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„Ich finde die Härte geil“

Nicht nur als Team glänzte der deutsche Handballmeister SC Magdeburg in der abgelaufenen Saison. In seinen Reihen stehen zugleich herausragende Individualisten – wie der isländische Spielmacher Gisli Kristjansson.

Kopf voraus, die Augen scheinen Deckungsspieler und Tor zugleich zu fixieren – so kennen die Magdeburger Fans Gisli Kristjansson. Anschließend geht es für den Isländer mit geschmeidigen Bewegungen hinein in die Deckung. Egal, was da kommen mag, egal, wer sich ihm da entgegenstellt. Angst scheint dieser Mann nicht zu kennen. Mit seiner Spielweise wurde der 24-Jährige in den letzten beiden Jahren zu einem der besten Mittelmänner des Welthandballs.


Nach den Partien sind beim Abgang oder später in der Mixed-Zone Kratzspuren an Hals oder Armen oft unübersehbar. An das ständige Greifen in den Wurfarm oder fremde Ellenbogen im Gesicht, daran hat sich Kristjansson längst gewöhnt. „Ja“, sagt er auf die Frage, ob er diese Härte im Handball mag. „Ich hatte jetzt nie den Gedanken, dass ich lieber Tennisspieler oder Volleyballer geworden wäre. Ich finde die Härte schon geil. Die gehört einfach zum Handball dazu.“


Wenn beim SCM jetzt in der Sommerpause nach der mit drei Titeln (Klub-Weltmeisterschaft, deutsche Meisterschaft, DHB-Pokal) erfolgreichsten Saison in der Vereinsgeschichte Bilanz gezogen wird, ist unübersehbar, dass da nicht nur ein bis ins Letzte harmonisches Team auf der Platte stand. Das mit hyperschnellen Kombinationen die Kontrahenten regelrecht durcheinander wirbelte. Ebenso unübersehbar jedoch: Da ist eine Gruppe herausragender Einzelkönner am Werk. In den zurückliegenden beiden Jahren räumten sie bei der Vergabe individueller Auszeichnungen so richtig ab. Wie zuletzt bei der Wahl des wertvollsten Bundesliga-Spielers der Saison 2023/24, als mit Magnus Saugstrup und Felix Claar gleich zwei SCM-Stars auf den ersten beiden Plätzen landeten. Seit 2022 ist dieser Preis fest in Magdeburger Hand. Erst wurde Omar Ingi Magnusson diese Ehre zuteil, im Vorjahr folgte Spielmacher Kristjansson.


Kaum auszudenken, wo Kristjansson – im vergangenen in seiner Heimat zudem zum Sportler des Jahres gewählt – trotz seines jungen Alters stehen könnte, wäre er in seiner Karriere nicht immer wieder von langwierigen Verletzungen gestoppt worden. Schwere Blessuren sind inzwischen so etwas wie ein zweites Markenzeichen des 1,91-Meter-Mannes. Im vergangenen Jahr war er nach einer Schulterverletzung aus dem Halbfinale der Champions League, die er mit dem SCM gewann, bereits lange ausgefallen (OP im Juli) und hatte erst Mitte Dezember 2023 sein Comeback auf der Platte gegeben.


Geradezu Heldenstatus erwarb sich der Blondschopf von der Insel der Geysire vor einem Jahr eben bei diesem Final Four der Champions League. Vier Minuten vor Abpfiff der regulären Spielzeit des Halbfinals gegen den FC Barcelona schien dies für ihn vorzeitig beendet. Der Rückraumspieler war einmal mehr mit vollem Einsatz auf die Deckung der Katalanen gegangen, doch diesmal stand er nach seinem Durchbruch – bei dem er gehalten wurde und auf einen anderen Gegenspieler prallte – nicht wieder auf. Über den Einzug ins Endspiel jubelte der Isländer mit dem Arm in Schonhaltung, kurz nach der Partie wurde eine lange Ausfallzeit bestätigt. Doch sie hatten die Rechnung ohne Kristjansson gemacht …


Über Nacht die Kehrtwende. „Wenn dann ein Spieler zu mir kommt und sagt: Ich möchte unbedingt spielen, kannst du mich mit in den Kader nehmen”, dann habe er nachdenken müssen, so Trainer Bennet Wiegert zum unerwarteten Comeback am Final-Sonntag. „Ich habe mit unseren Ärzten darüber gesprochen, wie ein Worst-Case-Szenario aussehen könnte. Mir wurde gesagt: Schlimmer als die eh anstehende Operation kann es nicht kommen. Und wenn er den Schmerz tolerieren kann, dann darf ich einem Spieler nicht die Chance auf das größte Spiel seiner Karriere nehmen.”


