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Man muss nur wollen. Oder auch nicht.

Von Prof. Dr. Gerald Wolf

Einen Willen zu haben, ist das eine, willenlos zu sein das andere. Willenlos, das ist man während einer Ohnmacht oder als Opfer von k.-o.-Tropfen. Umgekehrt kann Willen verordnet werden, am erfolgreichsten per Diktat. So geschehen in der Corona-Zeit. Da wollten viele nicht geimpft werden, mussten aber wollen. Sonst hätten sie ihre Arbeitsstelle verloren, ihre kranken oder gar sterbenden Angehörigen nicht besuchen dürfen, oder ihnen wurde der Zutritt für Kinos und Theater gesperrt. Die Impfschäden hingegen, die wollte keiner. Auch wollten die Offiziellen nichts von Impfschäden hören, mussten aber und müssen das immer drängender. Manche von ihnen hören die Handschellen klicken, wollen aber nicht.


Solange man nicht darüber nachdenkt, was Willen ist, erscheint er einem als etwas ganz Normales. Das hört sofort auf, falls man fragt, wo denn der Sitz des Willens ist und wo der des Nicht-Wollens. Im Herzen vielleicht? Denn wenn es heißt, etwas „von ganzem Herzen“ zu wollen, dann sollte der Wille ja auch seinen Sitz dort haben. Zum Beispiel, wenn ein Paar heiraten will, und das gegen massiven Widerstand. Oder wenn jemand herzlich gern dem Freund, der Freundin aus der Patsche helfen oder dem Chef mal ordentlich die Meinung geigen will. Also doch das Herz? Dann aber müsste bei einer Herztransplantation auch der Wille des Spenders mitverpflanzt werden. Das jedoch passiert nie. Und warum? Gerade mal eine Blutpumpe ist das Herz und, im Nebenjob, der Produktionsort für das atriale natriuretische Hormon, das den Salz- und Wasserhaushalt zu regulieren hilft. Wenn das Herz also nicht für die Willensbildung zuständig sein kann, so kommt es doch für die Projektion dieses Gefühls in Frage. Es schmerzt beim Versagen eines Willens und, andernfalls, hüpft es vor Freude. Beim Phantomschmerz wird das Prinzip der Gefühlsprojektion ganz deutlich. So können Menschen, denen ein Arm amputiert worden ist, klar umrissen in der fehlenden Hand Schmerzen empfinden.

 

 

Wille ist Hirnsache, nichts sonst

 

Alle möglichen Organe können durch eine Transplantation ohne Konsequenzen für die Willensbildung ausgetauscht werden, nur das Gehirn nicht. Und auch nur dieses Organ kommt als Sitz des Willens und des ihm zugrundeliegenden Ich-Empfindens in Frage. Aber wo genau ist dieser Sitz? So sehr man bisher auch suchte, nichts von der Art eines entsprechenden Zentrums wurde gefunden, geschweige denn so etwas wie eine präsidiale Nervenzelle, die für die Willensbildung zuständig wäre. Funktionszentren gibt es so einige im Gehirn, aber immer nur für einfachere Aufgaben. Je komplexer eine Hirnfunktion ist, umso weniger kommt eine begrenzbare Lokalisation in Frage. Geschweige denn eine punktuelle. Die bunten Hirnkarten, die sich mit speziellen bildgebenden Verfahren (funktionelle MRT, Brain Imaging) erzeugen lassen, machen zwar den Eindruck, als handele es sich hierbei jeweils um farbig abgegrenzte Funktionsbezirke. Doch täuscht dieser Eindruck. Jeder Bildpunkt besteht aus …zig oder aus hunderten und gar aus tausenden verschiedenartigen Nervenzellen und aus noch weit vielfältigeren Verbindungsbahnen und funktionellen Kontaktstellen, Synapsen genannt. Eine ins Einzelne gehende Analyse wäre vonnöten, übersteigt aber bei weitem nicht nur die praktischen Möglichkeiten, sondern auch die theoretischen. Und das wegen der „überastronomisch“ hohen Komplexität bis in alle Ewigkeit.


Der US-amerikanische Hirnphysiologe Benjamin Libet (1916 – 2007) ist ganz anders an die Frage nach dem Willen und dessen „Sitz“ im Gehirn herangegangen. So simpel seine Experimente zur Orts- und Zeitbestimmung scheinen mögen, zeigten auch sie, dass die Sache mit dem Willen und dessen Freiheit höchst vertrackt ist. Schon die Antwort auf die Frage ist es, ob unsereiner frei ist in der Entscheidung, was man will und warum überhaupt und zu welchem Zeitpunkt das Ich dies entscheidet. Libets Experimente scheinen das Empfinden eines freien Willens als bloße Illusion nahezulegen.

