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Von Fernweh, Wanderlust und … Komfort?

Von Elisa Wiegmann

Über solche Momente, die man nicht mit der Kamera festhalten kann.

 

 

Ich stehe oben auf dem Eiffelturm, sodass ganz Paris mit seinen eleganten cremefarbenen Häusern ausgestreckt vor mir liegt. Ein sanfter Sommerwind weht durch meine Haare und die Klänge des Straßenmusikers finden ihren Weg bis nach hier oben zu mir. Und doch … Eine schwere Hitze lastet auf meinem Körper und ich bin außer Atem vom Erklimmen der unzähligen Treppenstufen, während ich mir einen Weg durch die Touristenmassen bahne. Ich schieße Foto um Foto aus jeder Himmelsrichtung – als Erinnerung – bevor es auch schon wieder hinunter geht und durch die zahlreichen Verkaufsstände mit glitzernden und blinkenden Mini-Eiffeltürmen hindurch, weiter, auf den Weg zum Arc de Triomphe.

 

„Reisen – [der Erreichung eines bestimmten Ziels dienende] Fortbewegung über eine größere Entfernung“. So lautet die Definition im Duden, doch was macht das Reisen wirklich aus? Wenn es nicht darum geht, gemeinsam mit all den anderen Touristen auf dem Eiffelturm zu stehen oder die meisten Orte gesehen zu haben, worum geht es dann? Wonach sehnen wir uns, wenn wir uns auf die Reise ins Unbekannte begeben?


Bereits das „Unbekannte“ ist hierbei ein Begriff, der immer seltener zu unserer tatsächlichen Realität passt. Die wenigsten von uns wandern einfach drauflos beziehungsweise „fahren“ oder „fliegen“ wohl eher. Wir informieren uns, planen und packen, als ob unser Leben davon abhinge, sodass wir – am Ziel angekommen – dieses bereits bestens kennen und jegliche potenzielle Überraschung schon im Vorhinein ausgelöscht haben. Denn wir Menschen lieben die Sicherheit. Wir bezahlen Geld für unsere nächste Reise wie für jeden Konsumartikel, und stellen die Erfahrung anschließend wie ein Buch in das Regal unserer – hoffentlich schönsten – Erinnerungen. Dass das Reisen im eigentlichen Sinne das genaue Gegenteil zu Sicherheit und Konsum darstellen soll, verdrängen wir lieber, während wir uns gemütlich am Strand sonnen. An guter Erholung im Urlaub ist dabei nichts auszusetzen, denn das ist ein Privileg, welches mühsam erkämpft wurde, um Körper und Geist eine Pause zu schenken, die für das Schöpfen neuer Kraft essenziell ist.


Da wir jedoch alle Individuen mit ganz eigenen Bedürfnissen sind, ist es wichtig, diese vor der nächsten Reise einmal gründlich zu hinterfragen. Nur dadurch können wir erkennen, was wir wirklich brauchen und uns von der Ferne erhoffen. Dabei merken wir womöglich, dass für das erstrebte Gefühl gar keine Reise ans andere Ende der Welt nötig ist, sondern eine fremde Stadt aus dem Umkreis, ein nahegelegenes Naturschutzgebiet oder sogar der eigene Garten vollkommen ausreichen können. Wenn wir uns zum Beispiel nach gemeinsamer Zeit mit Familie oder Freunden sehnen, spielt der Ort dafür keine Rolle. Viel wichtiger ist es, sich die Zeit füreinander zu nehmen und einen Raum zu schaffen, an dem sich alle wohlfühlen. Denn sind es nicht oft gerade diese Erinnerungen, die wir mit anderen Menschen teilen, die uns so intensiv im Gedächtnis bleiben?


Dennoch umgibt fremde Orte dieser gewisse Zauber, der uns anders fühlen und handeln lässt. Zu Hause sind wir immer dieselben Personen mit denselben Pflichten. Es fällt uns schwer, wirklich abzuschalten und Zeit für die Menschen um uns herum und für uns selbst zu erübrigen. Die physische und psychische Distanz aus einer ungewohnten Umgebung öffnet uns für neue Erfahrungen und Vorstellungen, denen wir im Alltag keine Beachtung schenken. Dafür ist keine Weltreise von Nöten, aber das eigene Zuhause gelegentlich zu verlassen, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu neuen Perspektiven.


Und dann wäre da noch das Abenteuer. Wer diese ursprüngliche Form der Reise anstrebt, muss einiges anders angehen als beim gemütlichen Familienurlaub. Denn die Reise ins Unbekannte ist nichts im Vornherein Planbares, sondern eine Reise voller Hindernisse, die es zu überwinden, fremder Kulturen, die es zu erleben, versteckter Orte, die es zu erforschen, neuer Sprachen, die es zu erlernen und vor allem verschiedenster Menschen, die es kennenzulernen gilt. Dieses besondere Gefühl, mit Einheimischen zu sprechen und über deren Leben und Kulturen zu lernen. Straßenschilder und Werbungen zu verstehen, für die die Weltsprache Englisch keine Übersetzung liefern kann. Den ganzen Tag lang mit schmerzenden Füßen und verschwitztem Gesicht zu wandern, um in der Abenddämmerung an einen völlig neuen Ort zu gelangen – ganz ohne die Hilfe von Zügen, Autos oder Flugzeugen.


Auch ich reise gerne. Lasse mich verführen von fremden Ländern, Städten und Landschaften. Daran ist nichts falsch. Doch es geht darum, diesen Orten mit Neugier, Offenheit und Respekt gegenüberzutreten. Nicht alles bis ins Detail zu planen, sondern sich stattdessen fallen zu lassen in eine unbekannte und neue Lebenswelt, die es zu ergründen gilt. Je mehr wir über einen Ort und dessen Vergangenheit lernen – die Menschen, die ihn prägten, die Geschichten, die er bewahrt, und die Menschen, die ihn heute beleben – desto stärker schaffen wir eine Verbundenheit und ein Verständnis, von dem wir zuvor nicht einmal wussten, dass es existieren könnte. Vor allem geht es jedoch darum, diese Neugier nicht nur weit entfernten Orten zu schenken, sondern jeden Ort, Menschen und Moment mit ihr zu betrachten. Niemand kann dieses Ideal zu jeder Zeit aufrechterhalten und auch ich stehe dabei noch ganz am Anfang, aber je öfter wir es versuchen, desto bunter und weitreichender wird unsere eigene Lebensrealität werden.


Wenn ich heute an Paris zurückdenke, denke ich nicht als Erstes an den Eiffelturm oder die anmutende Architektur. Stattdessen blicke ich zurück auf eine Stadt, die mich zu unangenehmen Entscheidungen zwang. Eine Stadt, die mich zwang, ehrlich mit mir selbst und mit meinen Mitreisenden zu sein. Viele Erinnerungen an Paris sind davon überschattet, doch genau diese Herausforderungen haben mir auch einige wunderschöne und lehrreiche Momente geschenkt, die ich niemals wieder hergeben würde. Solche Momente, die man eben nicht mit der Kamera festhalten kann.

 

Nr. 257 vom 11. Juni 2024, Seite 22

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