Am Ende waren neben sechs Toren und der psychologischen Komponente die gewonnenen Zweikämpfe von Kristjansson, die für Raum für Mitspieler oder für Siebenmeter sorgten, ein wichtiger Baustein für den Sieg des SCM. Der Verletzte strahlte, als er die Trophäe mit der kaputten Schulter in die Höhe reckte: Nach der deutschen Meisterschaft jetzt der Erfolg in der Champions League. „Die Schulter tut weh und ich weiß nicht, wie lange ich ausfalle. Aber das ist es alles wert. Einfach geil”, meinte er. Und als er dann noch als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet wurde, fügte er hinzu: „Das ist einer der besten Momente in meinem Leben.”


Für ihn selbst ist all das eigentlich kein Thema für große Debatten. „Ich würde immer wieder verletzt spielen“, meinte er nach dem Endspiel. „Wenn ich mir das Finalspiel gegen Kielce anschaue und den Moment sehe, wo wir das Ding gewinnen, dann kommen mir immer noch Tränen, weil das so unglaublich war. Das erweckt so viele gute Erinnerungen. Es war mein erster Champions-League-Sieg, und was wir da als Mannschaft abgeliefert haben, war einfach genial, und das würde ich um nichts in der Welt missen wollen.“


Noch ist der Isländer, der mit 18 das erste Länderspiel für sein Heimatland bestritt und im Februar 2020 sein Debüt bei den Elbestädtern gab, längst nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen. Der SCM griff zu, verlängerte den Vertrag mit ihm bis 2028. Als dies Anfang Dezember beim Heimspiel gegen den VfL Gummersbach in der Halle bekanntgegeben wurde, gab es stehende Ovationen: Die Magdeburger lieben ihren Gisli. „Ich habe beim SCM alles, was ich brauche und was mich glücklich macht“, sagt der. „Eine fantastische Mannschaft, ein großartiges Trainerteam und bei jedem Heimspiel vor unseren überragenden Fans bekomme ich Gänsehaut!”


Und noch etwas charakterisiert den Mittelmann: Er hat, als er über die Vertragsunterschrift nachdachte, nicht vergessen, wie ihn der SCM nach der ersten schweren Schulterverletzung, als er gerade vom THW Kiel an die Elbe gekommen war, zur Seite stand. „Ich bin einfach unheimlich dankbar, als ich am tiefsten Punkt meiner Handball-Karriere war und sie mich unglaublich unterstützt haben. Bin einfach dankbar und stolz.”


Auch Wiegert war glücklich über den Erhalt seines Topspielers: „Wir sind sehr froh, dass wir mit Gisli, einem der wahrscheinlich gefragtesten Spieler der Welt, frühzeitig und langfristig verlängern konnten. Er hat in den letzten eineinhalb Jahren bei uns einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht und zählt mit seiner unfassbaren Explosivität ohne Zweifel zu den besten Spielmachern und Offensivspielern, die es gibt.”


Kristjanssons persönliche Ziele sind, trotz aller bisherigen Erfolge, weiter hochgesteckt. „Klar möchte ich auch mal Welthandballer werden“, gab er vor einiger Zeit in einem Interview unumwunden zu. „Ich weiß, dass ich noch mehr kann und mein Entwicklungsweg noch nicht zu Ende ist.“ Die Konkurrenz ist also gewarnt – und Handball-Magdeburg stehen offenbar weiter goldige Zeiten bevor.

 

Rudi Bartlitz

Nr. 258 vom 26. Juni 2024, Seite 34

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