Gibt es Hoffnung auf einen Jungbrunnen?

Die Lebenserwartung in Industrieländern wird für die gesundheitliche Betreuung älterer Menschen eine zunehmende Herausforderung. Wenn es gelingen sollte, dem Alter mehr gesunde Jahre hinzuzufügen, kann das die Situation entspannen. Gibt es dafür hoffnungmachende Ansätze? | Prof. Dr. Peter Schönfeld

Das Gemälde „La Fontaine de Jouvence“ (1908, dt. Der Jungbrunnen) von Paul Gervais hängt im Capitole de Toulouse.

Menschen müssen sich in ihrem Leben oft mit Ungerechtigkeiten arrangieren. Nur Wenige besitzen so überdurchschnittliche sportliche, künstlerische oder geistige Anlagen, dass sie frühzeitig zu Überfliegern werden. Nicht alle Kinder haben Eltern, die umfänglich deren Bildung fördern oder werden in schwerreiche Familien hineingeboren, so dass auf sie ein materiell gepolsterter Lebensweg wartet. Davon abgesehen, Menschen altern auch unterschiedlich schnell. Nur ein Beispiel dazu: Der amerikanische Schauspieler Al Pacino („Der Pate“ oder „Der Duft der Frauen“), einer der renommiertesten Hollywood-Darsteller seiner Generation, wurde mit 83 Jahren nochmals Vater, in einem Alter, in dem andere der Pflege bedürfen.

 

In früheren Zeiten waren es vor allem Infektionen, die das Leben verkürzt haben. Das gilt auch heute noch für Menschengemeinschaften, die sich durch Jagen und Sammeln von pflanzlicher Kost ernähren und wenig Zugang zur modernen Medizin haben, wie bei den Tsimanen in Bolivien. Bei denen werden 72 Prozent der Todesfälle durch Infektionen verursacht. Einen sehr ähnlichen Wert (69 Prozent) fanden Jane Goodall und ihre Mitarbeiter auch bei ihren Forschungen für die in der Wildnis lebenden Schimpansen in Tansania. Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in England und Wales 25  Prozent der Todesfälle bei Frauen unter 40 Jahren durch Infektionen verursacht. Mit der Entdeckung der Bakterien und Viren als deren Verursacher gelang es, Möglichkeiten zu deren Behandlung und Eindämmung zu entwickeln.

 

Eine Bedrohung des Lebens durch Infektionen ist heute in den Industrieländern weitgehend verschwunden. Trotzdem existieren zwischen diesen noch große Unterschiede in der Lebenserwartung. So kann ein 2023 in Monaco geborenes Kind darauf hoffen 89,6 Jahre (Mittelwert von beiden Geschlechtern) alt zu werden, wogegen es bei einem im gleichen Jahr in Russland Geborenen nur 72,7 Jahre sind (Quelle: World Factbook der Central Intelligence Agency). Bei den Unterschieden zwischen den Industrieländern spielt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eine Rolle. Obwohl zwischen der Lebenserwartung und diesem Maß für die Wirtschaftskraft eine enge und positive Korrelation besteht, profitieren nicht immer die Bewohner eines Landes davon. So kann ein 2023 in den USA Geborener bei einem BIP von 76,5 € pro Einwohner durchschnittlich 80,8 Jahre alt werden. In Deutschland kann er trotz des niedrigeren BIP (49,5 € pro Einwohner) auf ein Jahr mehr hoffen (81,7 Jahre).

 

Aber die Gene mischen auch mit …

 

Ein Beispiel dafür ist das Gen des Apolipoprotein E, denn eine Variante (apoE4) von diesem verkürzt die Lebenserwartung um mehrere Jahre. Bei deren Trägern ist nicht nur das Blut-Cholesterol erhöht, sie haben auch ein erhöhtes Risiko für koronare Herzerkrankungen und Morbus Alzheimer. Davon abgesehen leben wir mit einem sehr alten, von den steinzeitlichen Jägern und Sammlerinnen ererbten „Gen-Cocktail“. Man kann diese Tatsache auch in Anlehnung an den Titel eines Buches so ausdrücken: Wir fahren als „Mammutjäger in der Metro“. Im Vergleich zu der kurzen Lebenserwartung unserer steinzeitlichen Vorfahren von etwa 30 bis 35 Jahren werden wir sehr alt. Deshalb ist es heute keine Seltenheit, dass bis zu 4 Generationen nebeneinander leben. Für den Fortbestand der Steinzeitmenschen hätte es ja eigentlich vollkommen genügt, wenn die Evolution deren Lebenserwartung bis zur Geschlechtstreife plus einige Jahre für die „Aufzucht“ der Kinder abgesichert hätte.

 

Unser heutiges langes Leben ist ja auch deshalb bemerkenswert, weil die Evolution nicht vorhersehen konnte, welche Gene der Steinzeitmenschen unser Altern mit Krankheiten belasten. Bluthochdruck, Arthritis, Osteoporose, Krebs oder Parkinson sind nur einige Beispiele für das Altwerden mit dem nicht-optimalen, genetischen Erbe der Steinzeitmenschen. Wäre der Steinzeitmann in der Lage gewesen, als gesunder Greis mit jungen Frauen Kinder zu zeugen, würden wir heute wahrscheinlich weniger mit  Alterserkrankungen „geschlagen“ sein.

