„Tiangong“ lief nur hinterher

Warum humanoide Roboter jetzt sogar den sportlichen Vergleich mit den Menschen suchen. | Von Rudi Bartlitz

Es waren Bilder aus China, wohl geeignet für TV-Jahresrückblicke jedweder Art. Die Stars der Show waren staksige, sogenannte humanoide Roboter, die in ihrem Erscheinungsbild aussehen sollten wie „richtige“ Menschen. Zwei Beine waren zwingende Vorschrift, die meisten Robos verfügten sogar zusätzlich über Kopf, Rumpf und zwei Arme. Diese lustigen Kerle sollten sich nun erstmals in einem Rennen gegen Läufer messen, die der Spezies Homo Sapiens zuzuordnen waren. Als Streckenlänge galt es im Pekinger Stadtteil Yizhuang die Halbmarathon-Distanz zu absolvieren, also 21,1 Kilometer.

 

Absperrungen trennten die Laufstrecke der Roboter von der ihrer menschlichen Konkurrenten. Zudem galten spezielle Regeln: Ingenieure durften bei ihren Hightech-Schützlingen nachjustieren, die sonst nicht ins Ziel gekommen wären. Dafür gab es allerdings Zeitstrafen. Wenig überraschend kam nach 1:11,07 Stunden als Erster ein chinesischer Athlet und kein Roboter ins Ziel. Der schnellste Humanoid hieß „Tiangong“, für ihn wurden 2:40,24 Stunden ins Ergebnisprotokoll eingetragen.

 

20 Unternehmen und Forschungseinrichtungen beteiligten sich mit ihren Modellen. Manch ein Roboter blieb gleich beim Start liegen, wie in einer Übertragung des chinesischen Staatsfernsehens zu sehen war. Andere liefen so langsam, dass ihre Erbauer hinterhergehen konnten. Einer brach, wie einst bei echten Marathon-Wettbewerben, auf der Ziellinie zusammen. Neben den Robotern hatten sich mehr als 10.000 Läufer angemeldet. Fazit (und Hoffnung für den Menschen zugleich): Mit durchschnittlich acht Kilometer pro Stunde sind die Maschinen deutlich langsamer als der Mensch und haben keine Chance – schwitzen dafür aber auch nicht.

 

Die Organisatoren wiederum verglichen den Lauf mit einem Autorennen, bei dem es um Ingenieurskunst und Navigation gehe. Neben der technischen Seite war das Ganze auch Ausdruck politischer Bemühungen. Die Regierung in Peking kommuniziert ihre Unterstützung für die humanoiden Roboter und die Künstliche Intelligenz, wo sie nur kann. Auf der Gala zum chinesischen Neujahrsfest haben schon mehrmals humanoide Roboter getanzt.

Es handelt sich also auch um politische Propaganda nach außen, die Chinas technologische Fortschrittlichkeit demonstrieren soll. Angesichts der Videos, die auf westlichen wie auch chinesischen sozialen Medien millionenfach angesehen wurden, scheint das Rennen beide Ziele erfüllt zu haben. Denn: Der Markt für Roboter verspricht in den kommenden Jahrzehnten Hunderte Milliarden US-Dollar wert zu werden. Wie die „Financial Times“ jüngst berichtete, gehen Analysten großer Banken davon aus, dass die jährlichen Verkäufe von Robotern bis 2050 bis zu 50 Millionen Stück erreichen könnten.

 

Bei allem Jux und allem Spaß, Einmaligkeitscharakter hatte es andererseits nicht, was da Ende April in Peking zu beobachten war. Nämlich eine Neuauflage des gar nicht mehr so neuen Kampfes: Mensch gegen Maschine. Man erinnert sich an die ersten Schach-Duelle gegen Computer. Es war damals ein gehöriger technologischer Einschnitt, als der IBM-Schachcomputer „Deep Blue“ im Mai 1997 die letzte und entscheidende Partie im Wettkampf gegen den damaligen russischen Weltmeister Garri Kasparow gewann.

 

Ein anderes Beispiel: Anfang 2018 nahmen Roboter im eine Stunde von Pyeongchang entfernten Skigebiet Welli Hilli am weltweit ersten Skirennen von Robotern teil. Die Veranstaltung wurde von der südkoreanischen Regierung organisiert, um die Fortschritte im Bereich der Robotik zu präsentieren. Die Grundregeln lauteten: Die Roboter müssen eine menschliche Gestalt haben (d. h. sie müssen auf zwei Beinen stehen und Gelenke haben, die an Ellbogen und Knie erinnern), mindestens 50 Zentimeter groß sein und normale Skistöcke und Skier benutzen. Eingebaute Kamerasensoren wurden verwendet, um den Humanoiden dabei zu helfen, sich auf den Pisten zurechtzufinden und die Slalomstangen auf der Strecke zu erkennen und zu umfahren.

 

Heute lässt sich konstatieren: Egal ob Wettkampf, Training, Leistung oder Zuschauererlebnis – Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik haben großes Potenzial, den Sport in vielerlei Hinsicht zu verändern. Andere mögliche Anwendungen der KI sind Chatbots zur Interaktion mit Fans, automatisierte Video-Highlights für eine bessere Live-Übertragung sowie die Optimierung der Werbeplatzierung. Auch der Ablauf beim Ticketkauf und die Teilnahme an Veranstaltungen kann durch die KI-Technologie verbessert werden.

 

In der modernen Trainingssteuerung wiederum zählen längst nicht mehr nur Intuition und Erfahrung. Wer heute im Spitzensport erfolgreich sein will, muss Algorithmen verstehen. Künstliche Intelligenz hat ihren festen Platz in Spielanalyse, Belastungssteuerung und Scouting gefunden – nicht als Ersatz für den Menschen, sondern als Ergänzung. Ein Beispiel dafür: Ein Selbstversuch mit ChatGPT vor einem Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft lieferte eine Aufstellung, in der gleich zwei Spieler gelistet wurden, die überhaupt nicht im Kader standen. Bei aller Begeisterung für KI – dies zeigt anschaulich, dass es ohne menschliche Kontrolle nicht gehen wird. Jedenfalls nicht in naher Zukunft …

 

Wie diese Zukunft auf dem Fußballfeld demnächst aber auf jeden Fall aussehen könnte, beschreibt Maximilian Hahn, der in der englischen Premier League tätig ist, so: „Wir bewegen uns darauf zu, auf den Trainerbänken eine Art Race Cockpit wie in der Formel 1 zu bekommen.” Eine digitale Steuerzentrale für Echtzeitdaten, Taktikmodelle und Visualisierungen – live während eines Fußball-Spiels.

Nr. 285 vom 6. August 2025, Seite 33

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