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Gedanken- & Spaziergänge im Park: Sünder und Opfer

Paul F. Gaudi

 

Am letzten Maitag kam Gerd mir völlig aufgeregt entgegen und hielt mir einen Zeitungsausschnitt unter die Nase. „Hast Du das gelesen? Da hat doch ein Pfarrer aus Stendal eine Frau aus der ehrenamtlichen Mitarbeit für die Diakonie verstoßen, weil sie am 9. Juni bei der Wahl für Verbandsgemeinde und Gemeinderat Diesdorf für die AfD kandidiert! Die 39-jährige ist als Altenpflegerin tätig und hat sich außerdem seit drei Jahren in ihrer Freizeit für den Hospizdienst der Diakonie in Gardelegen ehrenamtlich um Schwerstkranke und Sterbende auf ihrem letzten Lebensabschnitt gekümmert. Vor ein paar Wochen wurde sie von dem zuständigen Herrn Pfarrer vor die Wahl gestellt, entweder ihre Kandidatur und ihre Parteimitgliedschaft niederzulegen oder die Entlassung aus ihrem Ehrenamt zu bekommen. Nun haben Gardelegen und die Diakonie eine ehrenamtliche Helferin weniger und das nicht aus fachlichen Gründen oder mangelnder persönlicher Eignung, sondern wegen ihrer Mitgliedschaft und Kandidatur für eine zugelassene Partei! Der Kontrapunkt der DDR.

 

Da hatten viele Schwierigkeiten, weil sie nicht in einer bestimmten Partei waren und heute, weil sie es sind!“ Ohne auf meine Antwort zu warten, fuhr er fort: „Ich frage mich, ob das Verhalten des Pfarrers eigentlich dem entspricht, was er sonntags von der Kanzel verkündet, nämlich den Worten und Taten von Jesus. So steht bei Lukas in 19. Kapitel, das Jesus in Jerichow ausgerechnet bei dem unbeliebten und sich bereichernden Zöllner Zachäus eingekehrt sei, obwohl die Leute sich darüber empörten, dass er ausgerechnet bei einem Sünder zu Gast sein wollte.“ „Ja“, warf ich ein, „und von einer stadtbekannten Sünderin (Prostituierte?) ließ er sich, als er bei einem Pharisäer eingeladen war, mit wertvollem Öl die Füße salben und küssen. So steht es auch bei Lukas im 4. Kapitel.“ „Aber noch beeindruckender finde ich die Geschichte im Johannes-Evangelium, wo Pharisäer und Schriftgelehrte vor dem Tempel eine Ehebrecherin zu ihm führten, die auf frischer Tat gefasst wurde und nach dem Gesetz dafür gesteinigt werden sollte. Die Priester fragten ihn, was er dazu sage, denn sie wollten ihn damit auf die Probe stellen, ob er rechtgläubig wäre. Jesus sagte nur: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ers-ten Stein. Darauf verzogen sich die Priester einer nach dem anderen stillschweigend.“ „Das war vor 2.000 Jahren. Heute scheint es einige Steinwerfer unter den Pfarrern zu geben. Es könnte aber auch sein, dass der Pfarrer aus Stendal nur die Anordnungen seiner Diakonie-Oberen brav befolgt hat. Denn Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch hatte Ende April apodiktisch verkündet: Wer sich für die AfD einsetzt, muss gehen!“ „Na, wie dem auch sei, die gute Frau kann froh sein, dass sie heute lebt und nicht vor 500 Jahren. Dann hätten sie die Rechtgläubigen vor die hochnotpeinliche Inquisition gezerrt und sie wäre vielleicht auf dem Scheiterhaufen geendet.“

 

Reine Provokationslust?

 

In der letzten Maiwoche erschütterte ein Skandal die Republik, der viele Tage vordere Plätze in den Nachrichten der Presse und des Rundfunks einnahm. Was war geschehen? Etwa ein neuer Marsch auf die Feldherrenhalle wie 1923 oder gar ein bewaffneter Aufstand? Nein, viel schlimmer! Ein paar betrunkene Wohlstandsjugendliche hatten auf Sylt „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ nach der Melodie eines bekannten Schlagers gesungen. Das Entsetzen der Politiker und der Journalisten war unbeschreiblich, jedenfalls nach ihren eigenen Bekundungen. Vor allem anscheinend auch deshalb, weil es wohlsituierte junge Wessis waren und nicht Glatze und Springerstiefel tragende Jugendliche aus dem Osten, bei denen man sich wohl kaum groß gewundert hätte. Das hätte dem verzerrten Bild über den Osten, das manche Journalisten anscheinend immer noch im Kopf haben, entsprochen. Aber so? Alles schrie nach strengsten Strafen. Sogar Entlassungen wurden ausgesprochen.