 

„Hundert Jahre plus“ oder mehr Gesundheit im Alter

 

Seit dem Beginn der Industrialisierung in Westeuropa hat sich innerhalb von 250 Jahren die Lebenserwartung mehr als verdoppelt. Das ist hauptsächlich das Verdienst der verbesserten hygienischen Verhältnisse, einer gesünderen Ernährung und der durch Chemie und Physik immer wieder befruchteten Schulmedizin. Mit dem Anstieg der Lebenserwartung sind aber auch die Kosten für die Finanzierung des Gesundheitswesens und der Pflege der älteren Bevölkerung enorm angestiegen. Um dieser Problematik zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, wurde 2015 die „Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung“ (heute „Partei für Verjüngungsforschung“) gegründet.

 

Bei der letzten Bundestagswahl war einer ihrer Wahlslogans: „Wie alt willst Du werden? 80, 90, 100, 200, 500, …? Wähle jetzt!“ Aber trotz dieses in Aussicht gestellten Gewinns an Lebenszeit erhielt die Partei nur 304 Stimmen. Offensichtlich haben die Wähler Zweifel an der Umsetzbarkeit eines solchen Wahlversprechens gehabt. Außerdem sollte es nicht das Ziel sein, die gerontologische Forschung auf ein „Hundert Jahre plus“ auszurichten. Stattdessen ist es viel notwendiger, dem Alter mehr gesunde Lebensjahre hinzuzufügen. Um diesem Ziel näher zu kommen, werden aktuell zwei Strategien verfolgt. Die eine setzt auf die Reduktion der täglichen Kalorienaufnahme, ohne dass es dadurch zu einem Mangel an essentiellen Nahrungsbestandteilen, wie den Spurenelementen, Vitaminen, ungesättigten Fettsäuren, kommt. Die andere sieht in der Erneuerung des Immunsystems den Schlüssel, der uns dem Jungbrunnen näherbringt.

 

Kalorienrestriktion

 

Lange Zeit war es ein Rätsel, wie Tiere ihren Körper erwärmen. Mit dem Ursprung der Tierwärme hat sich Ende des 18. Jahrhunderts der französische Chemiker Antoine Laurent de Lavoisier und ehemalige Steuerbeamte des Königs eingehend beschäftigt, bevor sein Leben 1794 durch die Guillotine beendet wurde. Dazu hat er Meerschweinchen in eine gegen die Raumtemperatur isolierte und mehrfach ummantelte „Kiste“ gesteckt. Der an die Behausung des Meerschweinchens angrenzende Zwischenraum war mit Eisstückchen gefüllt. Durch die Körperwärme begann das Eis zu schmelzen. Die dafür benötigte Körperwärme konnte anhand des gebildeten Schmelzwassers gemessen werden.

 

Außerdem wurden der für das Eisschmelzen benötigte Sauerstoffverbrauch des Meerschweinchens und dessen Kohlendioxidbildung bestimmt. In einem anderen Experiment erzeugte Lavoisier das Schmelzwasser mit einem Feuer in der „Kiste“ und bestimmte dafür den Sauerstoffverbrauch und das gebildete Kohlendioxid. Anhand des Vergleichs der Ergebnisse von beiden Experimenten ergab sich für ihn nur eine Schlussfolgerung, nämlich, dass die Wärme im Körper der Meerschweinchen durch eine ähnliche Verbrennung, wie die in einem Ofen abläuft, erzeugt wird. Heute müssen wir diese frühe Einsicht in den tierischen Energiestoffwechsel so formulieren: Energie wird in den Körperzellen (hauptsächlich) durch Verbrennung von Wasserstoff gebildet, der aus den in den Nahrungsmitteln enthaltenen Kohlenhydraten und Fettsäuren abgespalten wird. Damit ist die Quelle für die freigesetzte Energie die uns vom Chemieunterricht bekannte „Knallgas-Reaktion“. Letztere läuft allerdings in den Zellen viel komplexer ab.

 

Um am Leben zu bleiben, müssen unsere Körperzellen ständig Kalorien zur Verfügung haben. Wegen der Abhängigkeit all unserer Aktivitäten von der Energie, muss es geradezu als paradox erscheinen, dass weniger Kalorien das Leben verlängern sollen. Aber genau das wurde bei Würmern, Fliegen und Mäusen herausgefunden. Inzwischen gibt es auch Belege dafür, dass die Zufuhr von weniger Kalorien auch positive Wirkungen auf die menschliche Gesundheit hat. Das berichtet eine von der renommierten Columbia Universität in New York durchgeführte Studie mit einer großen Zahl von normalgewichtigen und gesunden Frauen und Männern im Alter von 21 bis 50 Jahren. In dieser durfte sich eine Hälfte der Probanden normal ernähren, die andere Hälfte musste sich mit 25 Prozent weniger Kalorien begnügen, ohne dadurch einem Gesundheitsrisiko ausgesetzt zu sein. Die Auswertung bestimmter Blutindikatoren ergab, dass sich in der „kalorienreduzierten Gruppe“ der Alterungsprozess verlangsamt hatte und sich das Sterblichkeitsrisikos um bis zu 15 Prozent verminderte. Solche Ergebnisse nähren den Optimismus, dass ein Verlangsamen des Alterns prinzipiell möglich ist. Erklärt wird der Lebenszeitgewinn mit der Aktivierung von „Langlebigkeitsenzymen“ (Sirtuine), die Reparaturen am Erbgut ausführen und eine Modulation von Signalwegen des zellulären Energiestoffwechsels bewirken.

