Die Industrie angekurbelt

Armaturen aus Magdeburg

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Magdeburg zu einem der wichtigsten Zentren des Maschinen- und Anlagenbaus in Deutschland. Die günstige Lage an der Elbe, die Nähe zu Rohstoffen und gut ausgebildeten Arbeitskräften begünstigten das Entstehen zahlreicher Firmen, die sich insbesondere auf den Bau von Armaturen, Mess- und Regeltechnik sowie kompletter Anlagen spezialisierten. Wohl einmalig am Standort Magdeburg war die Ausprägung einer sehr armaturenintensiven Industrie- und Verkehrsstruktur, einerseits gerichtet auf die traditionelle Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte, insbesondere Zuckerrüben, mit allein 20 Zuckerfabriken in Magdeburg und seinen Vororten, andererseits auf den Maschinenbau mit der Maschinenfabrik, der bereits 1838 gegründeten „Magdeburger Dampfschifahrts-Compagnie”, dem seinerzeit nach der Lokomotivfabrik Borsig Berlin zweitgrößten Industriebetrieb in Preußen und weiteren sechs bedeutenden Maschinen- und Apparatebau-Unternehmen, die sich auf den rasch wachsenden Markt für Dampfkessel, Dampfmaschinen und Ausrüstungen für Zuckerfabriken, Brennereien und Brauereien spezialisiert hatten. Schließlich sei noch das Verkehrswesen mit den vier wichtigen von Magdeburg ausgehenden Eisenbahnlinien (z.B. nach Leipzig, Berlin und Hamburg) genannt. Besonders an den großen Lokomotivbestand und die Betriebswerkstätte, aber auch an den Neubau und Betrieb zahlreicher Dampfschiffe, knüpften sich die besonderen Erwartungen für den Einsatz des robusten Patentmanometers.

 

Die richtige Beurteilung der Geschäftslage veranlasste Bernhard Schäffer und Christian Friedrich Budenberg 1850 zur Gründung eines Unternehmens. Wie so oft in jener Zeit, war die eigentliche Gründungsurkunde eine Patentschrift. In diesem Fall handelte es sich um das Plattfeder-Manometer, das sich Bernhard Schäffer 1850 patentieren ließ und das alsbald, wenn auch zunächst über den Umweg England, seinen Siegeszug in Deutschland und in die Welt antrat. Ihr Etablissement, die „Mechanische Werkstatt”, zielte auf eine neue Spezialbranche, die sich mit der Herstellung von „Manometern und anderen Armaturgegenständen“ beschäftigte. Wie das Preisverzeichnis vom 1. Januar 1866 verdeutlicht, schloss diese Spezialisierung alle Zubehörteile für Dampf- und andere Maschinen sowie Dampfkessel ein, wie es dann auch treffend bei der Umfirmierung in „Maschinen- und Dampfkessel-Armaturenfabrik” zum Ausdruck kam und prägend für die Zukunft wurde.

 

Der erfolgreiche Aufstieg von „Schäffer & Budenberg” rief vor dem Hintergrund einer stürmischen Entwicklung des Maschinenbaus naturgemäß die Konkurrenz auf den Plan. So finden wir in den folgenden Jahrzehnten bis zur Jahrhundertwende noch weitere 14 Handelsregistereintragungen über Armaturenfirmen, deren bedeutendste nachfolgend genannt seien:

 

  • 1864 die „Maschinen- und Armaturenfabrik” von C. Louis Strube,
  • 1868 die „Maschinen- und Armaturenfabrik” von Koch, Bantelmann & Paasch, später „VAKOMA”  Vakuumpumpen und Kompressoren-Bau,
  • 1873 die „Metallgießerei und Armaturenfabrik” von Heinrich Jürgens & Co., die 1885 von Eugen Polte übernommen und als „POLTE Armaturen-  und Maschinenfabrik” erfolgreich wurde,
  • 1873 die Maschinenfabrik „Eisen und Metallgießerei” von Richard Langensiepen, 1904 verlagert nach St. Petersburg, Russland,
  • 1883 die „Maschinen- und Dampfkesselarmaturenfabrik” von Wilhelm Strube.