Dabei stellte sich später heraus, dass diese hässliche Umtextung des Liedes schon seit längerem in ganz Deutschland an vielen Orten gesungen wurde. Putzigerweise auch in Stuttgart: Dort hatten deutschtürkische Fans der türkischen Fußballmannschaft Galatasaray Istanbul am 26. Mai die Meisterschaft ihrer Mannschaft gefeiert und dabei „Ausländer raus“ gesungen! Überall sind es Jugendliche. Ist es nun wirklich eine „menschenverachtende rassistische Haltung“ oder wollen die Jugendlichen provozieren, wie sie es schon immer und zu allen Zeiten getan haben? Gerd erinnerte sich an einen Berliner Kollegen zu DDR-Zeiten, der erzählte, dass Oberschüler an eine Toilette der Schule Hakenkreuze geschmiert hätten.  Als er seinen Sohn zur Rede stellte, antwortete der: „Anders kriegt man die Lehrer doch nicht mehr hoch.“ „Da gab es doch zu DDR-Zeiten ein schönes Lied von Wolf Biermann“, erinnerte sich Gerd. „Der Refrain lautete: Na, weil keiner tut gern tun, was er tun darf, denn was verboten ist, das macht uns grade scharf!“ „Ja, damit traf er den Nagel auf den Kopf. Diese Regel ist zeitlos, immer und überall gültig.“ Vielleicht ist diese Lust an der Provokation auch die Ursache dafür, dass laut einer Umfrage 22 Prozent der Jugendlichen AfD wählen würden. Das haben die Verfechter der Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre sicher nicht erwartet. Im Gegenteil, sie werden dadurch eher mit einem Anstieg der Grün-Wähler gerechnet haben. „Aber man muss das vielleicht nicht als grundsätzliche politische Einstellung ansehen,“ sagte Gerd dazu. „Es könnte auch die reine Provokationslust der Jugend sein, dass sie genau die bevorzugen, die fast täglich von den Großen, den Alten und den Mächtigen als die Schlimmen und Bösen dargestellt werden.“

 

Opfer erster und zweiter Klasse

 

Dabei gab es doch viel Schlimmeres als dumme Lieder grölende Betrunkene, nämlich der Messerangriff auf einen Stand der islamkritischen Bürgerbewegung Pax Europa am 31. Mai in Mannheim, bei dem ein Polizist getötet und fünf andere zum Teil schwer verletzt wurden. Es war ein Attentat auf den Redner dieser Gruppe, Michael Stürzenberger, der besonders schwer verwundet wurde. Auch hier gab es die medialen Berichte, aber doch etwas kürzer als bei der Sylt-Affäre, deren Welle immer noch hier und da nachklingt. Politiker äußerten ihre Empörung und ihr Entsetzen über die Tötung des eingreifenden Polizeibeamten durch den aus Afghanistan stammenden Islamisten, aber kaum zu dem schwerverletzten Stürzenberger, der doch das eigentliche und erste Ziel des Attentäters war und ermordet werden sollte. Manche Journalisten bezeichnen Stürzenberger nicht als Islamismuskritiker, sondern als Islamhasser. Kaum ein Wort des Mitleids oder Bedauerns. Man hat den Eindruck, als stünde zwischen den Zeilen, dass er sich das infolge seiner Aktivitäten selbst zuzuschreiben hätte. Gerd erinnerte sich dabei an die Ermordung des Generalbundesanwaltes Siegfried Buback 1977 durch die RAF. Danach schrieb jemand in den „Göttinger Nachrichten“, dem Blatt des AStA der dortigen Universität: „Meine unmittelbare Reaktion, meine ‚Betroffenheit‘ nach dem Abschuss von Buback ist schnell geschildert: Ich konnte und wollte eine klammheimliche Freude nicht verhehlen.“


Vielleicht ist der Vergleich mit dem jetzigen Ereignis unangebracht. Tatsache ist aber, dass das Bedauern über die schweren Verletzungen Stürzenbergers sich in Grenzen hält. Eigentümlich auch die Reaktionen verschiedener Gruppierungen. Als einige rechte Jugendliche sich zu einer Mahnwache auf Mannheims Marktplatz nach dem Attentat aufstellten, wurde sofort eine Demo gegen rechts mit fast tausend Mannheimern organisiert. So war es auch nach dem islamistischen Mord in Chemnitz im August 2018, wo Massenveranstaltungen ge-gen rechts die Trauer über das Opfer übertönten. So war es auch in Dresden im Oktober 2020, als ein Islamist ein homosexuelles Paar anfiel und einen tötete und den anderen lebensgefährlich verletzte. Bei einer Gruppe ist die Empörung über Morde verdienstvoll, bei der anderen ist sie reaktionär, ja sogar faschistisch. „Das sehe ich ähnlich auch in Magdeburg“, sagte Gerd. „An dem großen Mobile am Hassel in der Liebigstraße werden Kerzen und Blumen hingelegt an Jahrestagen für Opfer rechter Täter, wie zum Beispiel der Toten von Hanau. Das ist würdig und recht. Das dabei auch die Metallsäulen des Kunstwerkes beklebt werden ist aber nicht würdig, sondern hässlich. Aber das nebenbei. Was mich stört ist etwas anderes: Noch nie wurde an dieser Stelle aber der 17 Toten und der 170 zum Teil Schwerverletzten gedacht, die der Islamist Anis Amri mit seiner Amokfahrt auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin am 21. Dezember 2016 auf dem Gewissen hat. Anscheinend gibt es für manche Gruppen Opfer, die des Gedenkens wert sind und Opfer, über die man hinweggehen kann. Opfer erster und zweiter Klasse. Das deutet auf eine Denkweise hin, die nicht differenziert, sondern nur dem Freund-Feind-Denken verhaftet ist. Eigentlich schade, denn schließlich sind alle unschuldige Opfer von Fanatikern!“ „Das wird nun anders“, sagte ich, „Scholz hat im Bundestag jetzt gesagt, dass all die islamistischen Gefährder und Gewalttäter abgeschoben werden müssten.“ „Das glaubst aber nur du. Bereits im Oktober titelte der Spiegel die Worte von Scholz: Wir müssen endlich im großen Stil abschieben. Und was geschah? Nichts!“, sprach Gerd und ging seines Weges.


Spaziergänger Band III erschienen Buch-Tipp: Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Frisch erschienen ist jetzt Teil III. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

 

Nr. 257 vom 11. Juni 2024, Seite 8

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