leberkönig ist zurück!“, jubelte Kabayel im Siegerinterview und grinste – seine Schläge gegen den Körper sind gefürchtet. Mit zwei Leberhaken beförderte er Sanchez zu Boden, beim zweiten Mal brach der Ringrichter den Kampf ab – technischer K.o. Der beste Gegner in Kabayels bisheriger Karriere: geschlagen, wie alle anderen vor ihm auch. Die beiden bunt glitzernden Phantasie-Hüftriemen – kaum einer kannte bisher weder den Gürtel für den WBC Continental Americas als auch den WBO NABO-Titel –, die der Weltverband in seiner unermesslichen Titelwut ihm in Riad zusätzlich über die Schultern wuchtete, interessieren Kabayel wahrscheinlich nicht die Bohne. Er strebt nach Höherem. Jetzt hat er sie, jene historische Chance, von der er eigentlich schon seit 2017 spricht: Weltmeister werden. Er will in Deutschland für Box-Euphorie sorgen.


Die Geschichte des Agit Kabayel ist eine Geschichte von unbändigem Willen. Vom Nicht-Aufgeben und vom Unterschätzt-Werden. Eine Geschichte, gespickt von sportlichen Überraschungen. „Ich habe wahrscheinlich die Welt geschockt. Neun von zehn Leuten hätten vorhergesagt, dass ich niemals gewinnen werde”, sagte Kabayel erst im vergangenen Dezember im Ring-Interview nach seinem bis dato größten Kampf. Er hatte gerade einen der am heißesten gehandelten Newcomer des Business buchstäblich erledigt – der russische „K.o.-Riese“ Arslanbek Makhmudov war schlicht überfordert mit ihm. Technischer K.o. in Runde 4, kurzer Prozess.


Es ist nicht gerade so, als hätte sich diese Laufbahn früh angedeutet. Mit dem Boxen begann er eigentlich nur, um sein Übergewicht loszuwerden. Er startete direkt als Profi-Boxer, Amateurkämpfe ließ er aus. An seiner Seite ist seitdem Trainer-Fuchs Sükrü Aksu. Gemeinsam sorgten sie schon 2017 für Aufsehen, als Kabayel den englischen Star und Ex-Klitschko-Herausforderer Dereck Chisora in Monaco besiegte. Doch Corona warf den Hoffnungsträger zurück. Erst seit dem vergangenen Jahr nimmt die Karriere wieder Fahrt auf.


Jetzt, mit dem Ruhm von Riad, will Kabayel in Deutschland eine neue Box-Euphorie entfachen. Er wolle deutsches Boxen wieder „auf die Karte bringen“, hatte er gegenüber dem Sender DAZN gesagt: „Warum können wir nicht, wie die Klitschko-Brüder es damals getan haben, das Boxen wieder in Deutschland beleben und hierherbringen? Man hat genug Support und Fans, die wollen, dass mal wieder ein Kampf in Deutschland stattfindet.“ Leider gibt es heute keine TV-Anstalten, die das bezahlen.


Zugleich fordert Deutschlands derzeit bester Schwergewichtsboxer mehr Zuspruch für Athleten mit Migrationsgeschichte. Ein deutscher Kampfname, wie andere es machten, kam für den Bochumer nie infrage. „Agit Kabayel ist der Name, den mir meine Eltern gegeben haben“, sagte er dem Magazin „Sport Bild“ stolz. „Wenn ich von meinen Freunden so akzeptiert werde, müssen mich auch meine Fans so akzeptieren wie ich bin. Ich ändere nicht meinen Namen, um für irgendjemanden interessanter zu klingen.“ Sein Umfeld mache sich, erzählte er noch, aus dem Thema sogar einen Spaß: „Meine Freunde nennen mich mit Spitznamen Achim Kammerjäger.“ Klingt ja wie Agit Kabayel. Zumindest ein bisschen.


„Wenn Deutschland es irgendwann akzeptiert, dass ein Agit Kabayel auch deutsch sein kann, dann können wir große Meilensteine setzen“, sagte der Bochumer der Deutschen Presse-Agentur. Die Familie hat ihre Wurzeln im kurdischen Teil der Türkei. „Ich bin in Deutschland geboren, war hier im Kindergarten und in der Schule“, sagte der Bochumer, der in Leverkusen geboren wurde. „Ich fühle mich deutsch. Ich werde auch nicht wegziehen, das ist meine Heimat. Wenn das endlich mal akzeptiert wird, dann denke ich, dass mehr Support kommt.“


Kabayels Weg an die Weltspitze begann in Bochum-Wattenscheid, er wuchs im Freundeskreis der Fußball-Bundesliga-Stars Leroy Sané und Kerem Demirbay auf, sein Cousin ist der Rapper KC Rebell. Zweimal gewann er EM-Titelkämpfe. Mit dem großen Auftritt in Saudi-Arabien machte er einen großen Schritt in Richtung seines großen Ziels – sportlich wie finanziell. In einem Video auf seinem Tiktok-Kanal erklärte er auf die Frage, wie viel Geld er in Saudi-Arabien verdient habe: „Es war auf jeden Fall eine Summe, mit der die meisten Leute ihr Leben absichern könnten.“ Es sei auf jeden Fall „gutes Geld“ gewesen, er könne nun durchatmen: „Du weißt, du bist jetzt quasi in trockenen Tüchern und es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Das alles, was du getan hast, war nicht für die Katz, du kannst deinen Traum weiter verwirklichen und es geht jetzt in Richtung WM.“


Mit seinen ersten zehn Profi-Boxkämpfen, fügte er hinzu, habe er kein Geld verdient, sein jetziger Erfolg sei eine finanzielle Anerkennung für die Leistungen. „Ich hatte Probleme, ich hab darüber nachgedacht: Wie tanke ich mein Auto und komme damit zum Training? Da macht es einen stolz, dass du komplett durchatmen kannst mit deiner Familie, dass du eine Existenz aufgebaut hast.“ Die Existenzangst sei jetzt weg – aber er sei jedoch noch nicht am Ziel: „Mein Ziel ist immer gewesen, Weltmeister im Schwergewicht zu sein, wir haben jahrelang da-rauf hingearbeitet, an diesem Punkt anzukommen. Wenn man in so einer Situation in der Karriere steckt und sein Ziel erreichen kann, ist Geld Nebensache.“


„Im Türkischen“, erzählt Kabayel, „gibt es ein Sprichwort, das mir mein Vater mit auf den Weg gegeben hat. Mein Sohn, Metall, das arbeitet, kann nie rosten. Daher musst du immer arbeiten.“ Aus dem 130-Kilo-Moppel ist ein 110-Kilo-Modellathlet geworden. Aber nicht nur die Sache mit dem Speck hat der frühere Türsteher in den Griff bekommen. „Ohne den Sport wäre ich zu 100 Prozent kriminell geworden“, sagt Kabayel. Sein Cousin Hüseyin Kökseçen (eben jener KC Rebell) hat ihm die ersten Box-Handschuhe geschenkt. Mit 25 ist Kabayel Europameister. Ein steiler Aufstieg. Und noch etwas: Er ist keiner, der zu öffentlichen Terminen mit goldenem Basecap oder glitzernder Panzerkette um den Hals erscheint. Keiner, der die kessen Sprüche nur so rausspuckt. Sein Credo ist einfach: „Wer stark ist, darf sich erlauben, leise zu reden.“

 

Nr. 256 vom 28. Mai 2024, Seite 22

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