 

Um 1900 fanden in den vorgenannten und weiteren fünf kleineren Armaturenbetrieben etwa 4.000 Menschen Lohn und Brot. 

 

Armaturen und Messgeräte aus Magdeburg bewährten sich weltweit im Dampfmaschinen-, Lokomotiv- und Schiffbau, in Industriebetrieben, in Kraftwerken, in der chemischen Industrie, im Bergbau ebenso wie in Talsperren, auf den Erdölfeldern, in Raffinerien und in den kommunalen Versorgungsnetzen der Großstädte. Der hohe technische Entwicklungsstand zeugte von dem ingenieurtechnischen und handwerklichen Können ihrer Erbauer. „Die rastlose Arbeit und der Fortschrittswille unserer Techniker”, wie der damalige Leiter der Patentabteilung von „Schäffer & Budenberg” 1941 bilanzierte, „wird nachhaltig belegt durch 1.000 registrierte Erfindungen seit Gründung des Unternehmens, für die 200 Patente und 150 Gebrauchsmuster zuerkannt werden konnten.“ Ohne das vergleichbare Zahlen vorliegen, wissen wir, dass die Verkaufserfolge auch der anderen Unternehmen wie „Polte” und „Strube” wesentlich durch neue Erzeugnisse mit technischen Vorzügen bestimmt wurden. Obwohl es Programmüberschneidungen bei den Magdeburger Unternehmen gab, hat der hieraus resultierende Wettbewerb zweifellos den technischen Fortschritt beschleunigt. Andererseits zeichnete sich schon frühzeitig die Spezialisierung auf Armaturen für bestimmte Zielgruppen und Anwendungsbereiche ab, in denen nachhaltig die Marktführerschaft errungen werden konnte.

 

„Schäffer & Budenberg” hatte sich neben seiner enormen Programmfülle systematisch auf die Hochdruck- und Heißdampfanwendung konzentriert und war auf diesem Gebiet weltweit führend. Unbestritten war auch die Marktführerschaft bei den Messgeräten. In den 20er bis 40er Jahren des 20. Jahrhunderts gehörte „Schäffer & Budenberg” zu den Wegbereitern der Prozess- und Anlagenautomatisierung. Die klassischen direkt anzeigenden und schreibenden Druck-, Vakuum-, Temperatur-, Kraft-, Drehzahl- und Mengenmessgeräte konnten nun, aufgerüstet mit modernen Starkstrom-Kontaktvorrichtungen, für die Fernmessung, -Überwachung und 

-Steuerung und in einfachster Weise auch für eine vollkommen selbsttätige Betriebsregelung verwendet werden. Es folgte die Entwicklung und Anwendung der modernen galvanometrischen, also elektrischen, Messtechnik mit den neuartigen Ortex-Anzeige-, Schreib-, Steuer- und Regelgeräten in Flachprofil-Bauweise, mit hoher Genauigkeit und den entsprechenden Spannungs- und Widerstandsgebergeräten (Thermoelemente, Widerstandsthermometer und -ferngeber zur Übertragung der messbaren Stellungsänderungen), die die Entwicklung der Prozessleittechnik maßgeblich beeinflussten.

 

Bei „Polte” waren es, wenn wir den traditionellen und bedeutenden Zweig der Herstellung von Geschossen, Geschosshülsen sowie der Maschinen zu ihrer Herstellung außer Acht lassen, patentierte Feuerlösch- und Trinkwassersysteme sowie Groß- und Spezialarmaturen für Talsperren, Hochöfen, Wasser- und Gasnetze sowie für die Öl- und Chemieindustrie. „Strube” richtete seine Hauptaktivitäten auf Lokomotiv- und Schiffsarmaturen, Sicherheitsventile, Pumpen und Funkempfänger. Bei „Koch, Bantelmann und Paasch” standen Dampfmaschinen, Luftpumpen und Kompressoren, Duplex-Dampfpumpen und Armaturen für Zuckerfabriken im Vordergrund.

