Römers Reich: Wer schaut noch hin?

Einst sollte man bei ARD und ZDF als Zuschauer in der ersten Reihe sitzen. Doch die Reihen vor den Bildschirmen lichten sich. Das lineare Programm verliert kontinuierlich Zuschauer. Bei den jungen Menschen kommen die Angebote der Öffentlich-rechtlichen Sender kaum noch an. „Regelmäßiges Publikum von Live-TV ist 50 Jahre und älter – je jünger die Menschen, desto mehr nutzen sie Streamingdienste bzw. YouTube.“ So heißt es in der Medienstudie 2024, die regelmäßig im Auftrag von ARD und ZDF angefertigt wird. Bei den Privatsendern ist es nicht besser. Nur werden die letzteren TV-Anbieter nicht aus Gebühren finanziert. Rund 47 Millionen Beitragskonten müssen die monatliche Abgabe für den ÖRR zahlen. Aktuell beträgt der Monatssatz 18,36 Euro.
 
 
Wir wissen, dass das Leben einem rasanten Wandel unterliegt. Der macht auch vor Medien nicht halt. Zwar pochen Medienmacher klassischer Medienproduktionen gern auf ihre Professionalität und Bedeutung. Doch diese Beteuerungen können die Veränderungen nicht aufhalten. Vor allem, wenn in journalistischen Sendungen allzu oft Sendungsbewusstsein über eher richtige oder eher falsche Ansichten ausgespielt werden, wendet sich mancher Bürger mit Grausen ab. Es gehörte zum Selbstverständnis von Redaktionen, das politische bzw. gesellschaftliche Geschehen einzuordnen. Was nichts anderes heißt, man erklärt dem Publikum, auf welcher Seite die Guten oder die Schlechten stehen.
 
Das Missionarische scheint eine tiefe Verwurzelung in Europa zu haben. Schon der einzige Gott bzw. die richtige Religion wurde über den Kontinent und bald darüber hinaus missionarisch und wenn das nicht half,  auch militärisch durchgesetzt. Gedanken aus der Epoche der Aufklärung wurden ebenfalls in die Welt hinausgetragen. Und irgendwie wird diese europäische Belehrungskultur weitergepflegt. Ob sich die aus dem Mund der ehemaligen Außenministerin Annalena Baerbock als feministische zeigt oder aber in Erklärfluten aus den TV-Lautsprechern.
Man wird auch künftig trefflich über die verbreiteten Inhalte des ÖRR streiten.
 
Widersprüchlich bleibt jedoch, dass der stetig wachsende Finanzbedarf der Sendeanstalten nicht mit ihrer sinkenden Bedeutung einhergeht. Als Nutzer bleibt der Eindruck, dass mit noch mehr Geld einfach die Durchdringung aller öffentlichen Sphären aufrechterhalten werden soll. Leider gibt es keine verlässlichen Angaben dazu, wie nach Deutschland zugewanderte Menschen, die Sendungen des ÖRR annehmen. Vermutlich nutzen Migranten eher erreichbare Inhalte aus ihrem Kulturkreis. Aber das ist Spekulation. Wenn also immer mal wieder über eine Reform des ÖRR geredet wird, muss dessen tatsächliche Bedeutung bzw. sinkende Nutzung zur Sprache kommen und die Strukturen müssen angepasst werden. Von innen wird das nicht möglich sein. Große Apparate neigen nicht zur Veränderung, vor allem, wenn sie keiner Wirtschaftlichkeit unterliegen müssen. Stell dir vor, der Fernseher läuft, aber keiner schaut hin. Das könnte eine düstere Prognose für den ÖRR sein.
 
Axel Römer

Nr. 285 vom 6. August 2025, Seite 3

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