Altersteilzeit für Fußballer?

Von Kazuyoshi Miura, dem ältesten aktiven Profi der Welt, ist darauf wohl keine Antwort zu erwarten. Von Rudi Bartlitz

Mit 58 Jahren ist noch lange nicht Schluss – Kazujoshi Miura hat seinen Vertrag erst einmal bis 2026 verlängert.

Letztens stand in einer unserer Runden urplötzlich die Frage im Raum, ob es Altersteilzeit auch für Profi-Fußballer gebe. Schweigen im Raum. Ja, da saßen wir ziemlich ratlos rum; selbst jene, die sonst immer alles wissen oder es zumindest glauben. Absoluter Nonsens, meinten die einen. Warum denn nicht?, fragten andere. Was ein Kicker-Rentenvertrag ist, wisse er schon, warf einer ein – und wurde mit dem Satz niedergemacht, das wüssten wir alle. Ein ganz Schlauer kam am Ende mit dem Ratschlag, doch einmal bei der staatlichen Rentenanstalt oder einer unserer vielen Versicherungen nachzufragen.

 

Tja, um es kurz zu machen, eine richtige, amtlich verbriefte Antwort haben wir nicht bekommen. Aber der Trend geht wohl eher zum Nein. Dabei: Niemand kam auf die Idee, einmal bei Kazuyoshi Miura nachzufragen. Jenen japanischen Profi, der jetzt in seiner Heimat in seine 40. (!) Saison ging. Das deutsche Rentenmuster einmal zugrunde gelegt, wäre er mit 58 Jahren eigentlich die ideale Figur, um Auskunft darüber zu geben, ob Altersteilzeit auf dem Rasen möglich ist.

 

Das Dumme ist nur, ans Aufhören denkt „King Kazu“, wie der älteste aktive Profifußballer der Welt genannt wird, immer noch nicht. Gerade hat er, der schon in den Neunzigerjahren einer der bekanntesten Profis Asiens war, beim Viertligisten Atletico Suzuka seinen Vertrag bis Januar 2026 verlängert. Da stört auch der zuletzt extrem gefallene Marktwert Miuras keinen. Der ist nämlich auf 25.000 Euro gesunken.

 

Um bei der Wahrheit zu bleiben: Miuras Rekord gilt nur für den Profi-Bereich. Die Ehre, ältester Fußballer aller Zeiten zu sein, gebührt wahrscheinlich dem Israeli Isaak Hayik. Er war Trainer eines Drittligisten und spielte als Torwart für Elitzur Yehud. Seit 2019 hütet er das Gehäuse von Maccabi Or Yehuda. Mit 73 Jahren wurde er im April 2019 als ältester Fußballer aller Zeiten ins Guinness-Buch der Rekorde eingetragen.

 

Doch zurück zu Miura. Hinter ihm liegt eine wahre Ball-Odyssee. Die Oberschule verließ er bereits nach acht Monaten und traf eine Entscheidung, die seine spätere Berühmtheit ausmachen sollte: Mit 15 Jahren reiste er allein nach Brasilien, um dort Profi zu werden. Mit 19 unterschrieb er seinen ersten Vertrag beim FC Santos, dem Verein seines Idols Pelé. Bis 1990 spielte er erfolgreich bei mehreren brasilianischen Klubs, darunter SE Palmeiras und der Coritiba FC, und wurde zum Idol der vielen japanischstämmigen Brasilianer und der Fußballfans in seiner Heimat.

 

Im September 1990 bestritt Miura sein erstes von insgesamt 89 Länderspielen. Seinen ersten Treffer für Japan erzielte der 1,77 Meter große Mittelstürmer zwei Jahre später beim 4:1-Sieg über Nordkorea. Mit 89 Länderspielen und 55 Treffern ist er Rekordtorschütze der Nationalmannschaft und bestritt auch die zweitmeisten Länderspiele, Bei einer WM war er jedoch nie dabei. Überhaupt war seine Zeit im Nationalteam von Reibereien überschattet: Der als „exzentrischer Brasilianer“ geltende Miura konnte sich nie ins Team integrieren und lag oft im Streit mit den Trainern, die in japanischer Tradition extreme Unterordnung forderten.

 

Erst 2024 kehrte er nach zwei Jahren beim portugiesischen Zweitligisten Oliveirense in seine Heimat zurück. Zuvor war er unter anderem noch in Italien, Kroatien und Australien unterwegs. Es muss etwas mit dem den Japanern nachgesagten eisernen Ehrgeiz zu tun haben, wenn Miura nach seiner jüngsten Partie, so als wäre er gerade 19 geworden, mit dem Satz zitiert wird: „Jetzt möchte ich mein Spiel noch weiter verbessern.”

 

Übrigens: Ältester Spieler Deutschlands, der in der Bundesliga aktiv war, ist Klaus Fichtel. Den alle der Einfachheit halber „Tanne” nannten. Damals hing im Parkstadion das mittlerweile legendäre Plakat mit der Aufschrift: „Der Wald stirbt, die Tanne steht!” Bis zum Alter von 43 Jahren, sechs Monaten und exakt drei Tagen lief der Abwehr-Recke für den FC Schalke 04 auf. Seine letzte Partie in der Bundesliga: am 21. Mai 1988 gegen Werder Bremen. 

 

Dahinter folgen der Peruaner Claudio Pizarro, der mit 41 Jahren, acht Monaten und 24 Tagen zuletzt für Werder Bremen aktiv war. Dann folgt sein Vereinskollege Mirko Votava, der es auf 40 Jahre und 225 Tage für die Norddeutschen brachte. Lothar Matthäus wiederum darf sich nicht nur Rekordnationalspieler (150 Einsätze) nennen. Der Welt- und Europameister ist auch der älteste eingesetzte DFB-Spieler. 20 Jahre und sechs Tage, so weisen es die Archive aus, liegen zwischen dem ersten und dem letzten Länderspiel des ehemaligen Weltfußballers, der seine Schuhe bei der EM 2000 letztmals für die deutsche Nationalmannschaft schnürte.

 

Zwangsläufig muss an dieser Stelle von ganz Neugierigen die Frage kommen, wer denn ältester FCM-Spieler aller Zeiten war. Das geht aus den Archiven leider nicht hervor. Zumindest denen nicht, die uns zugänglich sind. Ein „Paule“ Seguin käme da aber sicher in die engere Wahl. 18 Jahre trug er das blau-weiße Trikot, bevor er sich nach 380 Oberligaspielen verabschiedete. Allerdings: Die Frage stellt sich dann nicht, wenn es um den klassischen berufsmäßigen Fußball geht. Weil ja der FCM erst 2015 offiziell der Vorstoß ins Reich des bezahlten Kickerwesens gelang. Davor waren statusgemäß alle Amateure, die blau-weißen Helden von 1974 einmal kulant eingerechnet.

 

Einmal eine visionäre Zeitmaschine angeworfen: Einer, der den Miura Rekord sogar toppen könnte, schrieb dieser Tage die „FAZ“, wäre eventuell Thomas Müller. Sollte die übernächste Fußballergeneration Miura missen müssen, und stattdessen immer noch den Bayern-Angreifer mit schlohweißem Resthaar in die Räume stoßen sehen, wird jeder die Weisheit des Trainer-Propheten Louis van Gaal preisen, der einst meinte: Müller spielt immer.

Nr. 284 vom 23. Juli 2025, Seite 23

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