 

Nach vier Jahrzehnten Frieden in Europa trieb der Kontinent zu Beginn des neuen Jahrhunderts auf den 1. Weltkrieg zu, der alle Bereiche der Gesellschaft in seine Vorbereitung, Durchführung und in das Erleiden der Folgen einbezog. „Schäffer & Budenberg”, „Polte” und „Strube” überlebten als Unternehmen, mussten jedoch den Verlust zahlreicher Auslandsniederlassungen in den Siegerstaaten hinnehmen. Nach Überwindung der Nachkriegswehen hatte schließlich die Magdeburger Armaturenindustrie ihre führende Stellung in Deutschland und internationale Geltung wiedererlangt. Bedeutende technische Verbesserungen und neue Bauarten aus den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, durch Patente unterlegt, konnten sich erfolgreich gegen die Wettbewerber durchsetzen, so der Fischbachschieber, das strömungsgünstige Rhei-Ventil, der Sera K Hochdruckschieber, die Vollhub- und hilfsgesteuerten Sicherheitsventile, die Sicherheitsschnellschluss- und Rohrbrucharmaturen, die Kondensatableiter sowie blockgeschmiedete Hochdruckarmaturen. Nicht vergessen werden dürfen die Pionierleistungen von „Schäffer & Budenberg” bei der Verbesserung der herkömmlichen und der Entwicklung neuartiger warmfester, zunderfreier und druckdichter Stahlgussqualität, die erfolgreich für die Hochdruck-Heißdampfanwendung eingesetzt werden konnten. Die Wurzeln bedeutender deutscher Armaturenwerke, wie „Sempell”, „Stahlarmaturen Persta” und „ARI” lassen sich nach Magdeburg zurückverfolgen.

 

Nach der sogenannten Machtübernahme im Januar 1933 begann eine Entwicklung, die im Zweiten Weltkrieg ihren verhängnisvollen Höhepunkt erreichte. 1945 lagen auch viele deutsche Städte in Schutt und Asche. Magdeburg verlor neben Tausenden von Wohnungen auch große Teile seiner Industrieanlagen, „Schäffer & Budenberg” z. B. war zu 60 Prozent zerstört. Mühsam begann der Wiederaufbau der Stadt und der Industrie, die Aufnahme der Produktion in den Werken wurde vorbereitet. 1945 ging der erste Elektro-Ofen wieder ans Netz, „Polte” begann mit 30 Arbeitern zu fertigen. Die als Rüstungsbetriebe eingestuften Unternehmen Polte, mit C. Louis Strube als 100-prozentige Tochter, und Schäffer & Budenberg wurden im Dezember 1945 unter Verwaltung der sowjetischen Besatzungsmacht gestellt, die folgende Anordnungen traf:

  • Demontage von Polte und C. Louis Strube. Ein Teil der Maschinen für die Armaturenproduktion und Herstellung von Bevölkerungsbedarf konnte   für die Nachfolgeunternehmen gerettet werden, die „Magdeburger Armaturen- und Metallwaren – fabrik GmbH, vormals Polte” (1946-1948) und  die „Industriewerke Sachsen-Anhalt, Maschinen-  und Armaturenfabrik, vormals C. Louis Strube,  Magdeburg”.
  • Übernahme Schäffer & Budenberg als Sowjetisch-Staatliche Aktiengesellschaft: „SAG  Messgeräte und Armaturenwerk Magdeburg,  vormals Schäffer & Budenberg, Magdeburg-Buckau”, ab 1946 bis Ende 1953.

 

1948 erfolgte die Unterstellung von Polte und C. Louis Strube als VEB Sanar Schwerarmaturenfabrik Magdeburg und VEB Sanar Spezialarmaturenfabrik Magdeburg der „Vereinigung Volkseigener Betriebe für Armaturen und sanitären Bedarf” VVB Sanar mit Sitz in Halle.