 

 

Freiheit des Willens, eine Illusion!

 

Die Versuchspersonen hatten den Auftrag, in einem Zeitraum von 10 Sekunden einen bestimmten Finger zu heben. Wann genau, war ihnen überlassen. Nur mussten sie sich anhand eines schnell umlaufenden Zeigers merken, zu welchem Zeitpunkt sie den Finger heben wollten. Über Elektroden, die auf der Kopfhaut angebracht waren, wurde ein sogenanntes EEG (Elektroenzephalogramm) aufgezeichnet. Damit ließen sich die Signale registrieren, die von der für die Fingerbewegung zuständigen Hirnregion ausgesendet werden. Erwartungsgemäß gingen diese Signale dem Anheben des Fingers voraus. Wie die Messungen ergaben, um etwa eine fünftel Sekunde. Und diese Signale sollten, so die anfängliche Vermutung, mit der Entscheidung „Jetzt will ich!“ zusammenfallen. Das aber stimmt nicht! Etwa eine drittel Sekunde vor dem „Jetzt will ich!“ gingen von einer vorgelagerten Hirnregion sogenannte Bereitschaftspotenziale aus, und das blieb, wohlgemerkt (!), von den Versuchspersonen gänzlich unbemerkt!


Die Schlussfolgerung: Nicht ich entscheide, was ich und wann ich etwas will, sondern eine Hirnregion, von der ich nichts weiß! Von anderen Forschern wurden die Libetschen Experimente nachgestellt, zum Teil auch verändert. Zum Beispiel derart, dass die Versuchsperson aufgefordert wird, sich in dem genannten Zeitraum zu entscheiden, ob sie eine Taste auf der linken oder auf der rechten Seite drücken will. Herauskam im Wesentlichen immer wieder eine Bestätigung der früheren Ergebnisse.

 

Mittlerweile gibt es Befunde, die aufgrund von Blutflussveränderungen im Gehirn eine weitere Interpretation zulassen: Je stärker sich die Versuchsperson auf das Wann der Ausführung konzentriert, desto größer ist die zeitliche Kluft zwischen dem Wollen und der Ausführung und umso mehr rückt die Ausführung an die Entstehung der Bereitschaftspotenziale heran. Am Ende möglicherweise so weit, dass das, was wir als den Willen empfinden, etwas Bestimmtes zu tun, mit der Entstehung der unbemerkt bleibenden Bereitschaftspotenziale zusammenfällt.

 

 

Nicht ich, mein Gehirn ist es!

 

Die Aufregung ob solcher Erkenntnisse ist groß. Die Debatten führen bis zu der Behauptung, kein Mensch könne für das verantwortlich gemacht werden, was er tut oder lässt. Denn das setze ja die Freiheit des Willens voraus. Diese aber sei durch die Neurophysiologie in Frage gestellt. Ein Grundsatz des Strafrechts ist, eine Täterin oder ein Täter hätte sich ja auch anders verhalten und so die Straftat vermeiden können. Hätte sie, hätte er? Warum, so muss man sich dann fragen, haben sie sich denn nicht anders verhalten? – Ganz einfach, so die Antwort der einen Seite, weil es ihr Gehirn nicht anders gewollt hat. Allerdings, und das ist der Punkt, würde eine solche Entschuldigung unsere gesellschaftliche Ordnung vollständig aushebeln. Denn wo bleibt dann die Schuldfähigkeit? Alles wäre erlaubt, Nachsicht immer einforderbar und das selbst bei ausgesprochenen Missetaten!


Was macht denn unser Gehirn noch so alles mit uns? Dazu einfach mal hingesetzt und abgewartet, was dann geschieht! – Zunächst nichts. Wenn nichts mit uns passiert, dann wohl auch nichts in unserem Gehirn. Oder nicht viel. Eine Weile gucken wir uns weiter zu. Da fällt unser Blick auf die Schale mit den dragierten Erdnüssen. Einen halben Meter entfernt, da auf dem Tisch. Nein, wir wollen uns davon nicht ablenken lassen, wir wollen einfach nur vor uns hindenken. Also doch ein Wille, selbst dann, wenn wir nichts wollen?
Ewig halten wir das Nichtstun nicht aus. Denn wir wollten doch die Freundin anrufen, den Freund. Soeben war nach einigem Rumpeln die Waschmaschine zum Stillstand gekommen, die Wäsche muss raus und aufgehängt werden. Auch ein Blick in den Briefkasten sollte sein, in die Zeitung, ein anderer nach dem Wetter. Das Brot geht zur Neige, auch die Butter, der Weg zum Supermarkt winkt. Dort gibt es die Tiefkühltruhe mit diesem herrlichen … – Ach Gott, wurscht, Schluss mit der Rumsitzerei! Zuvor aber noch diese eine Überlegung: All das, was es nun zu wollen gibt, hatte es auch zu Beginn des Selbstversuchs gegeben. Warum macht man jetzt damit Schluss und nicht anderthalb Sekunden später oder früher? Was ist das in uns, dass da sagt „Jetzt!“?