 

Durch die letztere Aktivität wird u.a. angefallener Zellmüll abtransportiert (Autophagie). Dass die Kalorienzufuhr eine Stellschraube für ein langes Leben ist, könnte auch erklären, dass die Bewohner der japanischen Insel Okinawa eine deutlich höhere Lebenserwartung haben als die Mehrzahl der Japaner. Die Insel galt lange Zeit als sehr arme Region, was dazu geführt hat, dass dort auch heute noch deutlich weniger Kalorien konsumiert werden.

 

Inzwischen wird daran gearbeitet, die Sirtuine ohne Kalorienrestriktion zu aktivieren. Pflanzliche Inhaltsstoffe wurden gefunden, die dem Körper eine Kalorienrestriktion vortäuschen (Mimetika). Der vielleicht bekannteste ist das Resveratrol im Rotwein. Dieses Polyphenol verlängert die Lebenserwartung von Fruchtfliegen, aber auch die von Mäusen. Das ein solches Resultat große Begeisterung unter den Rotweintrinkern ausgelöst hat, kann deshalb kaum verwundern. Allerdings wird auf den zweiten Blick die Euphorie gedämpft. Wenn nämlich die den Mäusen verabreichte Menge an Resveratrol auf einen Menschen hochgerechnet wird, muss dieser täglich mindestens 15 Flaschen Rotwein trinken.

 

Und die Verjüngung des Immunsystems

 

Ein starkes Immunsystem gilt heute als der Hoffnungsträger für die Altersgesundheit. Mehrere Befunde deuten darauf hin, dass am Altern ein frühes „Vergreisen“ der Immunabwehr eine gewichtige Rolle spielt. Davon scheint die Thymusdrüse besonders betroffen zu sein. Abgesehen von der eingangs beschriebenen hohen Sterblichkeit durch Infektionen, wird die Rolle des Immunsystems durch einen „Verjüngungscocktail“ aus dem Wachstumshormon Somatotropin, dem Diabetesmedikament Metformin und Dehydroepiandrosteron (ein Ausgangsstoff für die Sexualhormone), befeuert. Mit diesem Cocktail hat der amerikanische Biogerontologe Fahy einigen Männern wieder zu dunklen Haaren, mehr Muskelkraft und weniger Prostatatumoren verholfen. Die Bestandteile des Cocktails lenkten auch die Aufmerksamkeit auf die Thymusdrüse, einem wichtigen Akteur des adaptiven Immunsystems. Die im Knochenmark gebildeten, unreifen T-Zellen (Thymozyten) müssen im Thymusgewebe für ihre späteren Funktionen im Körper vorbereitet werden.

 

Erfolgt diese „Schulung“ nicht, dann greifen diese weißen Blutzellen normale Körperzellen an, wodurch es zu Autoimmunkrankheiten, wie Morbus Crohn oder Multiple Sklerose, kommt. Außerdem müssen T-Zellen treffsicher Virus-infizierte Körperzellen und entartete Krebszellen eliminieren. Leider altert die Thymusdrüse schneller als andere Organe, und deshalb ist bereits im fünften Lebensjahrzehnt nur noch wenig aktives Thymusgewebe vorhanden. Mit dem Untergang des Thymusgewebes nimmt die Anzahl der im Blutkreislauf zirkulierenden „geschulten“ T-Zellen ab. Das schnelle Altern des Thymusgewebes hat die Suche nach Möglichkeiten beflügelt, dieses zu „verjüngen“.  Inzwischen wurde dafür auch eine Schlüsselstelle, der „RANK“-Zellrezeptor, in der Erbanlage der Thymuszellen bei Mäusen gefunden. Bildlich gesprochen entspricht der Rezeptor einem Klingelknopf, und „Klingeln“ an diesem setzt die Bildung und nachfolgende „Schulung“ von  neuen T-Zellen in Gang.

 

In Deutschland gibt es einen Unternehmensberater, der sich eine zwölfmonatige Verjüngungsbehandlung für 15.000 Euro geleistet hat. Mit dem obigen, die Thymusdrüse „verjüngenden“ Cocktail,  konnte er sein chronologisches Alter von 59,5 Jahren auf das biologische Alter von 56,4 zurückdrehen. Allerdings ist die Behandlung nicht für jeden geeignet. Vor Beginn der aufwendigen und kostspieligen Anti-Aging-Behandlung müssen zuerst verschiedene Ausschlusskriterien überwunden werden.

Nr. 285 vom 6. August 2025, Seite 4

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