 

1950 wurde die Armaturenindustrie der DDR der „Hauptverwaltung Allgemeiner Maschinenbau” und später der „Hauptverwaltung Leichtmaschi-nenbau” des Maschinenbau-Ministeriums mit Sitz in Halle unterstellt.

 

1952 wurde der „VEB Sanar Schwerarmaturenfabrik vormals Polte” zum „Schwerarmaturenwerk Erich Weinert”. Die „Wilhelm Strube GmbH“ wurde nach Enteignung in den „VEB Sanar Spezialarmaturenfabrik vormals C. Louis Strube” eingegliedert. Ab 1. Januar 1954 wurde die „Sowjetische Staatliche Aktiengesellschaft AMO Geräte- und Armaturenwerk, vormals Schäffer & Budenberg Magdeburg-Buckau”, nach Rückgabe durch die sowjetische Besatzungsmacht zum „VEB Messgeräte- und Armaturenwerk Karl Marx Magdeburg”. 

 

1956: Eingliederung des vormaligen „VEB Sanar Spezialarmaturenfabrik Magdeburg in den „VEB Messgeräte- und Armaturenwerk Karl Marx”, Magdeburg nunmehr als Betriebsteil Spezialarmaturen. 

 

1958: Gründung der VVB Armaturen und Hydraulik mit Sitz in Halle als neue Vereinigung der Armaturenindustrie mit MAW „Karl Marx” als Leitbetrieb für Forschung und Entwicklung mit dem hierfür gebildeten ZEK – Zentrales Büro für Entwicklung und Konstruktion, dem späteren Institut für Armaturen.

 

1960: Vereinigung der beiden großen Magdeburger Armaturenbetriebe zu dem „VEB Magdeburger Armaturenwerke Karl Marx”.

 

1965: Ausgliederung des vormaligen Betriebsteils Messgeräte als selbständiges „VEB Messgerätewerk Erich Weinert”, nunmehr mit der Zugehörigkeit zur WB Automatisierungsgeräte Berlin.

 

1970 erfolgte die Bildung des Armaturenkombinats mit den „Magdeburger Armaturenwerken MAW” als Stammbetrieb (7.000 Beschäftigte). Zu diesem Verbund gehörten nunmehr die 12 bedeutendsten Armaturenwerke der DDR, wie „IAL Leipzig”, „Armaturenwerk Halle”, „Armaturenwerk Prenzlau”, „Armaturenwerk Hötensleben” sowie die moderne Stahlgießerei in Magdeburg-Rothensee und das Eisenwerk Tangerhütte mit insgesamt 18.000 Beschäftigten. Sie vereinigten 90 Prozent der Industrie-Armaturenproduktion mit mehr als 6.000 verschiedenen Erzeugnisgruppen und mehr als 100.000 Ausführungsvarianten.

 

Eine verzweigte Zusammenarbeit mit Instituten, Akademien und Hochschulen sorgte für eine zukunftsgerichtete wissenschaftlich-technische Ausrichtung, speziell auf den Gebieten der Grundlagenforschung, der Erzeugnisentwicklung und neuester Fertigungsverfahren. Ferner erfolgten Vereinbarungen mit Osteuropas Staaten hinsichtlich der Spezialisierung der Armaturenpalette. Erfahrungen und langjährige Tradition gingen mit der politischen und wirtschaftlichen Wende 1989 nicht verloren. Es erfolgten Firmenneugründungen und weitere mittelständische Unternehmen siedelten sich in den 1990er Jahren in der Magdeburger Region an, sodass sich die Armaturenbranche wieder zu einem expandierenden Wirtschaftsfaktor mit nationaler und internationaler Geltung entwickelt hat.

 

Über die facettenreiche Industriegeschichte Magdeburgs berichtet anhand ausgewählter, einst bedeutsamer Unternehmen das Sachbuch „Der Maschinen- und Anlagenbau in der Region Magdeburg zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ (ISBN  978-3 935831-51-2), dem dieser Text in Bearbeitung zugrunde liegt.

Nr. 284 vom 23. Juli 2025, Seite 20

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