Und bei Tieren? Eine Fliege sitzt bewegungslos an der Fensterscheibe. Aber nicht bis in alle Ewigkeit. Irgendwann fliegt sie auf, auch ohne den geringsten äußeren Grund. Warum fliegt sie jetzt auf, fragen wir uns, und nicht anderthalb Sekunde später oder früher? Verfügt ein Tier, selbst wenn es von der Art einer Fliege ist, auch über so etwas wie einen eigenen Willen? Und wenn, dann erst recht ein Hund oder ein Sperling. Auch ein Wasserfloh? Oder gar eine einzelne Zelle, zum Beispiel eine nach Art eines Pantoffeltierchens. Bald schwimmt es dort hin, bald da hin, dreht sich, taucht ab, hernach schwimmt es wieder zur Oberfläche. Alles, als sei es willentlich gesteuert. Als Einzeller hat das Pantoffeltierchen zwar kein Gehirn, dennoch verhält es sich, als ob es willentlich bestimmten Reizen ausweicht und sich anderen nähert. Wie das? Keiner weiß es.

 

 

Wikipedia zum Willen

 

Zu „Wille“ heißt es bei Wikipedia (Kapitel Rechtswissenschaft/Allgemeines): Der Wille ist das Ergebnis des vorangegangenen Prozesses der Willensbildung. Wille ist die Fähigkeit von einer Person, sich für ein bestimmtes Verhalten zu entscheiden.[8] Die Willenserklärung als zentraler, sich mit dem Willen befassender Rechtsbegriff des Zivilrechts zeigt, dass mit einem Willen stets auch eine Erklärung verbunden sein muss, um rechtserheblich zu wirken.[9] Friedrich Carl von Savigny stellte 1840 heraus: „Eigentlich muss der Wille an sich als das einzig Wichtige und Wirksame gedacht werden, und nur weil er ein inneres unsichtbares Ereignis ist, bedürfen wir eines Zeichens, woran er von anderen … O Gott, so einfach und doch nicht verstehbar! Weder da noch sonst wo findet man hier unter „Wille“ auch nur einen einzigen Bezug zum Gehirn. Also kann es wohl so wichtig nicht sein, das Gehirn. Könnte man meinen.


Dass der außergewöhnlich kluge Arthur Schopenhauer (1788-1860) in seinen „Aphorismen zur Lebensweisheit“ keinerlei Bezug zum Gehirn aufweist, mag der frühen Zeit geschuldet sein, in der er gelebt und gedacht hat. Auch in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ macht er sich mit Hirnforschung nicht gemein. Obwohl Hippokrates von Kos (ca. 460–370 v. Chr.) in der ihm zugeschriebenen Sammlung Corpus Hippocraticum das Gehirn bereits als Sitz der Empfindung und Intelligenz vermutet hatte und meinte, dass die bislang als „heilig“ angesehene Epilepsie eine Krankheit des Gehirns sei. Erste Autopsien wurden zur Zeit des Herophilos von Chalkedon (um 325–255 v. Chr.) möglich. Dennoch ist man bis in die Jetztzeit dem Wunder Gehirn nur in einigen Ansätzen nahegekommen. So intensiv daran geforscht wird, da ist nirgendwo auch nur ein Ansatz für die Tiefenerkenntnis gegeben, wie in dem Verbund von 80 bis 100 Milliarden Nervenzellen eines menschlichen Gehirns so etwas wie Wille generiert wird. Andererseits weist das weltweit operierende Recherche-Organ PubMed allein für das Jahr 2023 unter dem Begriff „brain“ 112.567 wissenschaftliche Arbeiten (sog. „papers“) aus. Um sie alle zu kennen, müsste ein Hirnforscher pro Tag 308 solcher Veröffentlichungen studieren!


Apropos Wille: Auf unser aller Nägel brennt die Frage (zumindest sollte sie das), wie denn der Schwund des Bildungs- und Leistungswillens in unserer Gesellschaft zu erklären ist, und wie er behoben werden kann. Die Hirnforscher vermögen dazu nichts beizusteuern. Das müssen andere Leute in der Politik aushandeln. Und wer sich da mit seinen Ideen in Vordergrund schiebt, entscheiden Wähler mit ihren Stimmen.

Nr. 258 vom 26. Juni 2024, Seite 4/5

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